Ukraine-Krieg

KI-Kampagne schürt Angst vor angeblicher Umsiedlung von Juden in die Ukraine

Fingierte TikTok-Interviews erzählen von Geld, Privilegien und einem „unabhängigen Uman“. Die Ukraine macht russische Netzwerke verantwortlich. Die Erzählung hat eine längere Vorgeschichte.

5 Min
Ein jüdischer Pilger liest während der Rosch-Haschana-Feiern in Uman aus einem religiösen Text.

Ein jüdischer Pilger liest während der Rosch-Haschana-Feiern in Uman aus einem religiösen Text.

© Danylo Antoniuk/imago

Ein jüdischer Pilger erzählt vor laufender Kamera, er wolle dauerhaft in der Ukraine bleiben. Ein anderer spricht angeblich von 200.000 Hrywnja (rund 3900 Euro), die ihm der ukrainische Staat dafür zahle. Dazu kommen vermeintliche Sonderrechte und Pläne, die ukrainische Stadt Uman zu einer „unabhängigen Einheit“ zu machen.

Die Männer in diesen Videos sind nach Angaben des ukrainischen Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation nicht echt. Die Behörde teilte Mitte September mit, Netzwerke russisch kontrollierter TikTok-Konten verbreiteten eine Serie mit Künstlicher Intelligenz erzeugter Interviews. Ziel sei es, den Eindruck zu erwecken, ausländische Juden würden dauerhaft in der Ukraine angesiedelt und gegenüber Ukrainern bevorzugt.

Das Zentrum gehört zum Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine und ist damit keine unabhängige Factchecking-Organisation. Eine öffentlich zugängliche technische Analyse, die sämtliche Accounts der aktuellen TikTok-Kampagne eindeutig russischen staatlichen Stellen zuordnet, liegt bislang nicht vor. Dass russlandnahe Netzwerke bereits zuvor mit ähnlichen Fälschungen rund um Juden, Israel und Uman gearbeitet haben, ist dagegen unabhängig dokumentiert.

Mehr als 49.000 jüdische Pilger in Uman

Den realen Hintergrund liefert die jährliche Wallfahrt zum Grab von Rabbi Nachman von Breslow in Uman. Zehntausende chassidische Juden reisen jedes Jahr zu Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, in die zentralukrainische Stadt.

2026 kamen besonders viele. Nach Angaben regionaler ukrainischer Behörden waren bis zum Morgen des 11. September mehr als 49.000 Pilger eingetroffen. Israelische Angaben gingen später von rund 52.000 Menschen aus. Vor dem Krieg bewegte sich die Zahl häufig zwischen 30.000 und 35.000.

Genau diese realen Menschenmengen bilden den Hintergrund der künstlich erzeugten Interviews. Die ukrainische Behörde widerspricht der darin verbreiteten Behauptung ausdrücklich: Es gebe weder ein Programm zur massenhaften Ansiedlung ausländischer Bürger noch Zahlungen, die Menschen zu einem dauerhaften Umzug in die Ukraine bewegen sollten.

Zehntausende jüdische Pilger feiern Rosch Haschana in Uman. Die Stadt ist jedes Jahr Ziel einer großen chassidischen Wallfahrt.

Zehntausende jüdische Pilger feiern Rosch Haschana in Uman. Die Stadt ist jedes Jahr Ziel einer großen chassidischen Wallfahrt.

© Ukrinform/imago

Die 200.000 Hrywnja gibt es tatsächlich – aber für Ärzte

Besonders geschickt ist die Verwendung der Summe von 200.000 Hrywnja. Eine staatliche Zahlung in genau dieser Höhe existiert in der Ukraine tatsächlich. Sie hat jedoch nichts mit jüdischen Pilgern oder einer Ansiedlung in Uman zu tun.

