BERLIN. Im Büro von Karl Max Einhäupl steht nur das Nötigste. Ein Schreibtisch, ein runder Tisch für Besucher, ein paar Stühle. Wände und Türen sind klinisch weiß. Auf dem Boden lagern Aktenordner. Der einzige Farbtupfer sind die Bilder, auf denen die drei Söhne des Vorstandsvorsitzenden der Berliner Charité zu sehen sind. An ihrer Stelle hing bis vor rund einem halben Jahr noch ein großes Porträt des Berliner Medizin-Nobelpreisträgers Robert Koch.Einhäupl hat das Gemälde abgehängt, so wie er sich auch von allen anderen Dingen getrennt hat, die sein Vorgänger Detlev Ganten hier hinterlassen hat. Im vergangenen August schied Ganten vorzeitig aus dem Amt. Sein Büro war opulent in dunklen Holztönen eingerichtet und erinnerte an das 19. Jahrhundert, an eine Zeit, in der Forscher wie Koch oder Rudolf Virchow die Charité groß gemacht haben. Ganten hat davon geträumt, dass das Uniklinikum zu seinem 300-jährigem Jubiläum im kommenden Jahr wieder im alten Glanz erstrahlt.Doch danach sieht es im Moment nicht aus. Der 62 Jahre alte Einhäupl hat im September ein schweres Erbe angetreten: Europas größtes Uniklinikum ist auf vier Standorte mit einer Gesamtfläche von sechshunderttausend Quadratmetern verteilt. Die Kliniken sind zum Teil marode und haben einen enormen Investitionsbedarf von mindestens einer halben Milliarde Euro. Mit rund 14 000 Mitarbeitern ist die Charité nach der Deutschen Bahn der größte Arbeitgeber der Stadt, aber sie hat auch gewaltige Probleme. Auf rund fünfzig Millionen Euro droht das Defizit zu steigen. Die Rücklagen sind aufgebraucht, Einhäupl muss sparen.An diesem Freitag wird Thilo Sarrazin die Charité besuchen, es wird wohl kein allzu erfreulicher Termin für Einhäupl werden. Er wird dem strengen Finanzsenator erläutern müssen, wie er sich einen radikalen Kurswechsel vorstellt. Den ersten Wirtschaftsplan hat Sarrazin abgelehnt, nun muss ihn Einhäupl mit Nachbesserungen überzeugen. Er muss erklären, wie er die Charité sanieren will.Als Einhäupl beim Treffen in seinem Büro darüber spricht, wirkt er ungehalten. Ein wenig scheint er es inzwischen zu bereuen, dass er den Vorstandsposten übernommen hat. So sagt Einhäupl das natürlich nicht, aber die Jahre bis zur Emeritierung hätte der angesehene Arzt und Wissenschaftler wohl auch ganz gerne in seiner Klinik an der Charité verbracht. Das Telefon klingelt, ein Patient ruft an. Ein ausländischer Politiker, einer der wenigen Patienten, die der Neurologe Einhäupl noch betreut. Fast immer sitzt er bis zum späten Abend im Büro und liest Akten.Dass die Luft an der Spitze so dünn ist, hat er wohl nicht erwartet. So viele Punkte sind zu klären, so viele Fragen offen. Mit der Bauplanung der Uniklinik etwa muss Einhäupl praktisch noch mal von vorn anfangen. Landespolitiker haben die Planungen seines Vorgängers Ganten als "dilettantisch" bezeichnet, die veranschlagten Kosten sind immer weiter gestiegen. Vorerst soll nun lediglich ein Forschungsgebäude errichtet werden. Im Mai sollen die Bauarbeiten am historischen Standort der Charité in Berlin-Mitte beginnen. 