Karl Richter war im 20. Jahrhundert der Bach-Papst schlechthin. Ein Jahrhundertdirigent – nur ist sein Jahrhundert nicht bloß kalendarisch vorbei. Schon zu Lebzeiten geriet seine Auffassung von Bachs Musik unter Druck. Der Name Richters ist fest mit einer Stadt verbunden: München. Dort formte er den Münchener Bach-Chor zu einem Ensemble von Weltrang, von dort ging seine Kunst in die Welt. Wer diesen Mann verstehen will, muss aber in seine Heimat blicken – nach Sachsen. Genauer: nach Plauen, Freiberg, Dresden und Leipzig. Dort liegt der Schlüssel zu einem Musiker, der später um den Globus tourte und doch etwas blieb, das älter war als der Konzertbetrieb: Kantor.
Das ist mehr als eine Berufsbezeichnung. Der mitteldeutsche Kantor entstammt einer protestantischen Kultur aus Kirche, Schule und Stadt: Er unterrichtet, spielt Orgel, leitet den Chor, trägt das Musikleben durch das Kirchenjahr. Sein Gegenbild ist der höfische Kapellmeister. Eine nicht ganz trennscharfe Unterscheidung freilich. Bach selbst war Kapellmeister am Hof in Köthen, bevor er Thomaskantor in Leipzig wurde. Aber das Kantorat hat ein anderes Zentrum: nicht den einzelnen großen Abend, sondern Dauer. Denn am nächsten Sonntag muss wieder Musik sein.
Karl Richter *** Karl Richter Copyright: WernerxNeumeister
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Aus Sachsen
Karl Richter wurde am 15. Oktober 1926 in Plauen als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Familie nach Freiberg. Dort durfte der Junge an der großen Silbermann-Orgel im Dom üben. 1938 kam er an die Dresdner Kreuzschule und in den Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger. Probe und Gottesdienst, Bach und Heinrich Schütz, Chordisziplin und Kirchenjahr: Richter lernte Musik nicht zuerst als Repertoire kennen, sondern als Lebensordnung.
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MehrDer Krieg riss ihn dort heraus. 1944 wurde der Siebzehnjährige zur Wehrmacht eingezogen; noch im selben Jahr starb seine Mutter. Nach amerikanischer Gefangenschaft kehrte er 1946 zurück und studierte in Leipzig bei den großen Thomaskantoren Karl Straube und Günther Ramin. 1949 wurde der 23-Jährige Organist der Thomaskirche. Beim ersten Internationalen Bach-Wettbewerb 1950 erhielt er den ersten Orgelpreis; die DDR verlieh ihm den Nationalpreis III. Klasse.
Kreuzchor, Thomasorgel, Straube und Ramin: Viel dichter lässt sich eine sächsisch-protestantische Musikerbiografie kaum bauen. Nur: Mit konserviertem Originalklang seit den Zeiten Johann Sebastian Bachs ist diese Tradition nicht zu verwechseln. Nach seinem Tod war der Komponist, insbesondere mit seiner großen Vokalmusik, höchstens Kennern bekannt, bis Mendelssohn 1829 mit der „Matthäus-Passion“ eine neue Begeisterung für seine Musik auslöste – und das Werk zugleich klanglich seiner Gegenwart anverwandelte. Auch Richters Lehrer reichten also keine unveränderte Tradition weiter. Tradition hieß nie, alles beim Alten zu lassen.
Das erklärt Richters Verhältnis zu dem Komponisten besser als das Etikett des Spezialisten. Er spielte auch Musik vom Zeitgenossen Hugo Distler oder etwa Händel und Brahms, dirigierte, unterrichtete, saß an Orgel und Cembalo. Bach war für ihn kein barockes Spezialgebiet, sondern der größte Vertreter jenes umfassenden Musikerberufs, aus dem Richter selbst kam.
