Vor allem Erstaunen macht sich beim Betrachten der neuen Ausstellung in der Kunsthalle Rostock breit. Erstaunen darüber, als gelernte und durchaus kunstinteressierte DDR-Bürgerin diese Künstlerin nicht zu kennen, die die meisten ihrer Werke in der DDR schuf.
Es ist die bisher größte Werkschau von Susanne Kandt-Horn (1914-1996), die seit dem 27. September in Rostock zu sehen ist, 150 Werke trug Kuratorin Antje Schunke dafür zusammen. Doch nach dem Erstaunen macht sich die Freude darüber breit, diese Künstlerin und ihre Werke entdecken zu können.
Sind Susanne Kandt-Horns Bilder heute noch aktuell?
„Ich bin gespannt, wie diese Ausstellung aufgenommen wird, und was ihre Bilder vor allem jungen Menschen heute noch zu sagen haben“, erklärt Dr. Jörg-Uwe Neumann, der Leiter der Kunsthalle. Er steht dabei vor einem Großbild, das „Konfrontation oder Adam und Eva 82“ heißt. Darauf fliegen von links Militärflugzeuge auf Männerfiguren in der Mitte zu, bei denen Soldat, Ritter, Ku-Klux-Klan und der Tod ineinander übergehen, während auf der rechten Seite eine Frau schützend die Hände über ihre Kinder hält und Frauengesichter Vorwürfe in Richtung der Männer schießen. Ein Bild, das nicht nur mit diesem Topos, sondern auch mit seiner expressionistischen Bildsprache durchaus von heute sein könnte.
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Es ist aber fast 50 Jahre alt und in einem Land entstanden, dass es heute nicht mehr gibt. Was leider dafür spricht, dass das Thema Krieg so aktuell ist wie eh und je. Das hat Susanne Kandt-Horn am eigenen Leib erfahren müssen, ihr erster Mann und der Vater ihrer beiden Kinder fiel 1944 im Zweiten Weltkrieg - da war ihre Tochter noch nicht einmal geboren. Sie musste als junge Frau das Kriegsende und die schwierige Zeit danach als alleinerziehende junge Mutter überstehen.
Schlüsselwerk: Porträt mit Biermann und Hagen
Doch Susanne Kandt-Horn, die nach der Heirat mit dem Maler Manfred Kandt mit ihrer Familie nach Ückeritz zog und Teil des Usedomer Malerkreises um Otto Niemeyer-Holstein wurde, hat nicht nur ernste, sondern viele lebensbejahende und optimistische Bilder gemalt, nicht wenige davon bieten im besten Sinne eine intellektuell herausfordernde, augenzwinkernde Unterhaltung. Und der Glammer kommt auch nicht zu kurz, denn sie hat durchaus auch Prominente wie Wolf Biermann, Eva-Maria Hagen und Willi Sitte proträtiert - sie war mit vielen namhaften Persönlichkeiten in der DDR befreundet.
Mit „Das Liebeslied“ porträtierte Susanne Kandt-Horn mit Wolf Biermann und Eva-Maria Hagen 1968, das Bild markiert den Wandel ihrer künstlerischen Formensprache.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Wolf Biermann hat sogar ein Gedicht zum sehr informativen Katalog beigesteuert. Er habe es Susanne Kandt-Horn ihr Leben lang hoch angerechnet, dass sie sich nach seiner Ausbürgerung nicht gegen den engen Freund der Familie stellte, so wie es offiziell von ihr gefordert wurde, erzählt die Kuratorin.
Das Bild mit dem Titel „Das Liebeslied“, auf dem die Künstlerin ihn und Eva-Maria Hagen - „sie galt als schönste Frau der DDR“, sagt Jörg-Uwe Neumann - bereits 1968 porträtiert hat, wird im Katalog von Torsten Priem als Schlüsselwerk ihrer Malerei bezeichnet. Susanne Kandt-Horn löste sich nach dem Besuch des Theaterstücks „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz unter der Regie von Benno Besson von einem vordergründigen Sozialistischen Realismus und auch von der Formensprache des durch Otto Niemeyer-Holstein geprägten Usedomer Malkreises und entwickelte ihre eigene. „Weil mit diesem Stück erstmals in der DDR klar wurde, dass eine Kritik am DDR-Staat künstlerisch und in Metaphern möglich ist“, erläutert Antje Schunke.
Susanne Kandt-Horns orientierte sich von nun an stark an Pablo Picasso und den Kubisten. Die Bildgebung erinnert an Skulpturen. Die Dynamik von Wolf Biermanns Gitarrenspiel wird in „Das Liebeslied“ nicht nur durch die Gleichzeitigkeit von Hand- und Kopfbewegungen ausgedrückt, sondern auch durch die Farbe Rot. Eva-Maria Hagen in Weiß und Rosa verschwindet im Wortsinne hinter dem Mann, doch: „Die Frau, die durch ihre Positionierung im Bild im Hintergrund der Szenerie zu sein scheint, wird durch die neue Malweise zur Bild-Dominante. Bei genauerer Betrachtung des Werkes ist auch zu erkennen, dass die scheinbar hinter dem Mann verborgenen Körperhälfte der Frau ebenfalls sichtbar ist. Es wirkt, als würde sich die neue Formensprache gegenüber der alten langsam durchsetzen, die Leichtigkeit, die der männlichen Figur noch anhaftet, steht zwar im Vordergrund, aber das Neue ist schon sichtbar“, schreibt Torsten Priem im Katalog.
