Motorsport

Kaffee und Karossen: Berlins coolstes Oldtimertreffen steigt im Osten der Stadt

Eine willkommene Auszeit vom Läufer-Trubel: Bei Espresso GT traf sich die Oldtimerszene in Lichtenberg. Einem berühmten Teilnehmer indes machte der Marathon ein Strich durch die Rechnung.

8 Min
Haben den Weg aus dem Marathon-Chaos gefunden: ein Ferrari Dino, ein Ferrari 328 GT und ein Lancia Stratos.

Haben den Weg aus dem Marathon-Chaos gefunden: ein Ferrari Dino, ein Ferrari 328 GT und ein Lancia Stratos.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Es war Marathon-Wochenende. Für Berlin hieß das wie jedes Jahr: Ausnahmezustand. Wo sonst Autos fahren, liefen am Sonntag Zehntausende durch die Straßen der Stadt, vorbei an abgesperrten Kreuzungen und dicht gedrängten Zuschauern.

Was für die einen den Höhepunkt des Jahres darstellt, war gerade für die, die nur von A nach B wollten und innerhalb des Rings wohnen, eine echte Zumutung. Nur mit Mühe und viel Zeit schaffte man es aus seinem Kiez.

Und doch gab es für Autofans an diesem Sonntag zwei gute Gründe, sich trotzdem auf den Weg zu machen: Kaffee und Oldtimer. Denn während sich auf den Straßen der Hauptstadt die Läufer drängten, versammelten sich auf dem Lichtenberger Craftwerk-Gelände automobile Klassiker.

„Cars and Coffee“ – von Kalifornien nach Lichtenberg

Wo sich sonst vor allem Motorradfans treffen, findet zwischen April und Oktober jeden letzten Sonntag des Monats „die lockerste Art eines Autotreffens“ statt, wie es auf der Website von Espresso GT heißt.

Mit Kaffee und Gebäck in der Hand wird über die vielen Young- und Oldtimer auf dem alten Fabrikgelände gefachsimpelt. In der Luft liegt ein leichter Benzingeruch. Vor dem alten Klinkergebäude stehen ein orangeroter Lancia Stratos, ein Ferrari 328 GT und ein gelber Ferrari Dino. Gleich gegenüber parkt ein knuffiger Fiat 500 – lange bevor seine Nachfolger von den Designern überdimensioniert wurden.

Hinter Espresso GT steckt Max Funk. Der gelernte Grafiker hatte schon vor Jahren die Idee, ein Oldtimertreffen nach amerikanischem Vorbild nach Berlin zu holen. 2020 setzte er sie schließlich um. „‚Cars and Coffee‘ kommt ursprünglich aus Kalifornien. Dort trifft man sich schon früh morgens, teilweise um fünf Uhr. Nur in Berlin gab’s das damals noch nicht“, erzählt er. Hier schläft man jedoch lieber ein bisschen länger: Von neun bis elf Uhr findet das Event statt.

Auf Werbung wollte er von Anfang an verzichten und das Treffen so organisch wachsen lassen. Und doch sprach es sich über die Jahre herum und die Zahl der Autos und Besucher wuchs. An diesem Septemberwochenende fanden Hunderte Besucher und Dutzende Fahrzeuge ihren Weg aus dem Marathonwirrwarr nach Lichtenberg.

Max selbst steht mittendrin, weist den ankommenden Autos ihren Platz zu und beobachtet, was aus seiner Idee geworden ist. „Oldtimer, Berliner Kuchen und ein bisschen Lokalkolorit – es ist mittlerweile ein echt schöner Mix und eine coole Crew, die sich aber alle nicht zu ernst nehmen. Genau so habe ich es mir damals vorgestellt.“

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„Cars and Coffee“ – Max Funk wollte ein Oldtimertreffen nach amerikanischem Vorbild nach Berlin holen.

