Dass sich Aktienanalysten und Anlageberater bei ihren Empfehlungen gern von der Stimmungslage an den Börsen leiten lassen, hat sich inzwischen herumgesprochen: Je höher die Papiere im Kurs stehen, desto überschwänglicher die Kaufempfehlungen. Und in der Baisse gilt analog: Je tiefer die Aktien fallen, desto eindringlicher die Beschwörungen nach dem Motto: "Leute, verkauft, bevor es zu spät ist!" Ein solcher Herdentrieb ist allzu menschlich, und deshalb können sich ihm in der Regel nur die wenigsten entziehen. Das führt zu hohen Kursausschlägen und beschleunigt den dramatischen Absturz, den die Technologiebörsen gegenwärtig erleiden. In diesem labilen Umfeld standen bislang zumindest die Firmen selbst wie Felse in der Brandung. Egal, ob sie gerade hochgelobt oder heruntergeschrieben wurden: Jedes Interview, jede Analystenkonferenz nutzten die Unternehmenschefs, um den Anlegern ihre Aktie schmackhaft zu machen. "Wir sind noch immer total unterbewertet", oder "unser Potenzial ist gigantisch", lauteten die Standardsätze, als die Kurse bereits auf astronomische Höhen geklettert waren. Nach dem Absturz hagelte es Durchhalteparolen: "total übertrieben", oder "es handelt sich nur um eine kurzfristige Schwäche".Doch seit Montag ist alles anders. Ausgerechnet eines der wichtigsten Symbole der New Econony, der Gründer und Chef des schon legendären Online-Buchhändlers Amazon.com, Jeff Bezos, hat Kleinanlegern davon abgeraten, sich die Aktien seiner Firma ins Depot zu legen. Denn "ruhig schlafen" könne man mit Amazon-Papieren nicht. Und überhaupt warnte Bezos grundsätzlich davor, in Internet-Firmen zu investieren, weil das für die meisten viel zu riskant sei.Müssen Anleger diese mutigen Äußerungen nicht als Todesstoß für die Internet-Aktien auffassen? In der Tat brach der technologiedominierte Nasdaq-Index am Montag um mehr als sechs Prozent ein und rutschte erstmals seit über zwei Jahren sogar unter die Marke von 2000 Punkten. Doch vielleicht läutet Bezos mit seiner unkonventionellen Verkaufsempfehlung auch die Wende zum Positiven ein. Denn die Erfahrung lehrt: Die besten Einstiegschancen bestehen an der Börse immer dann, wenn die Stimmung am schlechtesten ist. Seite 26
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