Bach im geteilten Deutschland
Nach dem Ende des Krieges lag das mitteldeutsche Kernland dieser Musiktradition plötzlich im Osten – und war sozialistisch geworden. Leipzig mit Thomaskirche und Thomanerchor, Dresden mit Kreuzchor, Freiberg mit seinen Silbermann-Orgeln gehörten nun zur DDR. Womöglich auch deshalb verließ Karl Richter Sachsen. Vor allem aber hatte er 1950 auf einer Konzertreise in Zürich seine spätere Frau Gladys kennengelernt. Ein Jahr darauf verließ er die DDR und ging zunächst in die Schweiz.
Kurz darauf übernahm er in München an St. Markus die Organisten- und Kantorenstelle und lehrte an der Musikhochschule. Die katholisch geprägte Stadt war kein Ersatz-Leipzig. Aus dem Heinrich-Schütz-Kreis formte Richter den Münchener Bach-Chor, 1955 kam das Bach-Orchester hinzu. Abendmusiken, Motetten und Kantaten banden die Arbeit an einen festen Ort und an den Rhythmus des Kirchenjahrs. Richter brachte die mitteldeutsche Musiktradition an die Isar – nicht als Folklore, sondern als Arbeitsform.
1956 starb Günther Ramin, und Leipzig suchte einen neuen Thomaskantor. Richter wurde angefragt, fuhr inkognito nach Leipzig – und sagte ab. Eine Annahme hätte bedeutet, München aufzugeben und den beruflichen Mittelpunkt wieder in die DDR zu verlegen. Der Kalte Krieg stand mit im Raum; auf ihn allein lässt sich die Entscheidung aber nicht reduzieren. Richter hatte sich in München längst sein eigenes Kantorat geschaffen. Und ein Kantor zieht nicht einfach von Stadt zu Stadt.
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Und doch blieb Richter nicht an einen Ort gebunden. Mit dem Münchener Bach-Chor reiste er durch Europa, Amerika und Asien; aus dem Kantor von St. Markus wurde ein gefragter Dirigent. Die Stelle an seiner Kirche gab er nie auf. Das ist die eigentümliche Spannung dieser Karriere: Richter trug das ortsgebundene Selbstverständnis des Kantors in einen Musikbetrieb, der längst von Gastspielen, Tourneen und Weltkarrieren lebte.
Auch der Faden nach Sachsen riss nicht. 1978 kehrte Richter nach Freiberg zurück. An der Silbermann-Orgel des Doms nahm er noch einmal Bach auf; mit Peter Schreier entstanden außerdem Lieder aus dem „Schemelli-Gesangbuch“. Es waren seine letzten Orgelaufnahmen. Jahrzehnte später saß Richter wieder an jenem Instrument, an dem alles begonnen hatte.
Bands / Komponisten / Instrumente / Musiker / Oper / Orchester / Schallplatten / Sänger / Songwriter / Symphonien 4. April 1956 - Prof. Karl Richter... wird gebeten, Gunther Ramin Gunther Ramin als leitender Dirigent des Thomaner Chors in Leipzig zu folgen. Foto zeigt: Karl Richter Karl Richter, der um Bedenkzeit bis Mai bat. *** Bands Composers Instruments musicians Opera Orchestra Records Singers Songwriter Symphonies 4 April 1956 Prof Karl Judges will requested, Gunther Ramin Gunther Ramin as Manager Conductor of Thomaner Choirs in Leipzig to Consequences Photo shows Karl Judges Karl Judges , the at Cooling-off period to May Bat PUBLICATIONxINxGERxAUTxSUIxLIExLUXxONLY Copyright: xUnitedxArchivesx/xkpaxKeystonex 19560404_baf_k09_120
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Ein Bach aus Granit
Wer Richters Aufnahmen heute hört, hört nicht nur die Musik Bachs, sondern auch die Ästhetik der Nachkriegszeit. In den Passionen, im Weihnachtsoratorium und vor allem in der h-Moll-Messe stehen große gemischte Chöre, moderne Streicher, schwere Cembali und ein kräftiges Bassfundament. Der Klang hat Körper – keinen fetten, aber einen, der vor lauter Muskeln bisweilen kaum laufen kann. Die Choräle stehen wie Granitblöcke, Fugen werden von straffer Motorik vorangetrieben, der Chor ballt viele Einzelstimmen zur gewaltigen Klangmasse.