Die ukrainische Regierung weitete das Programm im Juni aus. Junge Ärzte können einmalig 200.000 Hrywnja erhalten, wenn sie nach ihrer Ausbildung mindestens drei Jahre in einem staatlichen oder kommunalen Krankenhaus in einer Region mit besonders großem Ärztemangel arbeiten. Das ukrainische Kabinett beschreibt Zielgruppe und Bedingungen detailliert.

Ob die Urheber der gefälschten Interviews die Zahl bewusst aus diesem Programm übernommen haben, lässt sich nicht belegen. Die israelisch-ukrainische Nachrichtenseite Nikk, die die Kampagne ausführlich analysiert hat, weist jedoch darauf hin, dass dadurch eine nachprüfbare reale Zahl mit einer erfundenen Geschichte verbunden wird.

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Schon im Frühjahr kursierten Fakes über Uman

Die aktuellen Videos stehen nicht allein. Bereits Ende April dokumentierte die Forschergruppe Antibot4Navalny Aktivitäten des als russlandnah eingestuften Netzwerks Matryoshka. Gefälschte Videos im Stil etablierter Medien behaupteten unter anderem, die Ukraine wolle israelischen Pilgern die Reise nach Uman verbieten. In einem anderen erfundenen Beitrag soll ein Rabbiner Wolodymyr Selenskyj verflucht haben.

The Insider überprüfte damals die verbreitenden Accounts und ordnete sie dem Matryoshka-Netzwerk zu. Auch der Kyiv Independent berichtete unter Berufung auf die Forscher über die Kampagne. Dabei wurden unter anderem Logos von AFP, Euronews und anderen Medien missbraucht.

Bemerkenswert ist der Wechsel der Erzählung: Im Frühjahr lautete eine Botschaft, die Ukraine wolle Juden aus Uman fernhalten. Im September wird nun das Gegenteil behauptet: Die ukrainische Regierung bevorzuge jüdische Pilger und wolle sie dauerhaft im Land ansiedeln.

Russisches Medium schreibt von „Eroberung“ Umans

Auch russische staatliche Medien griffen die Pilgerfahrt auf. Das Portal Ukraina.ru veröffentlichte am 11. September einen Artikel, dessen Überschrift davon sprach, Chassiden würden Uman erneut „erobern“. Ukraina.ru gehört nach eigenen Angaben zum Medienverbund Rossiya Segodnya, dessen Gründer ein russisches Staatsunternehmen ist.

Das belegt für sich genommen nicht, dass der russische Staat die aktuellen TikTok-Videos produziert oder gesteuert hat. Es zeigt jedoch, dass die Darstellung einer vermeintlichen Übernahme Umans zur selben Zeit auch in einem staatlich getragenen russischen Medium auftauchte.

Ein russischsprachiger Telegram-Kanal ging bereits im August noch weiter und bezeichnete die diesjährige Pilgerfahrt als eine Art Generalprobe für eine spätere Ansiedlung von „Millionen“ Israelis in der Ukraine. Für eine Steuerung dieses Kanals durch russische Behörden gibt es allerdings keine Belege. Darauf weist auch Nikk ausdrücklich hin.

Verschwörungserzählung reicht bis 2019 zurück

Die Vorstellung einer angeblichen Umsiedlung aus Israel in die Ukraine ist zudem älter als der aktuelle Krieg. 2019 veröffentlichte Sergej Glasjew, damals Berater von Russlands Präsident Wladimir Putin, einen Text, in dem er über eine mögliche massenhafte Ansiedlung von Menschen aus Israel und anderen Ländern des Nahen Ostens im Südosten der Ukraine spekulierte.

Das israelische Außenministerium bezeichnete Glasjews Äußerungen seinerzeit als verschwörungstheoretisch und antisemitisch. Der Kreml distanzierte sich und erklärte, Glasjew habe seine persönliche Meinung geäußert. Glasjew selbst wies später die Darstellung zurück, er habe ausdrücklich eine Umsiedlung von Juden behauptet.

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