Junge Belgrader feiern das Kriegsende wie einen Triumph, und nur die Opposition fragt laut nach der Schuld von Milosevic

Ein Sieg für eine Nacht

Martina Doering
6 Min

BELGRAD, 10. Juni. Grellrot steigt am Mittwochabend um 22.45 die erste Feuerwerksrakete in den Himmel über Belgrad. Sieben Minuten zuvor hatte das staatliche serbische Fernsehen verkündet: "Der Vertrag zwischen der UNO und Jugoslawien ist unterzeichnet. Die völkerrechtswidrigen Nato-Bombardements werden ausgesetzt. Jugoslawien hat gesiegt." Eine Viertelstunde später füllt sich die Innenstadt. Autos bilden Konvois, ein Hupkonzert beginnt, aus den Lautsprechern der Wagen dröhnt laute Musik. Junge Leute schwenken jugoslawische Fahnen und schreien "Sieg!Sieg!Sieg!" Immer mehr Menschen versammeln sich auf dem Platz der Republik und den Treppen des Nationaltheaters. Dann geht eine britische Fahne in Flammen auf, ein nackter Hintern wird ausländischen Kamerateams vor die Linsen gehalten. Ein junger Mann in Armeeuniform steht einwenig abseits. Er hält seine Freundin im Arm, und sagt, daß er erleichtert ist. Am Donnerstag wäre sein Fronturlaub beendet gewesen, seine Marschrichtung hätte wieder "Kosovo" gelautet. "Wie der Text des Abkommen lautet, weiß ich nicht. Und was es für Jugoslawien bedeutet, dazu habe darf ich als Soldat ohnehin keine Meinung haben", erklärt er. Seine Freundin Jordana ringt sich zu dem Satz durch, daß das Wichtigste wohl das Ende der Bombardierungen sei. Neben dem Paar steht die Studentin Natasa Jovanovic. Sie nennt das Ergebnis der Krieges eine "militärische Niederlage für die Nato und eine politische Niederlage für USA-Präsident Clinton". Eine innere AngelegenheitFür das Ehepaar Mitunovic, das sich abseits des Trubels hält, ist die Sache eher unentschieden. Es sei kein Sieg, aber auch keine Niederlage. Noch wisse man nichts über die Details. Und über die Zukunft des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic habe eigentlich wieder einmal der Westen entschieden, indem er ihn als Vertragspartner akzeptierte. Er sei gewiß kein Anhänger von Milosevic, sagt Miroslav Mitunovic. Aber der sei schließlich vom Volk gewählt, und wenn es ihn nicht mehr will, werden die Leute ihre Stimme einem anderen geben. Das sei eine innere Angelegenheit seines Landes, eine Frage, bei der keiner aus dem Ausland mitzureden hätte. "Schon gar nicht, wenn der Westen Milosevic einerseits die Hand reicht, ihn aber gleichzeitig verteufelt."Plötzlich taucht im Schlenderschritt der Philosoph Daniel Schiffer mit seiner serbischen Freundin in der Menge auf. Der Franzose wird in serbischen Zeitungen gerne gemeinsam mit Peter Handke genannt, wenn es darum geht, "Freunde des serbischen Volkes" zu präsentieren. "Der Kieg endet mit einer Niederlage für Serbien", sagt Schiffer in dieser Nacht. Das steht für ihn außer Zweifel. Aber für eine Analyse der Lage oder Aussagen über die Zukunft sei es noch viel zu früh. Die staatlichen Medien sind da am nächsten Morgen weit meinungsfreudiger. Sie geben am Donnerstag eine selbstzufriedene, optimistische Einschätzung der Lage. Der Frieden sei das "Resultat der Politik, die unser Präsident die ganze Zeit verfolgt hat", heißt es im Rundfunk, "einer Politik gegen den Krieg." Und die Politika titelt: "Wir haben den Staat, das Volk und den Frieden beschützt". Es sind Oppositionspolitiker wie Slobodan Vuksanovic, die an diesem Morgen auch über die Friedhöfe in Jugoslawien reden. Selbst in den Dörfern gebe es dutzende frische Gräber für die gefallenen Soldaten, sagt der Vize-Chef der Demokratischen Partei. Vuksanowic hofft nun auf die Überlebenden, die aus dem Kosoovo nach Hause zurückkehren. "Sie werden über ihre Erlebnisse berichten", sagt er, "und ihre Familien werden ihnen Glauben schenken und nicht der Propagnada von Milosevic." Dann werden sie Fragen stellen, glaubt der Oppositionspolitiker. Sie werden wissen wollen: Warum hatten wir 79 Tage Krieg, wenn wir das Ergebnis schon vor zwei Monaten oder sogar schon vor zehn Jahren hätten haben können? Und sie werden fragen, wer