2012, sagt Einhäupl, soll das Haus bezugsfähig sein - mit zwei Jahren Verspätung.In Mitte, in einem alten Klinkerbau aus dem 19. Jahrhundert unweit der Spree, hat auch Einhäupl sein Büro. Ein paar Meter weiter steht das Bettenhochhaus mit dem Schriftzug Charité. Zwei Frauen in weißen Kitteln überqueren die Straße. Einhäupl geht in ein Café, das auch seine Mitarbeiter häufig besuchen. Der Charité-Chef wählt einen Tisch ganz hinten und räumt das Geschirr zur Seite. Er will nicht nur über Probleme reden, sondern auch über seine herausragenden Wissenschaftler und ihre Forschungsarbeit. "Die Charité wirbt mit einem Betrag von 130 Millionen Euro im Jahr bundesweit die meisten Drittmittel ein", sagt er.Noch immer ist Einhäupl erstaunt darüber, wie kritisch die Medien in Berlin über die Charité berichten. In München sei das nicht denkbar, sagt er. Dort wurde er 1947 geboren und war an der Ludwig-Maximilians-Universität tätig, bis er 1992 die Klinik für Neurologie der Charité übernahm. Damals traf er sich höchstens mal mit Wissenschaftsjournalisten, um ihnen neue Therapien zu erläutern. Jetzt muss er Lokalredakteuren erklären, warum ein Toter mehrere Tage in einer Toilette des Virchow-Klinikums in Wedding liegen konnte, obwohl die Klos täglich geputzt werden sollten.Bundesweit haben Zeitungen und Radiosender in der vergangenen Woche dieses Thema aufgegriffen, sogar eine holländische Zeitung. Für den Ruf der Charité ist der Vorfall verheerend, weil er auch verdeutlicht, dass selbst der Putzdienst in den Unikliniken nicht immer so funktioniert wie vorgeschrieben. Auch das ist Teil von Einhäupls Erbe. Sein Vorgänger Ganten hat vor drei Jahren sämtliche nichtmedizinischen Leistungen ausgelagert, um Millionenbeträge einzusparen. Doch das ging nur auf Kosten von Stellen und von zu erbringenden Leistungen, sagen Personalräte. Einhäupl will ebenfalls Stellen streichen. Vornehmlich in der Verwaltung, wo die Personalausstattung zu hoch sei. "Aber auch in defizitären Kliniken kann ich das nicht ausschließen", sagt er. Dort werde nicht effizient genug gearbeitet. "In manchen Bereichen werden zu viele Medikamente und diagnostisches Material eingesetzt." Einige Abteilungen will er auch schließen.Wenn Finanzsenator Sarrazin heute wieder nicht zufrieden ist mit Einhäupls Wirtschaftsplan, könnte das eintreten, was der Charité-Chef bisher unbedingt vermeiden wollte: die Aufgabe eines Standortes, eine Fusion mit dem ebenfalls landeseigenen Klinikunternehmen Vivantes oder gar eine Privatisierung.Einhäupl geht dieser Tage oft ins Berliner Parlament, um die Abgeordneten davon zu überzeugen, dass seine Linie die richtige ist. Dass er als Chef Klinken putzen muss in der Politik, hat sich Einhäupl vor einem Jahr sicher auch nicht so ausgemalt. Nun wirbt er dafür, dass die Charité die drei Unikliniken in den Stadtteilen Mitte, Wedding und Steglitz sowie die Forschungsstätten in Buch behalten muss. "Wenn jeder einzelne Standort auskömmlich wirtschaftet, muss keiner aufgegeben werden", sagt Einhäupl beim Kaffee.Doch die Mitarbeiter können sich nicht vorstellen, wo noch gespart werden kann. Sie erzählen von Szenen, die auf den Stationen längst zum Alltag gehören. Da ertönt der Alarmruf, doch der Pfleger in der Intensivstation ignoriert das Signal. Sein Kollege ist krank, er muss sich allein um mehr als zwanzig Patienten kümmern. Jetzt will er zunächst einen Mann versorgen, der im künstlichen Koma liegt. Der Pfleger will ihn mit einem Massagegerät behandeln. Vorher muss er einen Monitor zur Seite rücken, damit er das Behandlungsgerät in den kleinen fensterlosen Raum schieben kann. Der Patient ist schwer. Mühevoll wuchtet der Pfleger ihn auf die Seite. Ein junger Arzt ist im Nebenzimmer beschäftigt. "Früher saß vor jedem Intensivzimmer ein Oberarzt. Inzwischen erledigen Berufsanfänger deren Arbeit: Assistenzärzte oder Studenten, denen die Erfahrung fehlt", sagt der Pfleger.Durchschnittlich fehle auf den Stationen ein Viertel an Personal, schätzt der Gesamtpersonalrat. Die Pflegekräfte und Ärzte stünden unter ständigem Druck. Es gebe