Kassenärzte: Rezeptpflichtige Medikamente so teuer wie in der Apotheke / Streit um Einsparungen

Internethandel entlastet Krankenkassen kaum

Steven Hanke
4 Min

BERLIN, 21. Juni. Die Zulassung des Internet-Versandhandels mit Medikamenten hat nach Einschätzung der deutschen Kassenärzte kaum dazu beigetragen, die gesetzlichen Krankenkassen finanziell zu entlasten. "Rezeptpflichtige Medikamente sind im Internet genauso teuer wie in der Apotheke", sagte der Vize-Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Leonhard Hansen, am Montag in Berlin. Die Internet-Händler würden sich "auf den Cent genau" an der Arzneimittelpreisverordnung orientieren, die für die herkömmlichen Apotheken maßgeblich ist, so der KBV-Vize. Dies zeige eine aktuelle Untersuchung der KBV. Die Organisation hat die Preise mehrerer Arzneimittel unter vier Internetapotheken verglichen.Vorteile bei rezeptfreier Medizin Der AOK-Bundesverband teilt die Einschätzung der Kassenärzte, äußerte sich jedoch zurückhaltender. "Wir sind von vornherein nicht davon ausgegangen, dass die Medi-kamenten-Preise durch den Internet-Handel fallen werden", sagte Pressesprecher Udo Barske der Berliner Zeitung. Für eine abschließende Bewertung sei es aufgrund mangelnder Daten jedoch noch zu früh. Erst in einem halben Jahr, so Barske, könne man die Entwicklung insgesamt abschätzen. Mit einer deutlichen Entlastung sowohl der Kassen, als auch der Kunden rechnet er jedoch ebenfalls nicht. Die Möglichkeit, bei den Arzneimitteln zu sparen, bietet sich den Kunden laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung nur bei den rezeptfreien Medikamenten. Diese würden bei einer Bestellung im Internet bis zu 30 Prozent weniger kosten als vergleichbare Präparate bei den Apotheken vor Ort, sagte KBV-Vize Hansen. Diese hätten kaum Potenziale zur Kostensenkung. 95 Prozent der Apotheken hielten ihre Preise konstant, wohingegen nur rund vier Prozent ihre Preise senkten. Bei Medikamenten mit geringer Nachfrage stiegen die Preise sogar, so Hansen. "Ein Preiskampf, wie man ihn sich infolge der Gesundheitsreform erhofft hatte, bleibt somit aus", konstatierte der KBV-Vize. Freiverkäufliche Medikamente dürfen nach der Gesundheits-Reform seit Jahresbeginn nicht mehr zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherungen verschrieben werden. Um derartige Präparate günstiger zu machen, hob der Gesetzgeber die Arzneimittelpreisverordnung in diesem Fall auf. Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung weiter mitteilte, werden die seit Jahresbeginn drastisch gestiegenen Arzneimittel-Zuzahlungen der Patienten im Verlauf des Jahres wieder sinken. Von Januar bis März hätten die Einnahmen der Krankenkassen aus den Patienten-Zuzahlungen insgesamt 622 Millionen Euro betragen, sagte der KBV-Vizevorsitzende. Für das vierte Quartal prognostiziert die Bundesvereinigung dagegen Einnahmen aus Zuzahlungen von lediglich noch 445 Millionen Euro. Der Grund: Immer mehr Patienten würden aus dem Kreis der Zuzahlungspflichtigen herausfallen. Unterdessen widersprach das Bundesgesundheitsministerium den Schätzungen der Kassenärzte über die Einsparungen bei den Arzneimittelkosten. Der Bund geht von deutlich höheren Einsparungen aus als die Kassenärzte. Bis Ende Mai habe es bei Arzneimitteln bereits Einsparungen zwischen 1,35 und 1,4 Milliarden Euro gegeben, sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater.Unterschiedliche PrognosenDie Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte die Einsparungen durch die Gesundheitsreform für das gesamte Jahr 2004 auf lediglich 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro beziffert. "Damit werden die Ausgabenrückgänge deutlich geringer ausfallen, als andere Institutionen und das Bundesgesundheitsministerium dies vorhergesagt haben", sagte KBV-Vize Hansen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hatte Berichten zufolge mit einem Einsparvolumen von 4,4 Milliarden Euro gerechnet. Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass der im Gesundheitsreformgesetz beschlossene Einsparbetrag von drei Milliarden Euro erreicht wird.------------------------------Kassen mit sechs Milliarden Euro Schulden // Der Schuldenstand der gesetzlichen Krankenkassen beläuft sich nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums auf rund sechs Milliarden Euro. Die Summe sei von den Kassen selbst berechnet worden. Ein Sprecher der Behörde widersprach damit Spekulationen über eine Verschuldung von bis zu 14 Milliarden Euro. Die Einsparungen bei den Arzneimittelausgaben werden nach Schätzungen des Ministeriums zum Jahresende bei drei Milliarden Euro liegen. Die Kassenärzte rechnen höchstens mit 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro an Einsparungen im gesamten Jahr.------------------------------Grafik: Einnahmen der Kassen aus den Zuzahlungen sinken bis Jahresende.------------------------------Foto: Internet-Angebote: Nicht in jedem Fall sind Medikamente dort preiswerter als in der Apotheke.

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