ROM, 16. März. Der Vatikan hat am Montag nach jahrzehntelangem Zögern seine mit Spannung erwartete Erklärung zur Rolle der katholischen Kirche beim Massenmord an den Juden während des Nationalsozialismus veröffentlicht. Darin wird offiziell bedauert, daß ein Teil der Christen sich dem Holocaust nicht entschieden genug entgegengestellt hat. Jegliche Kritik an der Kirche selbst und besonders am damaligen Papst Pius XII. wird jedoch vermieden. Auch eine ausdrückliche Entschuldigung für das Schweigen Pius XII. fehlt. In Israel stieß die Erklärung der "Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum" auf Enttäuschung und Kritik. Ignatz Bubis, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält das Dokument des Vatikans "in großen Teilen für unbefriedigend". "Wenn der Vatikan dafür 50 Jahre gebraucht hat, dann ist es armselig, was dabei herausgekommen ist", sagte er am Montag. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz bezeichnete das Dokument als "zugleich befreiend und heilend". Die Tragödie der Shoah sei "Aufruf und Verpflichtung für die Christen, sich nach Kräften für eine gemeinsame Zukunft und ein neues Miteinander von Juden und Christen einzusetzen", schrieb der Vorsitzende, Karl Lehmann, in einer Stellungnahme.Auf zehn Seiten werden in der Papst-Erklärung Versäumnisse von Katholiken eingestanden und konkrete positive Ausnahmen erwähnt. Die "Unmenschlichkeit, mit der die Juden in diesem Jahrhundert verfolgt und ermordet wurden, ist mit Worten nicht zu fassen", schreibt die Kommission unter Leitung des australischen Kardinals Edward Idris Cassidy.In dem Dokument heißt es: "Die gemeinsame Zukunft von Juden und Christen verlangt, daß wir uns erinnern." Hier wie auch an anderen entscheidenden Stellen werden ältere Aussagen von Papst Johannes Paul II. übernommen. Angeleitet von "ungerechten und irrigen Interpretationen des Neuen Testaments" habe "christlicher Mob" schon in christlicher Frühzeit Synagogen angegriffen. Trotz des Liebesgebots habe "im Lauf der Jahrhunderte die vorherrschende Geisteshaltung Minderheiten bestraft und all jene, die auf irgendeine Art ,anders waren". Von Anti-Judaismus ist die Rede, vom Klima des Mißtrauens, die "zu Gewalt, Plünderungen, ja Massakern" führten.Wurzeln des Antisemitismus Größten Wert legt das Dokument "Wir erinnern uns: Nachdenken über die Shoah" auf die Unterscheidung zwischen religiösem Anti-Judaismus und Rassen-Antisemitismus. "Die Shoah war das Werk eines ganz und gar modernen, neu-heidnischen Regimes. Dessen Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb des Christentums." Vage lassen die Autoren die Möglichkeit, Anti-Judaismus habe die Judenvernichtung erleichtert: "Man kann sich fragen, ob die Nazi-Verfolgung der Juden nicht durch antijüdische Vorurteile erleichtert wurde."Die Kommission erwähnt viele beispielhafte Katholiken namentlich, Verfehlungen werden nur summarisch genannt. Daß Cassidy in einer langen Fußnote ausschließlich positive jüdische Stimmen zum Verhalten von Papst Pius XII. zitiert, den Vorwurf der Verspätung und Vorsichtigkeit seiner Kritik am Nazi-Regime aber nicht einmal erwähnt, trug ihm herbe Kritik ein. Cassidy entgegnete, dies solle keine endgültige Stellungnahme sein, sondern lediglich ein Schritt auf einem längeren Weg. Im Schlußkapitel ist von einem "Akt der Reue (teshuva)" für die Vergangenheit und dem Glauben an einen gemeinsamen Gott die Rede. Generell überwiegt in dem Dokument nicht der defensive Ton, sondern der Wunsch, den Katholiken die "jüdischen Wurzeln ihrer Religion" klarzumachen und so zu neuen und freundschaftlichen Beziehungen zu den "älteren Brüdern" zu gelangen.
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