Analyse

Kaum Angst vor Russland? Warum Mecklenburg-Vorpommern anders denkt

Zwei Drittel der Wahlberechtigten im Nordosten sehen in Russland kaum eine Gefahr. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger Politik, Wirtschaft und Erfahrung.

7 Min
Olaf Scholz und MV-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Lubmin: Die Botschaft über viele Jahre war, dass Russland für MV ein verlässlicher Wirtschaftspartner und Energielieferant ist.

Olaf Scholz und MV-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Lubmin: Die Botschaft über viele Jahre war, dass Russland für MV ein verlässlicher Wirtschaftspartner und Energielieferant ist.

© Jens Büttner

Es ist eine Zahl, die aufhorchen lässt. Laut einer Forsa-Umfrage für die Ostsee-Zeitung, erhoben Ende August, betrachten 62 Prozent der Wahlberechtigten in Mecklenburg-Vorpommern Russland als geringe oder gar keine militärische Gefahr. Bundesweit sehen das nur 39 Prozent so. Selbst im ostdeutschen Vergleich, wo 47 Prozent ähnlich antworten, sticht das Land noch einmal deutlich heraus.

Wer jetzt aber reflexartig von „Putin-Verstehern“ spricht oder wie Professor Stefan Creuzberger von der Uni Rostock von „erschreckend, wie sehr sich große Teile der Öffentlichkeit in MV der Realität versperren“, denkt zu kurz. Und wer die Zahl einfach wegwischt, auch. Denn hinter den 62 Prozent steckt mehr als eine Meinung.

Abgefragt wurde auch keine Sympathie für Putin und keine Zustimmung zum Angriffskrieg gegen die Ukraine. Gefragt wurde nach der Einschätzung einer direkten militärischen Bedrohung durch Russland.

Ein Muster mit langer Geschichte

Der Ost-West-Unterschied in der Russlandwahrnehmung ist kein Phänomen erst des Ukraine-Krieges. Er existiert seit Jahren, wurde wissenschaftlich dokumentiert und hat tiefe Wurzeln. Das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) stellte bereits 2020 fest, dass Menschen in Ostdeutschland Putin seltener mit „Bedrohung“ und häufiger mit einem „effektiven Präsidenten“ verbinden. Die Einstellung ist also nicht allein ein Erbe der DDR-Biografie, sondern wird auch durch das soziale Umfeld geprägt.

In der DDR war die Sowjetunion offiziell Schutzmacht, Brudervolk, Befreierin vom Nationalsozialismus. Es gab Russischunterricht, Austauschprogramme, persönliche Kontakte. Gleichzeitig existierten Besatzungserfahrungen, politische Repression, militärische Präsenz. Die Erinnerungen sind widersprüchlich, aber das Bild Russlands als grundsätzlicher Feind entstand in dieser Sozialisation nicht.

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Und es gibt ein weiteres Motiv, das die ZOiS-Forscher in ihren Fokusgruppen immer wieder beobachteten. Russland dient häufig als Projektionsfläche für Kritik an Deutschland. Wer Putin als starken Führer bezeichnet, meint damit mitunter auch, dass es deutsche Politiker nicht sind. Wer wiederum russische Positionen als von den Medien unfair dargestellt empfindet, bringt oft grundsätzliches Misstrauen gegenüber etablierten Medien zum Ausdruck. Die Russlandfrage ist damit auch eine Frage von Vertrauen und politischer Zugehörigkeit.

MV pflegte jahrzehntelang Partnerschaft mit Russland

Zur Vollständigkeit gehört auch, dass nirgendwo in Deutschland die Nähe zu Russland politisch so konsequent gepflegt wurde wie im Nordosten. Mecklenburg-Vorpommern unterhielt seit 2002 eine offizielle Partnerschaft mit dem Leningrader Gebiet, veranstaltete „Russlandtage“ und pflegte Wirtschafts- und Delegationskontakte.

Nach der Annexion der Krim 2014 hielt die Landesregierung bewusst am Dialog fest. Der frühere Ministerpräsident Erwin Sellering sprach von einer „ganz besonderen Beziehung“ zu Russland. Noch 2021 erklärte Manuela Schwesig beim vierten Russlandtag, das Land wolle die Zusammenarbeit weiter ausbauen.

Die Botschaft über viele Jahre war, dass Russland für MV kein potenzieller Gegner, sondern ein verlässlicher Wirtschaftspartner und Energielieferant ist. Eine solche Wahrnehmung verschwindet nicht automatisch mit einem außenpolitischen Bruch und einer plötzlichen politischen Umdeutung zum Sicherheitsrisiko.

Der ehemalige Ministerpräsident Erwin Sellering zog sich im Mai 2024 von seinem Amt als Vorstandsvorsitzender der Klimaschutzstiftung MV zurück.

Der ehemalige Ministerpräsident Erwin Sellering zog sich im Mai 2024 von seinem Amt als Vorstandsvorsitzender der Klimaschutzstiftung MV zurück.

© Jens Büttner

Nord Stream als regionale Erzählung

Beide Nord-Stream-Pipelines enden in Lubmin bei Greifswald. Damit wurde die Energiebeziehung zu Russland im Nordosten physisch sichtbar, regional verankert und wirtschaftlich greifbar. Im Jahr 2011 wurde Nord Stream 1 eröffnet, mit Angela Merkel, Wladimir Putin, Gerhard Schröder und Erwin Sellering auf dem Podium. Später unterstützte die Landesregierung auch Nord Stream 2.