Akte ohne Voyeurismus mit stolzen Frauen
Von nun an rückt Susanne Kandt-Horn oft Frauen ins Zentrum ihres Schaffens. Bekannt ist sie für ihre zahlreichen Aktbilder. Damit stellt sie sich ganz offensichtlich gegen die zumeist sehr voyeuristisch und teilweise sogar pornohaft wirkenden Aktbilder Picassos. Ihre Akte zeigen zwar nackte Frauen, aber die Nacktheit wird als natürlicher Zustand dargestellt und die Frauen als selbstbewusst.
Vorbild für das Aktbild „Träumende“ von 1982 war eine Fotografie des Künstlerkollegen Günter Rössler.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Doch 25 Prozent ihrer Werke sind Auftragsarbeiten - ein wichtiger Garant für ein auskömmliches Einkommen als Künstlerin in der DDR. Als solche zählte Susanne Kandt-Horn sogar zu den 17 Auserwählten - darunter nur vier Frauen - die ein Bild für das damals neue Gewandhaus Leipzig schaffen durften, ein Prestigeobjekt der DDR. Sie durfte dafür sogar zwei Großbildnisse beisteuern.
Nicht zu vergessen: In ihrer Werkschau in Rostock sind als besondere Ausstellungsstücke zwei der drei Gobelins zu sehen, für die sie die Entwürfe geschaffen hat. Gewebt und geknüpft wurden sie dann von den Künstlern der Manufaktur aus Burg Giebichenstein in Halle. „Diese Teppiche sind sehr wertvoll, einer davon war in der DDR so viel wert wie zwei Neuwagen“, sagt der Chef der Kunsthalle Rostock.
Wer ein Bild von Kandt-Horn hat, will es behalten
„Es war bei vielen Leihgaben schwer, sie ausfindig zu machen“, erzählt Antje Schunke, „ihre Bilder sind kaum auf dem Kunstmarkt zu finden, denn wer ein Bild von Susanne Kandt-Horn hat, gibt es selten wieder her.“ Doch glücklicherweise gab es einen Schneeballeffekt, nachdem erste Besitzer ausfindig gemacht wurden. „An ihrem Haus in Ückeritz wurden wir dann von Nachbarn angesprochen, die sagten, sie hätten auch noch ein Bild von ihr. Da hat jeder Dritte eins.“
Kuratorin Antje Schunke vor den beiden Leihgaben des Gewandhauses Leipzig, die Susanne Kandt-Horn als Auftragswerke zur Eröffnung malte.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Susanne Kandt-Horn gehörte zu den bedeutenden Malerinnen der DDR - und doch stand sie schon damals im Schatten der Männer in der ersten Reihe. Sie wurde zwar ausgestellt und sogar 1979 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet, doch ihr wurde nicht dieselbe Anerkennung zuteil wie Werner Tübke, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer oder Willi Sitte. Dabei schuf sie mit ihren monumentalen Gemälden und ihrer eigenständigen Bildsprache Werke, die einen Vergleich mit den prominenten männlichen Kollegen keineswegs scheuen müssen.
Damit teilt sie das Schicksal anderer Künstlerinnen der DDR: Diese hatte zwar die Gleichberechtigung von Frauen zum gesellschaftlichen Prinzip erklärt, doch an der Umsetzung mangelte es in vielen Bereichen. So war auch die Kunstwelt geprägt von männlicher Dominanz. Susanne Kandt-Horn widersetzte sich dieser Rollenverteilung, sie malte groß, selbstbewusst und stellte Frauen ins Zentrum ihrer Bilder - nicht als schmückendes Beiwerk oder Objekte, sondern als handelnde Menschen mit eigener Präsenz.
Ausstellung ermöglicht Neu- und Wiederentdeckung
Dass ihr Name heute weit weniger geläufig ist als die Namen ihrer männlichen Zeitgenossen, sagt deshalb weniger über die Qualität ihrer Kunst aus als darüber, wer es aus welchen Gründen in den kunsthistorischen Kanon geschafft hat und wer warum nicht. Die Rostocker Werkschau, die in der Kunsthalle Rostock bis zum 21. Februar 2027 zu sehen ist, bietet nun nicht nur die Gelegenheit, sich eine eigene Meinung zu bilden, sondern auch zu einer erfreulichen Entdeckungsreise.
Nach den Ausstellungen zu Inge Jastram und Christin Wilcken sowie Kate Diehn-Bitt findet die von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der OSPA Stiftung geförderte Reihe „Wahrnehmung weiblicher Kunstpositionen in der DDR“ mit Susanne Kandt-Horn ihren Abschluss.
Augenzwinkernde Unterhaltung und gleichzeitig tieferen Sinn bietet „Der gerechte Paris“: Hier verteilt der Hirte an jede der drei Schönen einen Apfel - damit wäre der Krieg um Helena und Troja nicht notwendig geworden.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
„Susanne Kandt-Horn stieß in der Anfangszeit ihres Schaffens vor allem deshalb auf Unverständnis und Ablehnung, weil sie dem sozialistischen Realismus der DDR-Kulturpolitik nicht entsprach. Mit unseren verlässlichen und kompetenten Partnern in der Kunsthalle Rostock ist es nun gelungen, ihre Lebensleistungen sichtbar zu machen, um ihr künstlerisches Schaffen neu einordnen zu können. Wir freuen uns, gemeinsam mit der OSPA-Stiftung auch den dritten und damit letzten gemeinsamen Teil der Ausstellungsreihe ‚Wahrnehmung weiblicher Kunstpositionen in der DDR‘ zu unterstützen“, sagte Patricia Werner, Geschäftsführerin der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, aus Anlass der Eröffnung der Werkschau.
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