Nichts verliert so schnell an Ausstrahlungskraft wie gutgemeinte Sozialanklagen und aktualitätsgebundene Zeitstücke. So ein theatralischer Krankheitsfall ist Edward Bonds "Die See", ein Überbleibsel aus den frühen siebziger Jahren. Damals war die Welt offenbar noch schön übersichtlich und ließ sich ohne größere Komplikationen in grobgeschnitzte Schubladen voller besserwisserischer Aufschriften sortieren - lauter schablonenhaft schwerfällige Gesellschaftsanalysen. Durchschaubar So sind auch in Bonds Stück die Verhältnisse unbarmherzig simpel und auf den ersten Blick durchschaubar. Seine Figuren haben keine Tiefe oder gar ein Geheimnis, der Plot hat keine Spannung, das Stück keine Entdeckungen zu bieten. Dieses dramatische Traktat, diese rumpelnde und ratternde Parabel konnte am Maxim Gorki Theater auch der sonst so überzeugende Regisseur K. D. Schmidt nicht zum Leben erwecken. Wir besichtigen den Todeskampf eines überlebten Theaterstücks, eine quälend lang gedehnte Agonie. Die Bühnenfiguren: lauter Halbtote, nicht mehr am Leben und doch noch nicht ganz beerdigt.Bond fuchtelt mächtig mit dem aufklärerischen Zeigefinger, ohne die verzweifelt-makabre Bösartigkeit seiner besseren Stücke - man denke an "Gerettet" oder "Trauer zu früh" - zu erreichen. Er erzählt eine kleine, mäßig skurrile Geschichte über die Angst vor Fremden und die buntschillernden Labyrinthe der paranoiden Wahnwelten geduckter Kleinbürger.Zu Beginn des Jahrhunderts in einem englischen Kaff am Meer: Eine zickige Provinzdame, reich und fies, schikaniert lustvoll ihre Umgebung. Monika Lennartz verleiht ihr alle spitze Würde, die ihr zur Verfügung steht - und die ist beträchtlich. Die Provinz-Honoratioren, der Herr Pfarrer (am Gorki-Theater eine Art Billigausgabe von Klaus Kinski: Thomas Schmidt) und die feinen Damen üben ein Theaterstück. Man langweilt sich, man stichelt, man ödet sich an. Monster aus dem All Am anderen Ende der Hack-Ordnung: ein kleiner Tuchhändler, ein halb-bankrotter Kleinbürger, Herr Hatch. Hans Diehl gibt ihn grimassierend und verkniffen, präsentiert die komisch-karikierende Studie eines von Ängsten und Verfolgungswahn geplagten Spießers. Hatch sieht Ufos und ist davon überzeugt, daß die Monster aus dem All im Meer landen, an die Küste schwimmen und das Dorf unterwandern. Nun ja, Bond schrieb das Stück lange bevor wir die Bekanntschaft mit E. T. machten.Dann gibt es noch einen Schiffbrüchigen und seinen ertrunkenen Freund, eine eiserne Jungfrau und einen philosophierenden Penner (Klaus Mannchen: sympathisch dröhnend wie immer). Hatchs Kumpel gehen auf Mars-Menschen-Jagd und erzählen sich wirre Geschichten von den Eindringlingen. Spätestens hier wird Bonds schwachbrüstiges Stück zur aufdringlich simplen Predigt über Außenseiter und Fremdenhaß, über die Ursachen von Antisemitismus und Kollektivwahn - eine endlose Litanei, ein abgedroschener Leitartikel, dem die bedauernswerten Schauspieler hinterherspielen müssen. Totes Theater. +++
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