Die 2021 gegründete Stiftung Klima- und Umweltschutz MV, deren wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb half, den Weiterbau gegen US-Sanktionsrisiken abzusichern, erhielt von der Nord Stream 2 AG 20 Millionen Euro. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, der im Sommer seine Arbeit beendet hat, prüfte diese Vorgänge über 94 Sitzungen. Das Ergebnis ist allerdings politisch umstritten. SPD und Linke sehen die zentralen Vorwürfe als widerlegt, CDU und Grüne werfen der Regierung mangelnde Transparenz und zu große Nähe zu russischen Interessen vor. Inzwischen hat Schwesig Fehler bei der früheren Russlandeinschätzung eingeräumt.

Was bleibt: Nord Stream ist nicht nur eine Pipeline; es war eine regionale Erzählung von günstiger Energie, Arbeitsplätzen, einer besonderen geografischen Rolle des Landes und von „Frieden durch Handel“. Wer mit dieser Erzählung aufgewachsen ist, wird Russland nicht ohne Weiteres von jetzt auf gleich als Bedrohung begreifen.

Die Parteienlandschaft verstärkt den Effekt

In derselben Forsa-Umfrage lag die AfD in Mecklenburg-Vorpommern bei 37 Prozent. Das ist im Zusammenhang mit den 62 Prozent kein Zufall, es ist ein Teil der Erklärung. Bundesweite Erhebungen zeigen regelmäßig, dass AfD-Anhänger Russland erheblich seltener als Bedrohung sehen als Anhänger anderer Parteien. Eine YouGov-Umfrage von 2025 ergab, dass 65 Prozent der AfD-Anhänger und 51 Prozent der BSW-Anhänger Russland als geringe oder gar keine militärische Gefahr betrachteten.

Eine INSA-Umfrage vom August 2026 für den Nordkurier illustriert das Muster bei der Energiefrage. Insgesamt 51 Prozent der Befragten in MV befürworteten eine Rückkehr zu russischen Gas- und Ölimporten. Unter AfD-Anhängern waren es 80 Prozent, unter BSW-Anhängern 79 Prozent und unter Grünen-Anhängern lehnten 83 Prozent ab.

Ursache und Wirkung laufen dabei in beide Richtungen. Menschen mit geringer Russland-Bedrohungswahrnehmung wählen häufiger AfD oder BSW. Gleichzeitig verstärken diese Parteien entsprechende Deutungen. Dahinter steht häufig ein tiefes Misstrauen gegenüber Bundesregierung, Nato, EU und etablierten Medien.

Dass die Menschen in MV keine Angst vor Krieg hätten, lässt sich aus der Forsa-Zahl jedoch nicht ableiten – im Gegenteil. Eine INSA-Umfrage vom März 2026 ergab, dass 71 Prozent große oder sehr große persönliche Angst vor Krieg haben. Die Stimmung lautet offenbar weniger, Krieg ist unwahrscheinlich als vielmehr: Krieg ist gefährlich, aber die Gefahr entsteht nicht allein durch Russland. Waffenlieferungen, Aufrüstung und westliche Konfrontationspolitik werden von einem Teil der Bevölkerung ebenfalls als Eskalationsrisiken gesehen.

Mehr als jeder dritte Befragte in MV schrieb laut einer weiteren Forsa-Auswertung der Nato eine Mitschuld am Ukrainekrieg zu. In einer NDR-Befragung Anfang 2026 sagte die Hälfte der Befragten im Land, die Waffenlieferungen an die Ukraine gingen zu weit. Die geringe Bedrohungswahrnehmung gegenüber Russland bedeutet eher eine andere Zuschreibung von Verantwortung und Eskalationsgefahr.

Verfassungsschutz bewertet die Lage anders

Während 62 Prozent der Wahlberechtigten Russland kaum als Gefahr wahrnehmen, bewertet der Verfassungsschutz des Landes die Lage grundlegend anders. Sein Bericht 2025 bezeichnet hybride Bedrohungen durch russische Nachrichtendienste – darunter Spionage, Cyberangriffe, Sabotage und Desinformation – als ernste Gefahr. MV sei wegen Ostseelage, Häfen, Energieversorgung und maritimer Wirtschaft besonders exponiert. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte im August 2026 ausdrücklich vor ausländischer Einflussnahme im Vorfeld der Landtagswahl.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die 62 Prozent das Ergebnis russischer Propaganda sind. Dafür gibt es keinen Beleg. Russische Einflussoperationen können vorhandene Einstellungen verstärken. Aber die Einstellungen selbst sind älter, tiefer verwurzelt und lassen sich bereits vor 2022 nachweisen. Desinformation trifft auf Misstrauen, das bereits da war.

Was bedeutet das für die Wahl?

Für die Parteien stellen die 62 Prozent sehr unterschiedliche Herausforderungen dar. Die AfD kann auf eine Wählerschaft bauen, für die Russland kein Feind ist und Sanktionen ein Fehler waren. SPD und Linke müssen erklären, warum ihre frühere Russlandpolitik richtig war – oder warum sie es nicht war. Die Grünen vertreten die russlandkritischste Linie im Land und liegen damit quer zur Mehrheitsstimmung.

Der eigentliche Konflikt ist aber kein einfacher zwischen „pro Putin“ und „contra Putin“. Die entscheidende Frage lautet: Wem vertrauen die Menschen bei der Einschätzung einer Gefahr, die sie nicht unmittelbar sehen können – den Sicherheitsbehörden und der Bundesregierung, ihren eigenen Erfahrungen oder Parteien, die vor einer Eskalation durch den Westen warnen?

Mecklenburg-Vorpommern ist nicht angstfrei, sondern deutet die Gefahr nur anders. Und das ist das Ergebnis von Jahrzehnten.

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