Am Heinrich-Heine-Ufer in Potsdam liegt ein Schiff vor Anker. Es ist kein besonders großes Schiff und es fährt nirgendwohin. Aber es ist – oder besser: es war – ein beliebtes Spielgerät in der Stadt. Ein Schaukelschiff auf dem Piratenspielplatz, die Art von Konstruktion, auf der sich Fünfjährige als Seeräuber fühlen und Achtjährige Meutereien proben. Mitte August 2026 hat die Stadtverwaltung das Schiff aus dem Verkehr gezogen. Der Grund: ein gebrochener Bolzen an der Bugspitze.
Ein Bolzen an einem Spielschiff. In einer Landeshauptstadt, die über 153 kommunale Spielflächen verfügt und sich ein Stadtentwicklungskonzept gegeben hat, das bis 2031 den Bau von 30 weiteren vorsieht. Man könnte sagen: ein Routinevorfall. Man könnte aber auch sagen: ein Symptom.
Der Bolzen sei gebrochen, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Der zweite Bolzen, „der noch intakt ist“, werde „auf Dauer die Bugspitze nicht halten können“. Daher sei „vorsorglich der Pendelsitz abgebaut und das Spielschiff abgesperrt“ worden. Die Reparatur werde „schnellstmöglich durchgeführt“. Über die Öffnung nach erfolgter Reparatur werde „umgehend informiert“.
Was die Pressemitteilung nicht verrät: Das Piratenschiff ist kein Einzelfall. Auf Nachfrage teilt die Stadtverwaltung mit, dass derzeit zwar keine Spielflächen komplett gesperrt seien. Allerdings gebe es 19 gesperrte beziehungsweise abgebaute Spielgeräte in der Stadt. In einer Stadt mit 153 Spielflächen bedeutet das: Auf ungefähr jedem achten Spielplatz fehlt etwas, funktioniert etwas nicht, ist etwas abgesperrt.
1,5 Millionen Euro für Spielplätze in Potsdam
Die Formulierung der Pressesprecherin Juliane Güldner ist dabei von jener Positivität durchdrungen, die man in Behördenkreisen schätzt: „Derzeit sind keine Spielflächen gesperrt.“ Stimmt. Ein Spielplatz, auf dem die Hälfte der Geräte fehlt, ist nicht gesperrt. Er ist nur reduziert. Wie ein Restaurant, in dem die Küche geschlossen ist, aber die Garderobe noch funktioniert.
Immerhin: Potsdam investiert. Im Haushalt 2026 stehen 1,5 Millionen Euro Investitionsmittel für Sanierung und Neubau von Spielplätzen bereit, dazu 600.000 Euro für Wartung. Für 2027 sind 1,3 Millionen Euro für Investitionen und 500.000 Euro für Unterhaltung geplant. Das klingt nach Geld. Verteilt man die Investitionsmittel auf 153 Spielflächen, bleiben pro Platz knapp 9800 Euro. Dafür bekommt man ungefähr eine halbe Schaukel und ein Viertel eines Sandkastens.
Tatsächlich hat Potsdam bis Mitte August 2026 bereits drei Sanierungen abgeschlossen: eine Teilsanierung am Spielplatz Obere Donarstraße für 90.000 Euro, eine Teilsanierung an der Spielwelt Humboldtring für 60.000 Euro und eine „Teilsanierung 1“ an der Spielwelt Slatan-Dudow-Straße/Priesterweg für 54.000 Euro. Die „Teilsanierung 2“ am selben Ort wurde bereits begonnen, für weitere 60.000 Euro.
Es gibt in der deutschen Verwaltungssprache wenige Dinge, die so viel Vertrauen erwecken wie eine durchnummerierte Teilsanierung. Sie signalisiert: Wir haben einen Plan mit einzelnen Phasen und Nummern. Ob die Kinder irgendwann auf dem fertigen Spielplatz spielen können, steht auf einem anderen Blatt – aber das Blatt hat bestimmt auch eine Nummer.
Daneben laufen weitere Maßnahmen: eine Grundsanierung des Spielplatzes Grünstraße für 475.000 Euro, Erweiterungen an der Fritz-Lang-Straße – dort entsteht im zweiten Bauabschnitt ein sogenannter „Spadebowl“, also eine Skateanlage, für 123.000 Euro –, an der Otto-Haseloff-Straße für 55.000 Euro und an der Kantstraße ein „Kidstrack“ für 115.000 Euro. Dazu ein Neubau eines Skate- und BMX-Parks unter der Nutheschnellstraße für 500.000 Euro und ein neuer Spielplatz an der Rosa-Luxemburg-Straße für 203.000 Euro. Die Teilsanierung am Walnussring schlägt mit bescheidenen 34.000 Euro zu Buche.
