Erinnerungskultur

Kerzennacht, Einheitsfeier und besondere Gedenkveranstaltungen in Sachsen

Die Tage zwischen 7. Oktober 1989 und 3. Oktober 1990 sind gerade in Sachsen besonders identifikationsstiftend. Daran wird dieser Tage mannigfaltig erinnert.

6 Min
Die „Nacht der Kerzen“ erlebt am Samstag, 3. Oktober, ihre dritte Auflage in Plauen. Geschichtlich intensiver wird es jedoch am 7. Oktober in der Spitzenstadt und am 9. Oktober in Leipzig.

Die „Nacht der Kerzen“ erlebt am Samstag, 3. Oktober, ihre dritte Auflage in Plauen. Geschichtlich intensiver wird es jedoch am 7. Oktober in der Spitzenstadt und am 9. Oktober in Leipzig.

© Oliver Orgs/Stadt Plauen

Der Tag der Deutschen Einheit ist natürlich ein Feiertag, aber für viele Menschen in Sachsen von eher untergeordneter Bedeutung. Viel lebendiger als die eigentliche Wiedervereinigung zum künstlichen „Tag der Einheit“ am 3. Oktober 1990 sind in den Gedanken der Menschen die Ereignisse vom 7. Oktober 1989 in Plauen und zwei Tage später in Leipzig verwurzelt. Damals nahm von hier aus die Friedliche Revolution ihren Lauf.

In Dresden feiert man mit einem offiziellen Festakt am 3. Oktober einen „Tag der Demokratie“ samt anschließendem „Tag der offenen Tür“ im sächsischen Landtag. Schließlich ist es auch der Tag der Wiedergründung des Freistaates Sachsen. Ab 10 Uhr lauschen im Plenarsaal unter anderem Landtagspräsident Alexander Dierks, Ministerpräsident Michael Kretschmer, dem Festredner Thomas de Maizière (alle CDU). Neben geladenen Gästen werden auch interessierte Bürger auf der Besuchertribüne sitzen.

Thomas de Maizière referiert zum Thema „Der Tag der Deutschen Einheit – Auftrag für die Zukunft“. Er war unter anderem Kanzleramtsminister bei Angela Merkel, Bundesinnen- und Bundesverteidigungsminister sowie zuvor Chef der Staatskanzleien in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sowie Staatsminister in Sachsen.

Offene Türen im Landtag und Kerzennacht in Plauen

„Kaum eine Persönlichkeit verbindet Sachsen, die deutsche Wiedervereinigung und die politische Entwicklung unseres wiedervereinigten Landes so unmittelbar wie Thomas de Maizière“, schätzt Landtagspräsident Alexander Dierks ein und ergänzt: „In unruhigen Zeiten unserer Demokratie ist er mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung in höchsten Ämtern in Sachsen und auf Bundesebene genau der richtige Festredner zum Nationalfeiertag.“

Im Anschluss gibt es einen Tag der offenen Tür, bei dem die Besucher einmal im Plenarsaal Platz nehmen und Abgeordnete treffen können oder bei Führungen Einblicke in den „Maschinenraum“ des Parlaments erhaschen dürfen, den man sonst eher nicht zu Gesicht bekommt.

In Plauen hingegen endet der Kultursommer nun schon zum dritten Mal mit einer „Nacht der Kerzen“, mit der ein leuchtendes Zeichen für gelebte Erinnerungskultur und lebendige Demokratie gesetzt werden soll. Hunderte Kerzen, eine Video- und Laserkunstinstallation, Livemusik sowie Zeitzeugen und Gastauftritte auf der Bühne machen die Geschichte der Friedlichen Revolution in Plauen am originalen Schauplatz, dem Thomas-Küttler-Platz am Wendedenkmal, erlebbar. Veranstalter sind die Stadt Plauen und der Verein DenkKultur Vogtland. Von 18–22 Uhr soll der Abend, der Geschichte versprüht, dauern.

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Beginn der Friedlichen Revolution war der 7. Oktober 1989

Weit wichtiger ist für die Akteure der Friedlichen Revolution in Plauen jedoch eine Traditionsveranstaltung, die zum 37. Mal vor der Plauener Lutherkirche am 7. Oktober durchgeführt wird. Um an die friedliche Kraft der Kerzen zu erinnern, gibt es eine kleine Gedenkfeier, zu der diesmal der frühere und für seine Wortgewalt bekannte Bundestagspräsident Norbert Lammert einige Worte der Erinnerung sprechen wird.

Am 7. Oktober 1989 waren dem Aufruf des damals jungen Plauener Bürgerbewegten Jörg Schneider zu einer friedlichen Demonstration mehr als 15.000 Menschen gefolgt. Nur rund 180 Zettel mit einem heute legendären Text hatten Schneider und seine eingeweihten Freunde verbreitet, doch ihr Inhalt ging wie ein Lauffeuer durch die Spitzenstadt.

