ROM. "Madonna mia, wenn das nur gut geht." Der junge Mann im Flug 4690 sendet ein Stoßgebet zum Himmel. Eine sonore Stimme bittet die Fluggäste, sich anzuschnallen. Verstohlen bekreuzigt sich Salvatore. Es ist der erste Flug seines Lebens. Er lehnt sich quer über seinen Nachbarn, um einen Blick aus dem Fenster zu erhaschen. "Kannst Du das Brandenburger Tor sehen?" Enzo lacht, "jetzt bleib mal cool".Das Flugzeug schiebt sich im Landeanflug auf den Flughafen Schönefeld ruckelnd durch schwere Wolkenbänke. "Ist es sehr kalt?", fragt Salvatore besorgt. Seine Mutter hat ihn genötigt, seine Winterjacke mitzunehmen. Man weiß ja nie. Deutschland soll so kalt sein, selbst jetzt, im Sommer. Für Salvatore ist Deutschland die terra incognita nördlich der Alpen, deren Hauptstadt unter jungen Italienern einen geradezu sagenhaften Ruf hat. Cool, kreativ, unfertig und ständig in Bewegung - Berlin ist all das, was Rom nicht ist. Eine Verheißung für einen wie Salvatore, 20 Jahre jung, in einer Vorstadt Roms aufgewachsen.Monatelang hat er für drei Tage Dolce vita an der Spree gespart. Jetzt ist er aufgeregt, redet, zappelt und lacht ununterbrochen. Wer zur sogenannten 1 000-Euro-Generation gehört und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, fliegt nicht jeden Monat durch Europa. Einen Freund wollen die Männer besuchen. Der lebt, wo es am coolsten ist, am Prenzlauerrr Berrrck.Die ungewohnten deutschen Konsonanten zerhacken den weichen Römer Dialekt. Ob die S-Bahnen fahren, wollen die beiden wissen. Wie man den Eingang findet? Wo man Fahrkarten bekommt? Ob es sicher ist, nachts ins Zentrum zu gehen? Wo sind die angesagten Clubs, wo kann man billig essen? Salvatore schiebt die Augenbrauen hoch. Sie sind sorgfältig gezupft, wie sich das gehört für junge hippe Römer. Das Essen soll ja nicht so gut sein in Deutschland, sagt er vorsichtig. Und die Mauer würden sie gern sehen.Ach, die findet man gar nicht mehr so leicht? "Merkwürdig", sagt Salvatore. Aber warum auch soll man sich mit den Abgründen der Geschichte eines Landes herumschlagen, über die junge Leute in Italien ohnehin nicht allzu viel wissen. Ein Freund seines Großvaters habe viel von Faschisten und Nazis gesprochen, sagt Salvatore, habe die Kinder mit seinen Erzählungen über den Krieg und den heldenhaften Kampf der "Resistenza" gegen die Schwarzhemden von Benito Mussolini gelangweilt. Das ist einer der Gründungsmythen des modernen Italien.Heute gelten die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland offiziell als weitgehend unproblematisch, doch die Vergangenheit kriecht immer wieder hervor. Eine deutsch- italienische Historikerkommission soll jetzt die gemeinsame Kriegsvergangenheit aufarbeiten. Das kollektive Gedächtnis in Italien hat die eigenen ideologischen Irrwege in den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts in ein gnädiges Licht getaucht. Erst Hitler, so eine gängige These, habe Mussolini die aggressive Variante der Judenverfolgung aufgezwungen. Italien verklagte die Bundesrepublik Deutschland auch auf Schadenersatzzahlungen für NS-Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Der Fall beschäftigt den Internationalen Gerichtshof in Den Haag."Das ist alles so lange her", sagt Salvatore, "was kümmert uns das noch." Immerhin ist Deutschland mittlerweile ein demokratisches Land und reich, viel reicher als Italien. Und es wird von einer Frau regiert. "Interessant" findet Enzo das. Der Unterton sagt viel: Man bewundert "La Merkel" in Italien, fürchtet sie aber auch. So viel Effizienz und preußische Strenge erscheinen umso exotischer, je weiter südlich man lebt.Der Blick auf die Kanzlerin ist nicht untypisch: Man bewundert die Deutschen insgesamt und beneidet sie auch ein bisschen - nur geliebt werden sie nicht. So lautet eine Redensart aus den 50er-Jahren. Umgekehrt ist Italien zwar für viele Deutsche ein Sehnsuchtsort, ein sonniges Arkadien geblieben, doch seitdem die Italiener abermals den Medienmogul Silvio Berlusconi ins Amt gewählt haben, ist das Verhältnis erkaltet, hat der Turiner Historiker Gian Enrico Rusconi beobachtet. "Alte Vorurteile haben neue Nahrung erhalten."Vielen Italienern erscheint Deutschland als ein kühler, etwas herablassender Riese. Generationen von armen Süditalienern zogen über die Alpen, um den Lebensunterhalt für die Familien zu Hause zu verdienen. Sie brachten Pizza und Lasagne nach Deutschland und veränderten nicht nur die Esskultur im Norden nachhaltig. Doch die "Gastarbeiter" blieben lange Zeit allenfalls geduldet, beliebt waren sie auch dann noch nicht, als sie längst keine Gäste mehr waren.Die