Eigentlich hätte das Spiel von seinem Unterhaltungswert eher einen Tag zuvor stattfinden sollen. Als Gruselkick an Halloween hätte das 1:1-Unentschieden zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem 1. FC Köln wenigstens noch eine gewisse Pointe besessen.
Einen Tag später aber sorgte das Ergebnis für eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang damit. Und für ein Szenario, das man vom Stadion An der Alten Försterei so sonst nicht kennt: völlige Stille. Als Schiedsrichter Tobias Hempel die Pfeife um kurz vor 17.30 Uhr zum letzten Mal in diesem Bundesliga-Spiel betätigte, war auf einmal der Stecker auf den Rängen gezogen.
Die Anhänger aus der Domstadt waren die ersten, die diesem Punktgewinn etwas Positives abgewinnen konnten. Wohl auch darin begründet, dass ihre Mannschaft kurz vor dem Ende noch den Ausgleich erzielen konnte. Auf der anderen Seite brauchten die Fans der Eisernen ein paar Sekunden, um den verpassten Sieg nach fast 70-minütiger Führung ihres Teams einzuordnen. Und um den Spielern vor der Waldseite dann doch noch Mut für die kommende Woche zuzusprechen.
1. FC Union Berlin zeigt Reaktion nach dem 0:5-Debakel
Im ersten Moment aber wollte diese verbale Aufmunterung der Fans noch keine Wirkung entfalten. „Wir sind schon enttäuscht. Gerade zu Hause wollten wir unbedingt die drei Punkte holen“, sagte Marvin Friedrich in den Katakomben der Alten Försterei. „Nichtsdestotrotz haben wir eine Reaktion auf das Spiel am Dienstag gezeigt.“
Die war nach dem 0:5-Debakel in der zweiten Runde des DFB-Pokals auch notwendig. Eine Wiedergutmachung aber sieht anders aus als das, was die Mannschaft von Mauro Lustrinelli da auf dem Platz zeigte. Getreu dem Motto „Kampf statt Glanz“ wurde in diesem Spiel deutlich, dass die neue Spielweise, die der neue Trainer in Köpenick implementieren wollte und sollte, erst einmal auf Eis gelegt ist.
Defensive Stabilität wird in Köpenick wieder wichtiger
Sportlicher Erfolg zählt im Moment mehr als Entwicklung. Das haben die beiden Spiele gegen den 1. FC Köln deutlich gezeigt. Ging die Mannschaft im DFB-Pokal mit dem etwas offensiveren Ansatz des Schweizers wie schon in Leverkusen oder München regelrecht unter, so ging es im zweiten Vergleich wieder um die defensive Stabilität, mit der sich die Eisernen in den Jahren ihrer Bundesligazugehörigkeit den Respekt der Gegner erarbeitet haben.
Der Trainer reagierte, indem er nicht nur von Vierer- auf Fünferkette umstellte, sondern Leopold Querfeld auf die Bank setzte und dafür Marvin Friedrich und Rani Khedira neben Zeno van den Bosch neben den Außenverteidigern Derrick Köhn und Janik Haber aufbot. „Wir wollten einfach gut stehen, kompakt stehen, was Union die letzten Jahre immer ausgemacht hat“, sagte Friedrich.
„Und das ist auch die DNA von Union Berlin, dass wir hinten gut stehen. Das hatten wir am Anfang der Saison nicht ganz so hinbekommen“, so der Innenverteidiger. „Klar wollen wir auch einen anderen Fußball spielen. Jetzt sind wir wieder ein bisschen zurückgekommen.“
Schon Svensson und Baumgart mit ihrer Idee gescheitert
Zurück zu dem, was den 1. FC Union Berlin in fünfeinhalb Jahren unter Urs Fischer so erfolgreich gemacht hatte. Aber zurück zu dem, woran zwischenzeitlich schon drei Trainer scheiterten. Egal ob Nenad Bjelica, Bo Svensson oder Steffen Baumgart – sie waren alle mit der Idee in Köpenick angetreten, es anders als Fischer zu machen.
Bjelica und Baumgart aber rückten genauso von ihrer Viererkette ab, wie es jetzt Lustrinelli gegen den 1. FC Köln getan hat. Der Schweizer wählt dabei scheinbar den Weg, den sein Landsmann von Sommer 2018 bis November 2023 so erfolgreich in Köpenick beschritten hat: Für den sportlichen Erfolg ist er von seinem Ansatz abgewichen und hat sich an die zur Verfügung stehenden Spieler angepasst.
Lustrinelli setzt bei Union verstärkt auf Erfahrung
Das tat er in der Bundesliga nicht erst gegen die Kölner, sondern auch schon gegen die SV Elversberg, Borussia Dortmund und den FC Augsburg. „Da haben wir gezeigt, dass wir mit einer guten Kompaktheit, mit Energie und Intensität auch Erfolg haben können“, sagte Lustrinelli und sprach von einer gewissen „Rationalität“ bei seinen Entscheidungen im Vergleich zum Pokal-Debakel.
Für den sportlichen Erfolg und die Sicherung seines Arbeitsplatzes rückt auch bei ihm wieder die Erfahrung von Spielern wie Friedrich oder Khedira in den Vordergrund. Junge Spieler, wie Querfeld oder Aljoscha Kemlein, die er in ihrer Entwicklung fördern sollte, sitzen nur noch auf der Bank oder erhalten Kurzeinsätze.
Union holt nach der Pause sechs Punkte in der Bundesliga
Es sind die sechs Punkte, die die Eisernen in den vier Spielen nach der Länderspielpause geholt haben, die den Trainer in seinen Anpassungen bestätigen und nicht das Durchsetzen seines Ansatzes, wie das Pokal-Spiel in Köln wieder einmal gezeigt hat.
Am Sonntag war Mauro Lustrinelli mit der Reaktion seiner Mannschaft zufrieden, mit der Mentalität seiner Spieler. „Die Serie ist gut, wir sind solide unterwegs. Aber wir sind noch ein bisschen weit weg“, sagte der Schweizer diplomatisch mit Blick auf den Fußball, den er eigentlich spielen lassen möchte und den er jetzt spielen lassen muss.
Geschäftsführer Horst Heldt ist gefordert
Mauro Lustrinelli sprach dabei von einem Prozess, der noch etwas dauert. Er hätte auch darüber sprechen können, dass ihm für diesen Prozess nicht die Spieler zur Verfügung stehen, die diesen auch mitgehen können. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass er in großen Teilen noch immer mit dem Kader arbeiten muss, an dem zuvor auch Steffen Baumgart und in Teilen auch Bo Svensson gescheitert waren.
Wenn sich in Köpenick die Ligazugehörigkeit nicht ändern, aber der Fußball ändern soll, dann braucht es auch einen personellen Umbruch. An dieser Stelle kommt Geschäftsführer Horst Heldt ins Spiel. Zur Zusammenarbeit mit Mauro Lustrinelli gehört auch, dass er dem Trainer einen Kader zur Verfügung stellt, der dessen Idee auch umsetzen kann. Sonst gibt es beim 1. FC Union Berlin weiterhin Kampf statt Glanz.
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