„Cars and Coffee“ – Max Funk wollte ein Oldtimertreffen nach amerikanischem Vorbild nach Berlin holen.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Für Marc und seinen Sohn Ben ist es der erste Besuch bei Espresso GT. Schon ihre Ankunft zieht Aufmerksamkeit auf sich: Die beiden fahren mit einem roten Veritas auf den Hof – einem Auto, das es so wohl kein zweites Mal gibt. „Das Auto ist Marke Eigenbau und wurde von einem Kumpel meines Vaters zehn Jahre lang selber gebaut“, erzählt Marc.

Der Rahmen ist selbst geschweißt, das Fahrwerk stammt von einem BMW M1, der Motor aus einem M5. Vor rund 30 Jahren entstand das Einzelstück, inzwischen hat Marc es geerbt und putzt es nach und nach wieder raus.

Dass an dem Wagen noch einiges zu tun ist, lässt sich bei der Ankunft kaum überhören. Ben trägt Ohrschützer, als die beiden auf den Hof rollen. „Das ist das nächste Projekt“, sagt Marc und lacht. Unter dem Auto sind noch „Straight Pipes“ verbaut, die den Veritas ordentlich röhren lassen. „Auch wenn da unten nicht allzu viel Platz ist, muss dort zumindest irgendeine Art Schalldämpfer nachgerüstet werden.“

Marke Eigenbau: Marc und Ben, ausgestattet mit Ohrenschützern, in ihrem selbst geschweißten Veritas.

Marke Eigenbau: Marc und Ben, ausgestattet mit Ohrenschützern, in ihrem selbst geschweißten Veritas.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Doch der Veritas ist längst nicht das einzige ungewöhnliche Auto auf dem Hof. Neben einigen Einzelstücken und nachgerüsteten Klassikern stehen diverse Porsche 911er und amerikanische Klassiker wie Corvettes, Mustangs und überlange Chevrolets auf dem Gelände. Dazwischen finden sich einige japanische Young- und Oldtimer.

Auffällig ist dabei vor allem eines: Das Publikum ist deutlich jünger, als man es bei einem Oldtimertreffen vielleicht erwarten würde. Und der Nachwuchs sitzt nicht nur auf dem Beifahrersitz.

Erst die Ausbildung, dann der Traumwagen

Emil ist 23 Jahre alt und mit seinem eigenen Oldtimer angereist. Sein Herz schlägt für japanische Modelle, erzählt er und deutet auf seinen Toyota MR2 von 1989. „Ich habe irgendwann dieses Auto gesehen und dachte mir: Das brauch ich.“ An diesem Sonntag steht der Wagen da, als hätte er gerade erst den Showroom verlassen. Kein Staubkorn lässt sich auf dem hochglanzpolierten Lack finden.

Dass ein solcher Klassiker nicht nur gepflegt, sondern auch repariert werden will, war Emil von Anfang an klar. Also machte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker in einer Oldtimer-Werkstatt. „Nur um zu wissen, wie ich den Toyota repariere, wenn ich ihn kaufe.“ Ein paar Jahre später steht er also da, bei Espresso GT, mit seinem eigenen Toyota MR2.

Bevor er sich seinen Traumwagen – einen Toyota MR2 – zulegte, machte Emil zunächst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker.

Bevor er sich seinen Traumwagen – einen Toyota MR2 – zulegte, machte Emil zunächst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Der 23-Jährige ist mit seinem Toyota längst nicht der Einzige, der an seinem Auto selbst Hand anlegt. Micha und sein Sohn Milo sind mit einem Ford Model A von 1929 gekommen. Passend zum amerikanischen Klassiker tragen beide Collegejacken.

280 PS hat der neue Oldtimer inzwischen – allerdings nicht mehr unter der Haube, denn den ursprünglichen Motor gibt es genauso wenig wie die originale Motorhaube. 1954 wurde der Vorkriegs-Oldie zum Hotrod umgebaut, 1972 bekam er einen Chevrolet-Motor und vor mehr als 30 Jahren eine Mustang-Hinterachse. Das H-Kennzeichen durfte sich Micha also auch so an seinen Hotrod schrauben, weil selbst der letzte Umbau lang genug her ist.

