SPANDAU. Der Fernbahnhof steht seit Wochen unter Wasser. Die Züge Richtung Hamburg und Berliner Innenstadt fahren trotzdem. Die Treppen sind in den Fluten versunken, deshalb bringen Wasserfahrzeuge der Bundeswehr die Fahrgäste zu den Bahnsteigen. - Es ist der 1. April 2005. Spandau erlebt das schwerste Hochwasser seiner Geschichte. Der Pegel der Havel steht bei 6,70 Meter. Rainer Gau spricht oft von dieser Szene. Es ist seine Szene. Seine Idee. Seine Fiktion. Rainer Gau leitet die Jugendfreizeiteinrichtung in der Kladower Imchenallee. Mit jungen Leuten teilt er die Begeisterung für Modelleisenbahn-Anlagen. Vergangenes Jahr entstand die "Fliegende Schokolade" - eine realistische Szene aus der Zeit der Luftbrücke. Nun ist die Spandauer Altstadt dran. Bis September soll das Modell fertig sein. An den Wochenenden und an Feiertagen wird gebaut, gesägt und gefeilt. Eine andere Gruppe kümmert sich derweil um die Dokumentation. Wie kann es zu einer Flut kommen? Kann auch Spandau zum Hochwassergebiet werden? - Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Jugendlichen. "Genau das ist ja auch das Ziel", sagt Gau. "Die Teilnehmer unseres Projekts sollen sich auf spielerische Weise mit Umweltkatastrophen auseinander setzen." Hintergrund ist die Flut im vergangenen Jahr in Süddeutschland und Brandenburg. "Viele haben keine Vorstellung davon, wie es zu einem Hochwasser kommen kann", sagt Gau.Die Brücke steht schon, auch die Schienen sind bereits verlegt. Aber die Plexiglasscheiben - sie stellen das Hochwasser dar - fehlen noch. Genauso Häuser und Bäume, deren Wipfel aus dem Wasser ragen werden. Ein Boot mit einer Solarzelle auf dem Mast liegt neben dem Modell. Es wird später in das Plexiglas eingepasst. "Von dort aus sendet unser Flutradio", sagt Rainer Gau. Informationen zum Hochwasserpegel gibt es, Verkehrshinweise, aber auch Interviews mit dem Bundeskanzler. Dessen Stimme soll der Vater eines der Jugendlichen mimen. Alles zusammen nehmen Gau und seine Mitstreiter auf ein Tonband auf. Das kommt in einen Walkman. Über Lautsprecher für Computer gelangen die Töne dann nach außen. Es ist viel Technik, die verbaut wird. "Aber gerade das macht ja auch Spaß", sagt der 15-jährige Patrick Schmett. Am Ende liegt es auch an ihm, ob das Radio funktioniert, die Züge fahrbereit sind und das Altstadt-Modell den Skizzen entspricht. Und an den sechs Mädchen in der Gruppe. "Wir haben gesägt und kümmern uns später um die Figuren", sagt Sanja Hartenbauer. Die werden von den Mädels angemalt.Es ist eine mühsame Arbeit, denn viel Platz für Fahrzeuge, Häuser und Menschen gibt es nicht. Das Modell misst hundert mal 60 Zentimeter. Es ist Teil einer großen Anlage, die Anfang Dezember während der Internationalen Modellbahnausstellung in München zu sehen sein wird. Schulen und Jugendeinrichtungen aus ganz Deutschland werden ihre Modelle präsentieren unter dem Motto "Unsere Bahn der Zukunft". Und die ist aus Sicht der Spandauer von Wasser umgeben - ober- und unterirdisch. Wasserdichte Tunnelsprinter - eine Art U-Boot auf Schienen - ersetzen die U-Bahn. Denn auch die U-Bahn-Tunnel stehen unter Wasser."Von einem Boot aus sendet unser Flutradio. " Rainer Gau, Projektleiter.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Patrick Schmett am Modell: Das Schiff ist gleichzeitig Radiostation für die vom Hochwasser betroffene Bevölkerung.
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