italienischen Migranten wiederum sahen Deutschland, anders als die USA, nicht als Herzensangelegenheit, sondern als einen Ort, wo man mit etwas Glück teilhaben konnte an den Segnungen des Wirtschaftswunders. Heimat, ein Wort, das es im Italienischen ohnehin nicht gibt, wurde es für die, die blieben, nur allmählich. Erst seit der Wiedervereinigung entdecken auch junge Italiener ein Land, das mehr bietet als Oktoberfest, Bier und Bundesliga.Frei von Ressentiments ist das Verhältnis zwischen Italienern und Deutschen aber noch lange nicht. Sehr genau verzeichnet man beispielsweise in Italien, wenn ein Unternehmen wie Media Markt Anzeigen schaltet - mit einem Fußballer "Toni", der in jeder Hinsicht dem Negativbild des dumm-dreisten italienischen Machos entspricht. Das geschmacklose Inserat veranlasste sogar den italienischen Botschafter in Berlin zu einem Protestschreiben. Sensibel reagiert man auch, wenn, etwa beim Kampf um Opel, antiitalienische Vorurteile aufscheinen. Unvergessen ist eine Spiegel-Titelseite aus den 70er-Jahren mit einem Revolver über einem Teller Spaghetti.Andererseits berichten italienische Medien immer dann zuverlässig ausladend über Deutschland, wenn es darum geht, alte Ängste aus Kriegszeiten zu bedienen und zu bestätigen, dass die Deutschen mit unausrottbarem Rassismus infiziert sind. So ist ganz Italien überzeugt, dass bei einem schweren Arbeitsunfall im italienischen Thyssen-Werk im Dezember 2007 nur deshalb sieben Arbeiter umkamen, weil der deutsche Mutterkonzern die Sicherheitsvorkehrungen sträflich vernachlässigte. Es ging ja "nur" um Italiener, davon ist die öffentliche Meinung - auch die Anklage im derzeit stattfindenden Prozess - überzeugt.Attraktion neue ArchitekturSalvatore und Enzo kümmert all das nicht sonderlich. Drei unendlich lange Tage - vor allem Nächte - liegen vor ihnen. Das Bundeskanzleramt will sich Enzo trotzdem anschauen, auch den Reichstag. Moderne Bauwerke und die Verbindung von Altem und Neuem interessieren den Architekturstudenten. Auf seinem Laptop läuft eine Bilderserie, die er für Salvatore vorbereitet hat. Potsdamer Platz, der neue Hauptbahnhof, es gibt viel zu viel zu sehen in Berlin. In Rom sucht man nach so etwas fast vergebens. Nur mit dem weißen Kubus über dem Friedensaltar des Augustus hielt die Moderne im historischen Zentrum Einzug - selbst den würde der neue Bürgermeister, Gianni Alemanno, am liebsten abreißen lassen. Er kommt aus einer postfaschistischen Partei mit den Namen Alleanza Nazionale, die im Frühjahr das traditionell rote Rom erobern konnte. Heute gehört sie zu Silvio Berlusconis Sammelpartei Volk der Freiheit.Politik interessiert Salvatore und Enzo kaum, an Versprechen der Politiker glauben sie schon gar nicht. Jedenfalls nicht im eigenen Land. "In Deutschland ist das vielleicht etwas besser", räsoniert Enzo. Das hat ihm sein Freund im Prenzlauer Berg erzählt. Wer weiß, vielleicht könnte man selbst eine Weile in Berlin leben. Wenn nur die verflixte Sprache nicht wäre. Im Duett üben die beiden jungen Römer das unaussprechliche Wort "Ausgang". Es klingt mehr nach "A Usss Ganggg". Dann verschluckt sie ihre erste Berliner Nacht. Vorher hat sich Salvatore noch einmal bekreuzigt.------------------------------Kampf der KlischeesKapos: 2003 schlug der italienische Regierungschef Berlusconi dem deutschen Europa-Abgeordneten Martin Schulz (SPD) vor, er solle in einem Film über Konzentrationslager den "Kapo" spielen.Krakeeler: Der damalige Staatssekretär Stefano Stefani nannte deutsche Touristen einförmige, supernationalistische Blonde, die lärmend über Italiens Strände herfielen. Gerhard Schröder (SPD), dazumal Kanzler, sagte seinen Adria-Urlaub ab.Mamma-Söhnchen: Während der Fußball-WM 2006 ätzten einige deutsche Medien: Italienische Männer wurden als parasitäre Mamma-Söhnchen geschmäht, man rief zum Pizza-Boykott und prahlte, die Pizza-Petzen würden im Halbfinal-Spiel weggenudelt. Italien gewann.Mafiosi: Deutschlands Blick auf Berlusconi und seine Wähler verschleiern auch Vorurteile über Italiener generell. Wer Berlusconi wähle, könne nicht anders als dilettantisch, oberflächlich, tendenziell kriminell und fernsehsüchtig sein.------------------------------Foto: Diese italienische Postkarte aus dem Jahr 1939 feiert den von Hitler und Mussolini geschlossenen deutsch-italienischen Freundschaftsvertrag, auch Stahlpakt genannt. Pace - Civiltà - Lavoro, Frieden, Zivilisation, Arbeit - so lautet die Inschrift. Das gemeinsam zu errichtende futuristische Gebäude in Hakenkreuz-Gestalt stürmt gen Himmel.
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