Auch der Innenraum ist denkbar spartanisch. Chrompolierte Sitze, ansonsten nur das Nötigste. Viel länger als eine Stunde lässt es sich darin kaum aushalten, erzählt Micha. „Sonst fahren wir aus Potsdam sonntags immer zum Olympiastadion. Bei dem schönen Wetter haben wir aber mal einen längeren Ausflug gemacht. Nach anderthalb Stunden wird es aber nicht mehr so gemütlich“, sagt er und lacht.

Aus alt mach neu: Micha und sein Sohn Milo mit ihrem als Hotrod umgebauten Ford Model A

Aus alt mach neu: Micha und sein Sohn Milo mit ihrem als Hotrod umgebauten Ford Model A

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Doch nicht alle sind an diesem Sonntag auf vier Rädern nach Lichtenberg gekommen. Bernhard ist mit einer besonders puristischen Harley-Davidson aus den 50er-Jahren vorgefahren. Ins Auge fallen vor allem die ungewöhnlich schmalen Reifen. „Das Bike sieht durch die dünnen Reifen nicht nur selbstmörderisch aus. Die Suicide-Clutch, die hier verbaut ist, verdient auch ihren Namen“, sagt er und schmunzelt.

Bei Espresso GT ist Bernhard zum ersten Mal dabei. Das Gelände kennt er trotzdem schon: Bei den Motorrad-Veranstaltungen, die hier sonst stattfinden, war er bereits mehrfach zu Gast.

„Sieht nicht nur selbstmörderisch aus“ – Bernhard auf seiner gefährlichen Harley Davidson

„Sieht nicht nur selbstmörderisch aus“ – Bernhard auf seiner gefährlichen Harley Davidson

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Kurz vor Ende der Veranstaltung rollt Merlin mit seinem Caterham Super 7 auf das Gelände. Auch sein Sohn sitzt neben ihm. Merlin stellt den federleichten Wagen zwischen den anderen Klassikern ab, schiebt ihn nach dem Ausschalten des Motors noch ein Stück in die richtige Parkposition – während sein Sohn einfach sitzen bleibt.

Merlin kommt seit drei Jahren zu Espresso GT und hat eine besondere Vorliebe für britische Sportwagen. Besonders angetan hat es ihm der Caterham Seven 620R, mit dem er auch auf der Rennstrecke unterwegs ist. „Gerade dieser Caterham macht einfach Laune. Ich bin mit dem auch auf der Rennstrecke unterwegs, zuletzt beim Oberlausitzer Dreiecksrennen“, erzählt er. Zwei Liter Hubraum und 330 PS bei gerade einmal 550 Kilogramm Gewicht sprechen für sich.

Britische Leichtigkeit: Lloyd und Merlin mit ihrem gerade einmal 550 Kilogramm schweren Caterham Super 7

Britische Leichtigkeit: Lloyd und Merlin mit ihrem gerade einmal 550 Kilogramm schweren Caterham Super 7

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Und obwohl Espresso GT nur zwei Stunden lang ging, gab es auf dem Craftwerk-Gelände schon um kurz  nach Neun kaum noch Parkplätze. Das gute Wetter dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben. Einige Fahrer mussten auf den Supermarktparkplatz nebenan ausweichen, weil auf dem eigentlichen Gelände kein Platz mehr war. Dabei dürften die Marathon-Sperrungen sogar so manchen Besucher davon abgehalten haben, überhaupt nach Lichtenberg zu kommen.

Selbst der Lichtenberger DJ Paul Kalkbrenner, der eigentlich ebenfalls vorbeischauen wollte, schaffte es deshalb nicht aus Mitte heraus, wie der Veranstalter erzählt. Auf dem Craftwerk-Gelände war davon allerdings wenig zu merken: Auch um elf Uhr waren längst nicht alle Autos vom Hof.

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