Afrika

Während China zugreift: Reiche lässt Afrika links liegen

Wirtschaftsministerin Reiche setzt bislang kaum auf Afrika. Dabei wachsen dort Märkte, Rohstoff- und Energiechancen. Ist Deutschland wieder zu spät dran?

8 Min
Bundesministerin Reiche ist umtriebig und stellt sich auch in Sachfragen gegen ihren Kanzler. Doch in Afrika ist noch gehörig Luft nach oben für ihr Ministerium.

Bundesministerin Reiche ist umtriebig und stellt sich auch in Sachfragen gegen ihren Kanzler. Doch in Afrika ist noch gehörig Luft nach oben für ihr Ministerium.

© dts Nachrichtenagentur/Imago

Afrika ist reich an Rohstoffen, verfügt über gewaltige Potenziale bei erneuerbaren Energien und steht vor einem beispiellosen demografischen Wandel. Für deutsche Unternehmen entstehen auf dem afrikanischen Kontinent neue Märkte, neue Produktionsstandorte und neue Möglichkeiten, Lieferketten zu diversifizieren. China, die USA und die Türkei investieren Milliarden und buhlen um strategische Partnerschaften. Nur die deutsche Wirtschaftsministerin erkennt das Potenzial nicht. Wird Katherina Reiches blinder Fleck in Afrika zum echten Problem für Deutschlands Wirtschaft?

Brüssel, Washington und Abu Dhabi

Ein Blick auf die dokumentierten Auslandsreisen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche seit ihrem Amtsantritt zeigt ein auffälliges Muster. Eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag ergab, dass ihre internationalen Termine sich bislang vor allem auf Europa, Nordamerika und den Nahen Osten konzentrierten. Eine Reise auf den afrikanischen Kontinent findet sich bislang nicht.

Das ist mehr als eine Frage des Reiseplans. Es berührt eine grundsätzliche Frage deutscher Wirtschaftspolitik: Wie ernst nimmt die Bundesregierung Afrika als Wirtschafts- und Zukunftsregion?

Denn während Berlin seit Jahren über die Diversifizierung von Lieferketten, kritische Rohstoffe und neue Energiepartnerschaften spricht, verändern sich die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse auf dem afrikanischen Kontinent mit hoher Geschwindigkeit. Wer dort präsent ist, knüpft politische Kontakte, sichert sich Zugang zu Märkten und Rohstoffen und schafft Vertrauen bei Regierungen und Unternehmen. Wer nicht präsent ist, überlässt dieses Feld anderen.

Für Claudia Voß vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft ist deshalb klar: „Dass Bundeswirtschaftsministerin Reiche seit ihrem Amtsantritt keinen einzigen afrikanischen Staat besucht hat, ist ein wirtschaftspolitisches Versäumnis“, erklärte sie gegenüber dieser Zeitung.

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Rohstoffe, Energie, Wachstum – und ein wachsender Wettbewerb

Voß kritisiert vor allem, dass Afrika längst kein Thema für Entwicklungspolitik sei. Vielmehr müsse der Kontinent stärker als elementarer Bestandteil deutscher Wirtschafts- und Industriepolitik verstanden werden. Einen Grund sieht sie in Afrikas Rohstoffreichtum. Der Kontinent stehe für rund 75 Prozent der weltweiten Manganförderung, rund 70 Prozent des Kobalts und knapp 20 Prozent der Kupferförderung. Gerade diese Rohstoffe seien für die industrielle Transformation und den Ausbau neuer Energietechnologien von gewaltiger Bedeutung.

Deutschland versucht gleichzeitig, seine Abhängigkeit von Lieferländern zu reduzieren. Die politische Logik dahinter ist klar: Mehr Bezugsquellen bedeuten mehr Unabhängigkeit. Voß sieht eine fatale Lücke: „Wer Rohstoffabhängigkeiten reduzieren, Lieferketten diversifizieren und neue Energie- und Wachstumspartner gewinnen will, kann Afrika nicht strategisch beschwören und politisch zugleich vernachlässigen.“

Die afrikanischen Staaten wachsen rasant und sind hungrig nach preiswerter Energie. Dazu bieten sie beste Bedingungen für erneuerbare Energien wie hier am Rande der Sahara-Wüste.

Die afrikanischen Staaten wachsen rasant und sind hungrig nach preiswerter Energie. Dazu bieten sie beste Bedingungen für erneuerbare Energien wie hier am Rande der Sahara-Wüste.

© snapshot-photography/K.M.Krause/Imago

Andere Staaten sind nicht so zögerlich. China, die Golfstaaten und andere Akteure haben ihre Präsenz in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Sie investieren in Energie, Infrastruktur, Rohstoffe, Logistik und industrielle Produktion und verbinden diese Investitionen häufig mit langfristigen politischen Beziehungen. Für deutsche Unternehmen kann das zu einem echten Problem werden. Denn wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht allein von der Qualität eines Produkts ab. In vielen Märkten entscheidet auch, wer vor Ort präsent ist, wer Finanzierung anbieten kann und wer über belastbare politische Kontakte verfügt.

