Ausweichroute

Kaspisches Meer: Wie Russland dem Iran hilft, die Hormus-Blockade abzufedern

Das Binnenmeer wird zur Ausweichroute für Teheran. Darüber fließt nicht nur Weizen, sondern nach Recherchen internationaler Medien auch Rüstungsgüter.

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Über den Hafen von Bandar-e Anzali am Kaspischen Meer läuft ein wachsender Teil des iranischen Handels mit Russland. (Archivbild)

Über den Hafen von Bandar-e Anzali am Kaspischen Meer läuft ein wachsender Teil des iranischen Handels mit Russland. (Archivbild)

© Zuma Press/Imago

Irans Häfen am Persischen Golf sind seit dem Ausbruch des Nahost-Kriegs und der Krise in der Straße von Hormus weitgehend blockiert, also weicht das Land nach Norden aus. Über das Kaspische Meer, wo die US-Marine keinen Zugriff hat, wickelt Teheran immer mehr Handel mit Russland ab.

Nach Angaben des Schifffahrtsanalyse-Unternehmens Windward stieg der Verkehr russischer Öltanker und Frachtschiffe vor der iranischen Küste am Kaspischen Meer in den sechs Monaten nach den ersten israelisch-amerikanischen Angriffen auf Iran Ende Februar um 13 Prozent, auf 235 Schiffe gegenüber 208 im Vergleichszeitraum davor. Auch die Zahl iranischer Schiffe in russischen Gewässern nahm zu, von 142 auf 152.

Die Zahlen decken sich mit Aussagen des iranischen Handelsbeauftragten Mohammad Reza Talaei. Gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA sprach er Ende Juli von einer Verlagerung der Warenströme vom Indischen Ozean auf Routen über Russland und das Kaspische Meer. Mehr als 30 Prozent der Importe des Landes liefen inzwischen über die nördlichen Häfen.

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Dabei werden nicht nur zivile Güter wie Weizen, Sonnenblumenöl oder Tierfutter transportiert, laut NBC liefert Russland auch Drohnenkomponenten und Sprengstoff über das Kaspische Meer in den Iran, um dessen militärisches Arsenal zu stärken. Die Financial Times stützte sich auf geleakte russische Korrespondenz und berichtete, Moskau helfe Teheran bei der Entwicklung von Überschallraketen. Es handle sich um einen der bedeutendsten bekannt gewordenen Transfers strategischer Militärtechnologie von Russland an Iran.

Improvisiert ist diese Verlagerung nicht. Sie folgt einem Projekt, an dem Moskau und Teheran seit Jahren arbeiten, dem Internationalen Nord-Süd-Transportkorridor. Die Route umfasst rund 7200 Kilometer zwischen St. Petersburg und dem indischen Hafen Mumbai und verläuft auf drei Achsen, einer transkaspischen über russische und iranische Häfen, einer westlichen über Aserbaidschan und einer östlichen über Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan.

Die letzte Lücke im Schienennetz liegt in der iranischen Provinz Gilan. Für die 162 Kilometer lange Strecke von der iranischen Stadt Rasht nach Astara an der aserbaidschanischen Grenze unterzeichneten beide Länder bereits im Mai 2023 ein Abkommen im Wert von 1,6 Milliarden Dollar, größtenteils finanziert aus einem russischen Kredit. Russlands Energieminister Sergej Ziwiljow hatte zuvor angekündigt, die praktische Umsetzung beginne Anfang April 2026. Der Ausführungsvertrag war nach Angaben von IRNA Ende August noch nicht unterzeichnet. Solange die Schiene fehlt, muss die Ware auf Schiffe. Das erklärt, warum sich der Druck im Verkehr auf dem Binnenmeer auswirkt.

Das Wasser wird knapp

Jedoch kommt die Ausweichroute an physische Grenzen. Der Wasserstand des Kaspischen Meeres sinkt seit Jahrzehnten, und die Folgen treffen den Güterverkehr inzwischen direkt. Der Wolga-Kaspi-Kanal bei Astrachan, der einzige Zugang russischer Schiffe zum Binnenmeer, wurde im Sommer 2026 zweimal für den Verkehr gesperrt. Anfang Juli steckten mehr als 80 Schiffe fast einen Monat lang fest, weil der Wasserstand zu niedrig war. Auch die iranischen Häfen Amirabad und Anzali kämpfen mit den sinkenden Pegeln.

Das Ausmaß zeigt sich anhand von Angaben aus Baku. Eine Fähre der staatlichen aserbaidschanischen Reederei ASCO kann aus Kasachstan nur noch 80 Prozent ihrer Ladung übernehmen, wie ein Unternehmensvertreter Anfang September erklärte. Ähnliche Einschränkungen gelten für Schiffe in Kasachstan, Turkmenistan und im aserbaidschanischen Hafen Alat, und die Baggerarbeiten an den Liegeplätzen stoßen an bauliche Grenzen. Die Nordroute entlastet Iran also, ersetzen kann sie den Golf nicht.

Pakt ohne Sicherheitsgarantie

Die Zusammenarbeit beruht auf einem Vertrag aus dem Januar 2025. Dabei hatte Präsident Massud Peseschkian in Moskau gemeinsam mit Wladimir Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft mit einer Laufzeit von 20 Jahren unterzeichnet. Es umfasst nach iranischen Medienangaben 47 Artikel und deckt Militär, Politik, Handel, Forschung, Bildung und Kultur ab. Eine Beistandsklausel enthält es nicht, die iranische Seite begründete das damit, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen. Teheran macht sich logistisch von Moskau abhängig, ohne dafür eine militärische Rückversicherung zu erhalten.

Für die Anrainerstaaten verschiebt das die Lage. Das Kaspische Meer ist zugleich ein Knotenpunkt des sogenannten Mittleren Korridors, jener Handelsroute zwischen Asien und Europa, die Russland umgeht. Kasachstan und Aserbaidschan bauen ihre Häfen für diesen Ost-West-Verkehr aus und sehen nun, wie dasselbe Binnenmeer zur Nord-Süd-Achse zweier sanktionierter Staaten wird. Je mehr Rüstungsgüter über das Wasser gehen, desto schwieriger wird es für Baku und Astana, ihre Korridore als neutrale Infrastruktur anzubieten.

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