Rappelt es gerade mal wieder in der Kiste der Kunstgeschichte? Der Deutschlandfunk meldet am 2. September etwas, das aufhorchen lässt. Tags darauf titeln Medien, die es gerne knallig mögen: „Muss die Kunstgeschichte jetzt umgeschrieben werden?“
Die Headline lautet „Kunstforschung: KI hält den ‚Mann mit dem Goldhelm‘ für einen Rembrandt“. Und weiter: „Nun sieht eine KI mit 96-prozentiger Wahrscheinlichkeit doch Rembrandts Handschrift in dem Bild.“
Ein amerikanisches IT-Paar, das offenbar mit Künstlicher Intelligenz Kunstexpertisen erstellt, behauptet tatsächlich, es beweisen zu können. Konkrete Angaben machten weder der Radiosender noch die elektrisierten Blätter. Aber: Kann KI wirklich die Kunstgeschichte neu schreiben?
Jeder, der Rembrandt liebt, weiß es – und bedauert es zugleich noch immer: „Der Mann mit dem Goldhelm“ von 1655, einst Hochkaräter im Rembrandt-Konvolut der Berliner Gemäldesammlung, ist seit 40 Jahren „heruntergestuft“, stammt wohl nur aus „Rembrandts Umfeld“. 1986 brachte eine Forschungsinitiative, an der auch ein namhafter Berliner Restaurator und das an Experten reiche Amsterdamer Rembrandt Research Project (RRP) unter dem unbestrittenen Rembrandt-Papst Ernst van de Wetering (1938–2021) beteiligt waren, die desillusionierende Erkenntnis, dass der geniale Sohn eines Leidener Müllers in diesem Falle nur das Licht-auf-dunklem-Grund-Vorbild war. Nicht aber der Bildermacher.
Im Rembrandt-Saal der Berliner Gemäldegalerie, hier „Jakob ringt mit dem Engel“ (um 1659)
© Christophe Gateau/dpa
Ein hochbegabter Maler jener Zeit, vielleicht aus Rembrandts Werkstatt oder Schule, hatte wohl den Meister überflügeln wollen und fast perfekt in dessen Stilistik eine Art Kriegsgott gemalt: Mars, der Helm auf seinem Kopf eine Augsburger Goldschmiedearbeit, wie die Forschung herausfand. Für die Nachwelt war er über die Jahrhunderte unbezweifelt ein Rembrandt. 1897 hatte Wilhelm von Bode das Bild aus einer Schweizer Privatsammlung im Namen des Kaiser-Friedrich- Museumsvereins angekauft.
Schon seit den 1960er-Jahren gab es in der Rembrandt-Forschung Zweifel aufgrund der extrem realistischen Darstellung des Helms, welcher der eigentliche Protagonist des Bildes ist und eben nicht das feinsinnige rembrandtsche Menschenbild. Dieser alte, vom Leben gezeichnete Mann unter dem Helm, dazu der fast reliefhafte, pastose Farbauftrag in dieser Partie, wurden als Übersteigerung des Effekts gesehen, die für den niederländischen Maler selbst so gar nicht typisch war.
Berlins Gemäldegalerie erfuhr 1986 eine Desillusionierung
Berlins Gemäldegalerie, im Jahr 1986 bei der „Zurückstufung“ der Zuschreibung noch im Westteil der Mauerstadt in Dahlem im Nachkriegsasyl, hat damals an dem Expertenbefund schwer geschluckt, galt das Werk doch als Rembrandt-Inkunabel. Nach der Wiedervereinigung der Berliner Gemäldesammlungen und deren Etablierung am Kulturforum 1998 indes war der Goldhelm-Mann im Rembrandt-Saal immerzu ein Publikumsmagnet und kein Objekt für abwertende Blicke.
Wie reagieren nun die unmittelbar von dieser KI-Expertise betroffenen Berliner Museumsleute und Kunsthistoriker der Staatlichen Museen – Preußischer Kulturbesitz in der Gemäldegalerie am Kulturforum? Ist es ein Anlass, die Korken knallen zu lassen, würde die Rehabilitierung als Rembrandt-Original doch enorme Image- und Wertsteigerung bedeuten?
Private Untersuchungen ohne Kontakt zum Museum
Wir fragten Katja Kleinert, die stellvertretende Direktorin und Kustodin für niederländische und flämische Kunst des 17. Jahrhunderts. Sie teilte der Berliner Zeitung dazu Folgendes mit:
„Der ‚Mann mit Goldhelm‘ wurde nun erneut mithilfe von KI untersucht, diesmal von einem amerikanischen Paar. Bereits vor einiger Zeit war eine entsprechende Untersuchung von deutscher Seite durchgeführt worden. Beide Untersuchungen erfolgten, ohne die Gemäldegalerie einzubeziehen oder uns vorab darüber zu informieren. Auch eine Kontaktaufnahme oder ein fachlicher Austausch im Vorfeld hat nicht stattgefunden. Soweit ich nachvollziehen kann, wurde für die aktuelle Auswertung nicht einmal eine hochauflösende Aufnahme des Gemäldes bei uns angefragt. Das Gemälde wurde von uns im Rahmen eines umfassenden Forschungsprojekts zu den Rembrandt-Gemälden (23011-2016) erneut eingehend untersucht. Dabei konnten wir die bereits vorgenommene Abschreibung bestätigen.“
Aus Sicht der Gemäldegalerie, führt Kleinert aus, handelt es sich eindeutig nicht um ein eigenhändiges Werk Rembrandts. Die Faszination für die Möglichkeiten von KI bei der Zuschreibung von Kunstwerken sei zwar groß und nachvollziehbar. Dabei gerate aber leider schnell aus dem Blick, dass für eine wissenschaftliche Beurteilung eines Gemäldes eine kleinteilige und differenzierte Auseinandersetzung mit dem dreidimensionalen Original, seiner Materialität, seiner Entstehungsgeschichte usw. erforderlich sei. Gerade diese Aspekte lassen sich durch eine externe KI-Auswertung auf Grundlage einer digitalen Aufnahme nur sehr eingeschränkt oder gar nicht erfassen.
Bewertung ohne Anschauung und Kenntnis des Originals
Für problematisch halten die Kunsthistoriker es insbesondere, wenn solche Untersuchungen ohne Kenntnis des Originals und ohne Einbeziehung der bereits geleisteten wissenschaftlichen Arbeit durchgeführt und anschließend öffentlich kommuniziert werden. Kleinert: „Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass sich die Gemäldegalerie selbst an entsprechenden KI-basierten Zuschreibungsverfahren beteiligt oder ihre bisherige Einschätzung revidiert hat. Dies ist ausdrücklich nicht der Fall.“
Es bleibt also spannend. Und vorerst bleiben Berlins Hüter der Gemälde Rembrandts und aus dessen Umkreis so skeptisch wie gelassen.
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