„Wirtschaftlicher Einfluss entsteht in Afrika durch Präsenz, Verlässlichkeit und Tempo“, bringt Voß es auf den Punkt.

Die deutsche Wirtschaft ist schon da

Dabei wäre es falsch, den Eindruck zu erwecken, deutsche Unternehmen hätten Afrika als Wirtschaftsregion abgeschrieben. Im Gegenteil: In vielen Fällen ist die deutsche Wirtschaft bereits weiter als die deutsche Politik. So baut Bayer mit einem neuen Saatgutwerk in Sambia seine regionale Wertschöpfung aus. Knauf erweitert in Tansania industrielle Produktionskapazitäten. Und Siemens Energy arbeitet im Rahmen der Presidential Power Initiative in Nigeria am Ausbau der Strominfrastruktur. Auch kleine und mittlere Unternehmen investieren fernab großer medialer Aufmerksamkeit in Afrika.

Das Entscheidende daran: Es handelt sich nicht um isolierte Einzelaktivitäten ohne größere wirtschaftspolitische Bedeutung oder gar Pro-Bono-Entwicklungshilfe. Es sind strategische Investitionen in Ernährungssicherheit, Industrialisierung und Energieversorgung eines Kontinents, auf dem bis 2050 etwa ein Drittel der Weltbevölkerung leben wird.

Gerade der Energiesektor könnte dabei zu einem zentralen Feld werden. Zahlreiche afrikanische Länder verfügen über enorme Potenziale bei Solar- und Windenergie. Gleichzeitig fehlt vielerorts noch die Infrastruktur, um diese Potenziale wirtschaftlich zu nutzen. Für deutsche Unternehmen eröffnet das Chancen bei Kraftwerken, Netzen, Speichern, Maschinen, Planung und Finanzierung.

Ähnliches gilt für industrielle Wertschöpfung. Afrika soll nach dem Willen vieler Regierungen nicht länger lediglich Rohstoffe exportieren, sondern stärker selbst verarbeiten und produzieren. Für deutsche Unternehmen könnte daraus ein wachsender Markt für Maschinenbau, industrielle Anlagen, Technologie und Know-how entstehen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob es in Afrika Geschäftsmöglichkeiten gibt. Sie lautet: Wer wird diese Möglichkeiten nutzen?

Deutschland hat den Anschluss noch nicht verloren – aber die Zeit läuft

Deutschland habe den Anschluss in Afrika noch nicht verloren, doch Afrika werde nicht auf Deutschland warten, so Voß. Um der Wirtschaft zwischen Deutschland und dem afrikanischen Kontinent mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, gründete der Afrika-Verein Anfang September den „Africa Business Hub“ unweit von Reichstag und Brandenburger Tor. Dort sollen künftig Unternehmer, Politiker, Verbandsvertreter und Wissenschaftler mit Afrikabezug zusammenkommen.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. China habe seit Mai 2026 den zollfreien Marktzugang für alle 53 afrikanischen Staaten, mit denen es diplomatische Beziehungen unterhält, massiv ausgeweitet. Gleichzeitig bauen Investoren aus den Golfstaaten ihre Aktivitäten vor allem in den Bereichen Energie, Logistik und Infrastruktur aus.

Damit verschiebt sich die Ausgangslage für deutsche Unternehmen. Je stärker andere Staaten und Investoren bereits in Märkte, Infrastruktur und politische Netzwerke eingebunden sind, desto schwieriger wird es für neue Akteure, Fuß zu fassen.

Das ist möglicherweise der entscheidende Punkt in der Debatte. Afrika ist kein Kontinent, auf dem Deutschland irgendwann später noch einmal in Ruhe seine wirtschaftspolitischen Angebote vorstellen kann. Afrikanische Regierungen haben längst Alternativen. Sie können zwischen unterschiedlichen Investoren, Finanzierungspartnern und Handelspartnern wählen.

Das Problem heißt Finanzierung

Besonders deutlich wird die Konkurrenz beim Thema Finanzierung. Denn in vielen afrikanischen Märkten entscheidet sich ein Geschäft nicht allein daran, welches Unternehmen die beste Technologie anbietet. Entscheidend kann sein, ob das Gesamtprojekt finanziert werden kann. „In Afrika gewinnt nicht allein das beste Angebot – sondern das, das auch finanziert werden kann“, sagt Voß.

