Die Europäische Union könnte für Kanada eine Kategorie schaffen, die es in ihren Verträgen bislang nicht gibt. Am Donnerstag steht Premierminister Mark Carney im Europäischen Parlament in Straßburg. Zuvor hatte das Wall Street Journal berichtet, Carney prüfe für sein Land einen Status als „assoziiertes Mitglied“. Die EU sei offen dafür, einen solchen Status zu schaffen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf ungenannte Vertreter beider Seiten. Die Europäische Kommission äußerte sich bisher nicht.
Carney selbst distanzierte sich von dem Begriff. Kanada strebe keine Mitgliedschaft in der Europäischen Union an, sagte er am Sonntag. Stattdessen wolle man Gespräche über eine „unique alliance“, eine „einzigartige Allianz“ zwischen Kanada und der EU beginnen. Beide Seiten teilten dieselben Werte und hätten sich ergänzende Stärken. Ob daraus eine neue Form der Partnerschaft entsteht, ist damit offen.
„Die Kategorie der assoziierten Mitgliedschaft gibt es bisher in den EU-Verträgen nicht“, sagt Nicolai von Ondarza, Leiter der Forschungsgruppe EU/Europa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, dieser Zeitung. Eine solche Konstruktion sei allerdings immer wieder für Drittstaaten diskutiert worden, die sich eng an die EU anbinden, aber nicht beitreten können oder wollen.
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Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Mai 2026 eine vergleichbare Konstruktion für die Ukraine vorgeschlagen. Für einen völlig neuen Status als assoziiertes Mitglied müssten nach Einschätzung von Ondarza die EU-Verträge angepasst werden. Kurz- bis mittelfristig realistischer wäre ein weitreichendes Assoziierungsabkommen, mit dem sich eine enge Wirtschafts- und Sicherheitspartnerschaft umsetzen ließe.
Die Ukraine lehnte den Vorschlag ab. Präsident Wolodymyr Selenskyj machte deutlich, dass sein Land eine vollständige EU-Mitgliedschaft mit allen Rechten anstrebt. Die Ukraine ist der EU bereits eng verbunden: Ein Assoziierungsabkommen regelt seit Jahren die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Für Kiew ist das jedoch nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft.
Kanada will nach bisherigen Berichten den Zugang zum europäischen Markt ausweiten – vor allem in strategischen Bereichen wie Energie, Künstlicher Intelligenz, Verteidigung und kritischen Rohstoffen. Dahinter steht auch der Streit mit den USA: Nach dem Scheitern der Handelsgespräche im August verhängte Washington neue Zölle auf kanadische Waren, Kanada reagierte mit Gegenzöllen. Die jahrzehntelang enge wirtschaftliche Beziehung ist damit belastet. Rund 72 Prozent der kanadischen Exporte gehen in die USA.
Sicherheit steht, Wirtschaft hakt
Politisch und sicherheitspolitisch ist Kanada der EU bereits deutlich näher gerückt. Im vergangenen Jahr vereinbarten beide Seiten eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. In diesem Jahr folgte Kanadas Beteiligung an Safe, dem mit bis zu 150 Milliarden Euro ausgestatteten EU-Rüstungsinstrument. Safe steht für „Security Action for Europe“ und soll die europäische Verteidigungsindustrie stärken und gemeinsame Beschaffung erleichtern. Kanada ist das erste außereuropäische Land, das an dem Programm teilnimmt.
Kanadas Premierminister Mark Carney beim Kanada-EU-Gipfel 2025 in Brüssel. (Archivbild)
© Sean Kilpatrick/Imago
Was Carney darüber hinaus anstrebt, betrifft vor allem die wirtschaftliche Verflechtung. Auch ein weitreichendes Assoziierungsabkommen müsste von allen EU-Staaten gebilligt werden, sagt von Ondarza. Beim Marktzugang dürfte es Punkte geben, die einzelne Mitgliedstaaten kritisch prüfen.
Wie schwierig solche Verfahren sein können, zeigt Ceta. Das Handelsabkommen mit Kanada wird seit 2017 vorläufig angewendet, ist aber bis heute nicht vollständig ratifiziert. 17 der 27 EU-Staaten haben ihre nationalen Verfahren abgeschlossen, zehn stehen noch aus. Die Bedenken betreffen laut von Ondarza vor allem Bereiche wie die Landwirtschaft. Auf ein breiteres politisches Assoziierungsabkommen müssten sie sich allerdings nicht zwangsläufig übertragen. Der politische Wille gegenüber Kanada sei derzeit vorhanden.
Canberra beobachtet Europa
Auch Australien verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Australiens Handelsminister Don Farrell sagte, sein Land sei bei der Frage einer engeren Zusammenarbeit mit der EU „on the same page“, also „auf der gleichen Seite“ wie Kanada. Zwischen Brüssel und Canberra gibt es bereits mehrere Verbindungen: Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen wurden im Frühjahr abgeschlossen, zudem vereinbarten beide Seiten eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Auch bei Horizon Europe rücken sie enger zusammen.
Kanada und Australien sind damit nicht die einzigen Länder außerhalb der EU, für die eine engere Anbindung interessant sein könnte. Auch Großbritannien, Norwegen oder die Schweiz könnten von einem Modell profitieren, das ihnen mehr Zugang zur EU ermöglicht, ohne eine Vollmitgliedschaft vorauszusetzen.
Von Ondarza sieht darin eine mögliche neue Kategorie in den Beziehungen der EU zu ihren Nachbarn. Entscheidend werde sein, wie weit die Mitgliedstaaten bei wirtschaftlicher Integration und politischer Beteiligung gehen wollen. Ein solches Modell könnte damit zwischen klassischer Partnerschaft und Vollmitgliedschaft angesiedelt sein.
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