schuld ist an dieser Misere. Milosevic würde sich dann nicht mehr lange halten können. Doch um sein Regime zu stürzen, muß die Opposition eine glaubwürdige Alternative anbieten, weiß Vuksanowic. "Na, hast Du den Sieg schon ausgiebig gefeiert, wird Nebojsa Popov im Belgrader "Medienzentrum" ironisch gefragt. Dieses Zentrum, wurde eingerichtet von Journalisten, die der Säuberungswelle in den Medien zu Anfang des Krieges zum Opfer gefallen waren. Es ist zum Zufluchtsort für Intellektuelle und oppositionelle Journalisten sowie zu einer zuverlässigen Informationsquelle ihre ausländischen Kollegen geworden. "Ich kann keinen Sieg erkennen," bescheidet der Schriftsteller und Soziolge seinen Freund kurz. Außerdem müsse man bei Milosevic auf alles gefaßt sein.Auch für Nebojsa Popov ist die entscheidende Frage nun, ob in Jugoslawien eine Debatte über die Ursachen und die Verantwortlichen nicht nur dieses Krieges ihren Anfang nehmen wird. Erst wenn die Serben bereit seien, sich selbstkritisch zu befragen, sagt Popov, könnte das Regime von Milosevic abgelöst werden. Wichtiger und schwieriger als der Wiederaufbau der Wirtschaft sei es, die Gesellschaft zu erneuern. "Denn unsere Kultur ist am Ende, sie ist durchdrungen von Haß, aggressiven Legenden und nationalstischer Ideologie." Durch den Abschluß des Friedensvertrages mit dem serbischen Regime sei eine mögliche Erneuerung der Gesellschaft nicht erleichtert worden, sagt Popov. Gleichwohl sieht er einen Hoffnungsschimmer. Die Opposition sei zwar schwach und zerstritten, aber unbemerkt von der serbischen und internationalen Öffentlichkeit geschehe an der Basis etwas, "über das sich Milosevic allmählich Sorgen machen sollte". Popov meint damit die Arbeit ganz kleiner Parteien, die Arbeit von Gewerkschaftern, Frauenorganisationen, Kriegsgegnern, Müttern von Reservisten sowie die Bemühungen jener Stadtverwaltungen, die seit den Protesten von 1996/97 noch immer von Politikern des einstigen Oppositonsbündnisses "Zajedno" geleitet werden. Jahre der EnttäuschungNebosja Popov schaut aus dem Fenster des Medienzentrums auf den Platz der Republik. "Das sind ganze junge Leute gewesen, 15- bis 20jährige, die gestern dort einen vermeintlichen Sieg gefeiert haben", sagt er. "Sie haben nichts anderes kennengelernt als Krieg, Auseinandersetzungen und Milosevic." Dann spricht Popov von jenen Belgradern, die in der vergangenen Nacht nicht auf dem Platz gefeiert haben: "Sie wissen, daß es kein Sieg ist, und sie ahnen, daß es ziemlich schlimm kommen kann. Deshalb blieben sie lieber zu Hause." Für Dejan Michailovic, einen Lektor in einem kleinen Verlag, gibt es keinen Zweifel daran, daß der Krieg mit einer Niederlage endete. Und auch er ist sich sicher, daß es noch härter kommen wird. Dennoch war er in der Nacht auf dem Platz der Republik unterwegs, zusammen mit Journalisten, um Leute zu befragen. Er wollte wenigstens einen Belgrader treffen, der sich fragt, was die Zukunft bringen wird. Er fand niemanden und hat schließlich resigniert aufgegeben. Im Jahr 1991 haben Michailowic und seine damaligen Kommilitonen auf diesem Platz und der Straße zur Belgrader Universität gegen den Kriegskurs der Regierung demonstriert. Damals hat das Regime Panzer auffahren lassen, der Protest wurde niedergeschlagen. 1995 dann haben er und seine Freunde nach dem Abschluß des Dayton-Abkommens auf Veränderungen in der Gesellschaft gehofft. Sie wurden enttäuscht. Als er sich 1996 und 1997 der demokratischen Opposition und den Studenten anschloß, die wochenlang gegen die Manipulation der Kommunalwahlergebnisse protestierten, schien das Regime schon am Ende. Doch die Chefs der Opposition vergaben die Chance wegen persönlicher Querelen. Jetzt hat die Führung Serbiens auch diesen Krieg überstanden. Dejan Michailovic hat keine Lust mehr auf Politik. Als in der Nacht zum Donnerstag um 0.45 Uhr die Straßenbeleuchtung in Belgrad nach über zwei Monaten zum ersten Mal wieder eingeschaltet wurde, ist er müde nach Hause gegangen.

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