Genau hier sieht sie einen strukturellen Nachteil deutscher Unternehmen. Andere Staaten flankierten ihre Firmen wesentlich offensiver mit Finanzierung und Risikoabsicherung. Voß fordert deshalb bessere Finanzierungsbedingungen, flexiblere Investitionsgarantien und Hermesdeckungen, deren Selbstbehalte sich stärker am internationalen OECD-Wettbewerbsniveau orientieren.

Der Hafen von Kapstadt ist ein Knotenpunkt für die Wirtschaft im südlichen Afrika, nicht nur für Südafrika, sondern zunehmend für die stark wachsenden Länder wie Botswana oder Sambia.

Der Hafen von Kapstadt ist ein Knotenpunkt für die Wirtschaft im südlichen Afrika, nicht nur für Südafrika, sondern zunehmend für die stark wachsenden Länder wie Botswana oder Sambia.

© Joerg Boethling/Imago

Gerade bei großen Infrastruktur- und Energieprojekten könne die staatliche Flankierung den Ausschlag geben. Ein Unternehmen kann technologisch überlegen sein, wenn der Wettbewerber gleichzeitig eine attraktive Finanzierung, staatliche Garantien und politische Unterstützung anbieten kann, ist das bessere Produkt nicht automatisch das erfolgreichere Angebot.

Der blinde Fleck könnte teuer werden

Ein weiterer Hebel liegt nach Einschätzung von Voß in einer engeren Verzahnung von Entwicklungszusammenarbeit und Außenwirtschaft. Dabei sei Deutschland bereits auf einem besseren Weg. Die Reformen des Entwicklungsministeriums (BMZ) sowie der jüngste gemeinsame 11-Punkte-Plan von BMZ und BMWE seien wichtige Schritte. Ziel sei unter anderem, deutsche Unternehmen früher in Projekte einzubinden und ihre Chancen bei Vergaben zu verbessern. Das altbekannte deutsche Problem ist allerdings das Tempo.

Wenn deutsche Unternehmen erst dann auf einen Markt aufmerksam werden, wenn Infrastrukturprojekte bereits ausgeschrieben sind, Finanzierungsstrukturen stehen und internationale Konkurrenten ihre Angebote platziert haben, ist es häufig zu spät. Wirtschaftspolitische Unterstützung müsse deshalb früher ansetzen – bei der Vorbereitung von Projekten, beim Aufbau von Kontakten und bei der Finanzierung.

Das bedeutet auch, dass Afrika nicht erst dann auf der Agenda des Wirtschaftsministeriums auftauchen darf, wenn es um einen konkreten Auftrag für ein deutsches Unternehmen geht. Wirtschaftliche Beziehungen entstehen langfristig.

Ein Ministerbesuch ist dabei natürlich kein Selbstzweck. Doch politische Präsenz senden Signale. Sie zeigt, welche Regionen eine Regierung als strategisch relevant betrachtet, schafft Zugang zu Entscheidungsträgern und kann deutschen Unternehmen Türen öffnen. Genau deshalb ist das Ausbleiben einer Afrika-Reise von Katherina Reiche politisch zumindest bemerkenswert. Denn während Berlin noch darüber diskutiert, welche Bedeutung der Kontinent künftig haben könnte, werden anderswo längst Fakten geschaffen.

Wie man es verbaerbockt

Hinzu kommt ein Problem, das tiefer reicht als die Zahl der Ministerreisen: der überhebliche Ton, mit dem Deutschland Afrika begegnet. Über Jahre trat deutsche Außenpolitik auf dem Kontinent nicht selten mit dem Gestus des Oberlehrers auf. Dabei immer wieder der Eindruck vermittelt, Europa komme ins rückständige Afrika, um Werte, Demokratie und die richtige Außenpolitik zu erklären.

Ein prägnantes Beispiel lieferte der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert bei einem Treffen mit dem namibischen Präsidenten Hage Geingob 2023. Lammert berichtete, dass bereits mehr Chinesen als Deutsche in Namibia lebten, und warnte Geingob vor dem wachsenden chinesischen Einfluss in Namibia. Geingob ließ die Warnung nicht stehen. Er wies Lammert darauf hin, dass Namibia ein souveräner Staat sei und sich nicht aus Deutschland befehligen lasse. Besonders scharf wurde er, als er daran erinnerte, wie Deutschland selbst mit Namibiern umgegangen sei. Die Botschaft des Präsidenten war unmissverständlich: Afrika brauche keinen europäischen Vormund, der ihm erkläre, mit wem es Geschäfte machen dürfe.

Gerade in afrikanischen Hauptstädten stößt dieses Auftreten auf massiven Widerstand. Viele Regierungen und gesellschaftliche Eliten wollen nicht länger als Empfänger europäischer Ratschläge oder Entwicklungsprogramme behandelt werden, sondern als selbstbewusste Partner mit eigenen Interessen, eigenen Vorstellungen und eigener Verhandlungsmacht.

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