Genau diese Mittel setzen Grenzen. Wo große Chöre die Stimmen zusammenschließen, werden gegeneinanderlaufende Linien weniger durchsichtig; der satte Streicherklang bindet stärker, Tanzrhythmen treten hinter der großen Linie zurück. Es ist keine Frage von richtig oder falsch, sondern davon, was in Bachs Musik nach vorn soll.
Die aufkommende „historische Aufführungspraxis“ verschob die Gewichte. Musiker wie Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt fragten radikaler nach den Bedingungen, unter denen diese Musik entstanden war: nach Instrumenten, Besetzungen, Artikulation und musikalischer Rhetorik. Kleinere Ensembles, Darmsaiten statt Stahl und die Nähe zur Sprache rückten ins Zentrum. In Partituren, die bei Richter architektonisch gebaut waren, wurden plötzlich Tanzschritte und Gespräch hörbar. Das war mehr als ein Modewechsel. Richters Aufnahmen verlieren dadurch vielleicht nicht ihre Spannung; man hört nur genauer, was sie geben und was nicht.
Diese Revolution geschah nicht nach Richter, sondern neben ihm. Beim Münchner Bach-Fest 1971 ließ er Harnoncourts Concentus Musicus auf historischen Instrumenten spielen und lud auch Gustav Leonhardt ein. Der Musiker mit dem so anderen Bach holte die Gegenposition selbst ins Haus.
Dass er ihr nicht folgte, passt zu seinem Musikerbild. Richter wollte Orgel spielen, Chor und Orchester leiten, unterrichten, Bach neben Mendelssohn, Mozart oder Reger stellen. Während die historische Aufführungspraxis sich immer tiefer ins Detail grub, hielt er am umfassenden Musiker fest. In den 70er-Jahren standen so zwei Bach-Bilder nebeneinander: Hier der kompakte, stark geformte Klang Richters, dort historische Instrumente, kleinere Besetzungen und sprechnahe Artikulation.
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Auch das hat eine Ost-West-Volte. Politisch war Richter in den Westen gegangen. Ausgerechnet dort begegnete ihm die ästhetische Gegenbewegung mit Wucht. Der Mann aus Leipzig, Dresden und Freiberg wurde im Westen berühmt – und erlebte dort, wie sein aus dieser Herkunft gewachsenes Bach-Bild noch zu Lebzeiten historisch wurde.
Was vom Kantor bleibt
Sein letztes Konzert gab Richter am 12. Februar 1981 in Wilhelmshaven mit Aurèle Nicolet. Drei Tage später starb er in München an Herzversagen, nur 54 Jahre alt.
Vielleicht war Richter tatsächlich der letzte große Kantor dieses alten Typs – nicht, weil nach ihm niemand mehr Kantor gewesen wäre, sondern weil bei ihm noch einmal das ganze mitteldeutsche Musikerbild auf die internationale Musikwelt des 20. Jahrhunderts traf: Pfarrhaus und Weltreise, Silbermann-Orgel und Schallplatte, Thomaskirche und München, Ost und West. Richter hatte das Land seiner musikalischen Herkunft verlassen, ohne diese Herkunft je hinter sich zu lassen.
Darum besteht sein Erbe auch nicht darin, Bach wieder so aufzuführen wie damals. Richters Klang gehört seiner Zeit an, mit seiner Wucht ebenso wie mit seiner Schwere. Dauerhafter ist die Vorstellung von Tradition dahinter: Musik wird nicht bewahrt, indem man eine Aufführung einfriert. Sie bleibt lebendig, weil jede Generation sie neu übernehmen muss. Für einen Kantor hieß das ganz praktisch: Nächsten Sonntag musste wieder Musik sein. Am 15. Oktober dieses Jahres wäre Karl Richter 100 Jahre alt geworden.
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