immer mehr Überlastungsanzeigen. Der Krankenstand steige. In den OPs seien so viele Stellen gestrichen worden, dass mittlerweile Leiharbeiter eingesetzt werden müssten. Die seien aber häufig nicht eingearbeitet.Und so liegt ein Patient mit inneren Blutungen auf dem Tisch, während die OP-Schwester nach den Instrumenten sucht. "Und der Patient blutet vor sich hin", berichtet eine Kollegin. Sie hat Angst, dass ihr das auch mal passiert, obwohl sie seit mehr als zwanzig Jahren im Beruf ist. "Ich war immer in der Herzchirurgie tätig, aber inzwischen werden viele OP-Schwestern fachübergreifend eingesetzt."Die fachübergreifenden Pools sind eines von mehr als achtzig Projekten, die Einhäupls Vorgänger initiiert hatte. Die Charité sollte effizienter organisiert werden, auch externe Berater wie das Unternehmen Roland Berger wurden beauftragt. "Das hat mehr als zwanzig Millionen Euro gekostet, aber vermutlich keinen Cent gebracht", kritisiert der Personalratsvorsitzende der Fakultät, Christoph Berndt. Die meisten Projekte seien versandet, die Charité sei in Not. Sogar der Personalrat sagt, dass sie wohl nur mit der Aufgabe einer Uniklinik zu retten sei.Warum Einhäupl so darauf beharrt, alle Standorte zu erhalten, kann er nicht wirklich überzeugend erklären. Er sagt, die Bedeutung der Charité hänge auch von der Verteilung über die ganze Stadt ab. Immerhin will er in den Kliniken Schwerpunkte bilden und nicht mehr überall das gesamte medizinische Spektrum anbieten.Einhäupl hat sich schon 2001, damals als Vorsitzender des Wissenschaftsrates, erbittert gewehrt, als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das Universitätsklinikum Benjamin Franklin aufgeben wollte. Wowereit gab nach und das Steglitzer Haus fusionierte mit der Charité. Ungeachtet dessen beschloss er eine schrittweise Reduzierung des Landeszuschusses um hundert Millionen Euro. Die größer gewordene Charité muss im nächsten Jahr mit einem Drittel weniger staatlichem Geld auskommen. Einhäupl jedoch hält weiter am Steglitzer Krankenhaus fest. Vielleicht nimmt er Rücksicht auf die Befindlichkeiten im gutbürgerlichen Südwesten der Stadt. Oder er berücksichtigt die Interessen der Chefärzte dort.Aus Buch im Nordosten der Stadt hat sich die Charité hingegen offenbar weitgehend zurückgezogen. Einhäupl beendete Ende 2008 die wegen des Vorwurfs der Quersubventionierung in Verruf geratene Kooperation mit dem Helios-Klinikum, über die die Berliner Zeitung erstmals im November 2007 berichtet hat. Vor seinem Wechsel an die Charité-Spitze hatte Einhäupl Aufklärung versprochen. Nun sagt er, die sei rückwirkend nicht mehr möglich, er verzichte auf etwaige Rückforderungen an Helios.Mehr Geld vom Senat wird er so bald nicht bekommen, das weiß auch Einhäupl. Beim Neujahrsempfang der Charité hat er eine Rede gehalten und die Aufstockung des Landeszuschusses gefordert. Der anwesende Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner hat ihm dann vor versammelter Runde eine ziemlich deutliche Absage erteilt.In seinem Büro erzählt Einhäupl, dass er es 2011 nochmal versuchen will. Bis dahin will er das Defizit ausgeglichen und das Ansehen der dann 301 Jahre alten Charité vergrößert haben. Aber vorher muss er sich überlegen, wie er das alles Thilo Sarrazin erklärt.------------------------------"Wenn jeder einzelne Standort auskömmlich wirtschaftet, muss keiner aufgegeben werden." Karl Max Einhäupl------------------------------Foto: So viele Fragen offen: der Charité-Vorsitzende Karl Max Einhäupl in seinem Büro.
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