Das Stadtentwicklungskonzept Spielflächen von 2022 sieht bis 2031 den Bedarf von 30 weiteren Spielflächen vor – darunter vier sogenannte Spielwelten, 16 Spielplätze und 10 Spielpunkte. Dazu sollen 27 bestehende Spielflächen umfassend erweitert und qualifiziert werden: zehn Spielwelten und 17 Spielplätze. Auf dem Papier ist das ambitioniert. In der Realität bedeutet es: Bis die letzte Spielwelt steht, werden die Kinder, für die sie geplant wurde, vermutlich selbst Kinder haben.
76 Spielplätze in Cottbus
Dass Potsdams Spielplatzprobleme kein Einzelfall sind, zeigt ein Blick in andere brandenburgische Städte. Cottbus betreibt 76 Spielplätze und 20 Bolzplätze. Drei davon sind derzeit teilweise gesperrt – für „planmäßige und erforderliche Reparaturarbeiten“, wie das Pressebüro von Oberbürgermeister unter Leitung von Jan Gloßmann mitteilt. Auf elf Spielplätzen sollen 2026 einzelne Spielgeräte ersetzt werden, an Standorten von der Puschkinpromenade über die Helene-Weigel-Straße bis zur Spreewaldstraße. Was das kostet? „Zum Kostenaufwand können keine Angaben gemacht werden.“ Die Finanzierung erfolge aus „städtischen Eigenmitteln“. Die Leistungen würden „im Wettbewerb vergeben“.
Man stelle sich das einmal im privaten Bereich vor: „Schatz, ich lasse das Bad renovieren.“ – „Was kostet das?“ – „Zum Kostenaufwand können keine Angaben gemacht werden. Die Finanzierung erfolgt aus Eigenmitteln.“
Immerhin hat Cottbus es geschafft, mithilfe von Spenden und Sponsorengeldern sowie mit Unterstützung von Vereinen zwei Spielplätze komplett neu auszustatten – einen in der Tiegelgasse im Stadtzentrum und einen in der Hammergrabensiedlung im Ortsteil Merzdorf. Weitere solche Vorhaben seien in Planung. Wenn der Staat kein Geld hat, müssen eben die Bürger ran.
Brandenburg an der Havel bewirtschaftet 63 kommunale Spielplätze einschließlich Bolz- und Fitnessanlagen. Auf zwei davon mussten die Spielgerätekombinationen „aus Sicherheitsgründen“ abgebaut werden, wie ein Sprecher mitteilt. Andere Geräte seien aber noch vorhanden, sodass „kein Platz gesperrt werden musste oder nicht nutzbar ist“. Auch hier wieder die feine Unterscheidung: Der Spielplatz ist nutzbar. Nur das, wofür manche Kinder eigentlich kommen, steht nicht mehr da.
Für 2026 plant Brandenburg an der Havel auf einem Spielplatz im Stadtteil Nord eine neue Spielkombination und ein Karussell. Budget: 30.000 Euro aus dem kommunalen Haushalt. 30.000 Euro für eine ganze Stadt, die 63 Spielplätze unterhält. Das sind 476 Euro pro Spielplatz und Jahr.
Brandenburgs Kommunen verwalten Hunderte von Spielplätzen, aber die Mittel für deren Erhalt stehen in keinem Verhältnis zum Bedarf. Potsdam hat immerhin ein Konzept und ein Budget. Cottbus schweigt über die Kosten. Brandenburg an der Havel investiert eine Summe, die anderswo für die Gartengestaltung eines Einfamilienhauses reicht.
Und überall dasselbe Muster: Nichts ist komplett gesperrt, offiziell funktioniert alles, nur einzelne Geräte sind abgebaut, einzelne Bolzen gebrochen, einzelne Kombinationen aus Sicherheitsgründen entfernt.
Am Heinrich-Heine-Ufer in Potsdam liegt derweil das Piratenschiff still vor Anker, eingerahmt von rot-weißen Absperrbaken. Die Reparatur wird „schnellstmöglich durchgeführt“, die Stadt wird „umgehend informieren“. Bis dahin können die Kinder ja Piratenfilme im KiKa gucken.
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