Der Originaltext deS Flugblattes von Plauen
Repro: Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Der Originaltext deS Flugblattes von Plauen

Bürger der Stadt Plauen,

Am 7. Oktober findet auf dem Plauener Theaterplatz eine Protestdemonstration statt!!
Beginn: 15.00 Uhr

Unsere Forderungen lauten:
Versammlungs- und Demonstrationsrecht
Streikrecht
Meinungs- und Pressefreiheit
Zulassung der Oppositionsgruppe „Neues Forum“ sowie anderer unabhängiger Parteien und Umweltgruppen
Freie, demokratische Wahlen
Reisefreiheit für alle

Bürger! Überwindet Eure Lethargie und Gleichgültigkeit! Schließt Euch zusammen! Es geht um unsere Zukunft!
Informiert die Arbeiter in den Betrieben!!

Plauen war damals, wie sich später herausstellte, die Stadt mit den meisten Stasi-IMs in Bezug auf die Einwohnerschaft einer Stadt in der DDR und galt als Hochburg der kirchlich-oppositionellen Bewegung. Schon im Mai 1989 hatten junge Leute der Gruppe „Umdenken durch Nachdenken“ mit Eingaben zu falsch ausgezählten Kommunalwahlstimmen für Aufsehen gesorgt.

An jenem 7. Oktober 1989 aber zogen tausende junge Menschen friedlich durch die Stadt. Hier erklangen erstmals die Rufe wie „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“. Ein Feuerwehrfahrzeug wurde als Wasserwerfer missbraucht, musste letztlich aber zurückweichen. Dank dem besonnenen Eingreifen des damaligen Superintendenten Thomas Küttler blieb der Tag friedlich und erstmals gelang es der Staatsmacht nicht, eine Demonstration gegen das DDR-Regime aufzulösen.

Am 7. Oktober werden wieder zahlreiche Kerzen vor dem Südportal der Plauener Lutherkirche aufgestellt – so wie vor 37 Jahren sollen sie eine friedliche Kraft entfalten.

Am 7. Oktober werden wieder zahlreiche Kerzen vor dem Südportal der Plauener Lutherkirche aufgestellt – so wie vor 37 Jahren sollen sie eine friedliche Kraft entfalten.

© Oliver Orgs / Stadt Plauen

In dieser Erinnerung steht die Veranstaltung am 7. Oktober, 19 Uhr, zu deren Abschluss wieder zahlreiche Plauener in Reminiszenz an die Demonstration und ihr friedliches Ende am Südportal der Lutherkirche wie 1989 Kerzen entzünden und auf die Stufen stellen werden. Für viele der Demonstranten von einst ist dieser Termin ein Pflichttermin, der wie kaum ein anderer für Frieden und Freiheit gleichermaßen steht.

Friedensgebet und Lichtfest: Leipzig feiert am 9. Oktober

In Leipzig wird – wie im Wendeherbst 1989 – zwei Tage später das Thema auf der Tagesordnung stehen. Am 9. Oktober 1989 waren rund 70.000 Menschen zur ersten nicht aufgelösten Montagsdemo durch Leipzig gezogen. Und wie schon in Plauen zwei Tage vorher wurde hier ein friedliches Zeichen für Veränderung gesetzt. Auch hier musste die Staatsmacht vor den Menschen auf dem Weg der Freiheit kapitulieren.

So lädt die Messestadt am 9. Oktober, 17 Uhr, zu den Friedensgebeten in der Nikolaikirche Leipzig ein. Superintendent Joachim Jeska aus Osnabrück hält eine Predigt im Friedensgebet. Es musizieren der Bachchor an der Nikolaikirche und das Ensemble St. Nikolai unter der Leitung von Nikolaikantor Markus Kaufmann. Gegen 18.15 Uhr hält in diesem Jahr die deutsch-amerikanische Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook die traditionelle Rede zur Demokratie. 1976 in Wiesbaden geboren, gilt die Expertin für US-Politik und internationale Beziehungen als eine der profiliertesten transatlantischen Stimmen der Gegenwart.

Besucher des Lichtfestes stellen ihre Kerzen in die große Zahl 89 in der Leipziger Innenstadt. Jedes Jahr am 9. Oktober gedenken die Leipziger der Montagsdemonstrationen im Herbst 89, die den Sturz des SED-Regimes zur Folge hatten.

Besucher des Lichtfestes stellen ihre Kerzen in die große Zahl 89 in der Leipziger Innenstadt. Jedes Jahr am 9. Oktober gedenken die Leipziger der Montagsdemonstrationen im Herbst 89, die den Sturz des SED-Regimes zur Folge hatten.

© Jennifer Brückner/dpa

Von 19 bis 23 Uhr sind alle Interessierten dann in die Leipziger Innenstadt eingeladen, wo das alljährliche Lichtfest an die Montagsdemonstrationen im Herbst 89 erinnert, die den Sturz des SED-Regimes zur Folge hatten und in der deutschen Wiedervereinigung mündeten. Zwischen Nikolaikirche und Matthäikirchhof verbinden Lichtinstallationen, Performance und Bilder von 1989 Geschichte mit Gegenwart. Internationale Künstler sowie lokale Projektpartner und Leipziger Schüler gestalten gemeinsam eine europäische Perspektive.

Das Kerzenpodest in Form einer 89 an der Thomaskirche/Ecke Klostergasse bildet einen stillen Moment des Gedenkens, aber auch die Möglichkeit des Austausches mit Zeitzeugen. So entsteht ein gemeinsamer Raum für Erinnerung und Reflexion.

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