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KI-Literatur: Unterhaltsam vielleicht, aber auf Dauer nur belanglos

Schreibt ChatGPT bald die besseren Romane? Unwahrscheinlich, meint unser Autor. Denn KI-Texten fehlt genau das, was Literatur ausmacht: Das gelebte Leben.

Herbert Beckmann
6 Min
Schon seit einigen Jahren stellen sich viele Schriftsteller die Frage, ob KI-Literatur eines Tages ihre Arbeit verdrängen wird.

Schon seit einigen Jahren stellen sich viele Schriftsteller die Frage, ob KI-Literatur eines Tages ihre Arbeit verdrängen wird.

© Lutz Winkler/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Im letzten Jahr rief der VS Berlin, der Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei Verdi, zu einem „literarischen Experiment“ auf: ein Schreibwettbewerb, bei dem die Verbandsmitglieder Texte mithilfe Künstlicher Intelligenz generierten. Am Ende sollte die Frage aller Fragen enträtselt werden: „Erkennen die Leser, welche Texte maschinell entstanden sind?“

Meine Haltung dazu war und ist eindeutig: „Professionelle Autoren“, die sich aus vermeintlicher Not („Bin ich bald arbeitslos?“) mit KI-Literatur messen, tragen zur Selbstverzwergung der eigenen Zunft bei.

Doch meine Kritik geht über ein solches, wie auch immer wissenschaftlich kommentiertes, literarisches Rätselraten hinaus. Sie ist grundsätzlich. Denn der zunehmend erzwungene Vergleich von „Kunst“ und „Künstlicher Intelligenz“ – Mensch versus Maschine – beruht gleich in zweierlei Hinsicht auf problematischen, unreflektiert hingenommenen Begrifflichkeiten.

Was ist überhaupt „Intelligenz“?

Es beginnt mit der „Intelligenz“. Schon während meiner Ausbildung zum Psychologen galt es angesichts Dutzender Intelligenztests weltweit als ein geflügeltes Wort, dass „Intelligenz das ist, was ein Intelligenztest misst“. Mit anderen Worten: Wir haben es mit einem gedanklichen Konstrukt zu tun, abhängig vom jeweiligen Vorverständnis seiner Entwickler, zum Beispiel der Annahme einer „allgemeinen Intelligenz“ gegenüber mehreren „spezifischen Intelligenzen“ oder der Unterscheidung zwischen „kindlicher“ und „Erwachsenenintelligenz“. Zusätzlich existiert die Behauptung, dass sich Intelligenz in der Bevölkerung angeblich ebenso verteilt wie Schuhgrößen, und dann gibt es noch Deutungen „projektiver Tests“, die laut Kritikern mehr über die Fantasie ihrer Deuter aussagen als über die getesteten Personen.

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Und ich rede hier noch gar nicht von einem qualitativen Verständnis von Intelligenz à la Jean Piaget. Der berühmte Schweizer Entwicklungspsychologe wusste noch, dass „Begreifen“ von „Greifen“ kommt und Denken verinnerlichtes Handeln ist. Ich bin sicher, Piaget rotiert pausenlos im Grab angesichts des immer früheren Einsatzes von Computern in Schulen, Kindergärten und sogar Kinderzimmern. Denn Verstand und Verstehen sind das Ergebnis von Tun, von Aktivität. Sie begünstigen auch das Lesen- und Schreibenlernen.

Es ist also alles andere als ausgemacht – und das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit –, wenn so getan wird, als dürfe man computergenerierten Texten überhaupt einen Prozess unterstellen, den man mit „Intelligenz“ gleichsetzt. Ich frage mich, ob „KI“ nicht vielmehr dem entspricht, was man in Anlehnung an Stanisław Lem „Künstliche Nichtintelligenz“ beziehungsweise „Künstlichen Instinkt“ nennen könnte.

Lem, der visionäre polnische Schriftsteller, bietet denn auch die Brücke zu meinem zweiten Kritikpunkt an einem literarischen Armdrücken zwischen Mensch und Maschine: der „Kunst“, in diesem Fall der Kunst des Schreibens.

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Was zählt, ist der Entstehungsprozess

Textmaschinen wie ChatGPT oder DeepSeek, die Hypes aus USA und China, produzieren bekanntlich Texte, die das Ergebnis von Rechenleistungen sind, und sie werden nicht besser beziehungsweise legitimer, falls die KI zuvor in gigantischem Ausmaß und womöglich unter sinistren Umständen mit Plagiaten gefüttert wurde. Hinter der Textmaschinenleistung stehen keine lebendigen Erfahrungen. Niemand mit Verstand würde das bezweifeln.

Von Menschen geschriebene literarische Texte unterscheiden sich von Maschinentexten ganz grundsätzlich dadurch, dass ihnen aufgrund ihrer Verankerung im „gelebten“, sprich menschlichen Leben eine persönliche Bedeutung zukommt – schon bevor sie verfasst wurden, während des Schreibprozesses und danach, falls auch andere Menschen den Text lesen oder hören. Wenn wir als Menschen Geschichten, Gedichte, Gedanken aufschreiben, so deshalb, weil sie menschlichen Impulsen entspringen, unseren Erfahrungen, Bedürfnissen, Irrtümern ...

Hätten wir etwa zwei zufällig genau identische Texte vor uns, der eine geschaffen von einer Maschine und der andere von einem Menschen, wäre ihre Bedeutung für uns Lesende keineswegs identisch! Beim Maschinentext frage ich völlig umsonst: Was hat sich das Programm dabei gedacht? Nichts, selbstverständlich, die KI hat nur herumgerechnet. Beim menschlichen Text sind meiner Spekulation über die Entstehungsbedingungen oder die Begleitumstände und die damit eventuell verbundenen Absichten keine Grenzen gesetzt. Hier kommt also nicht einmal dem, was sich vollkommen gleicht, auch die gleiche Bedeutung zu, im Fall des KI-Produkts sogar überhaupt keine menschliche Bedeutung.

Ähnlich sieht es in der bildenden Kunst aus: Es gibt sicherlich Kunstfälscher, deren Kopien so „perfekt“ erscheinen, dass sie sogar für geübte Augen das Original wie eine Fälschung aussehen lassen. Doch einmal enttarnt, ist ihre künstlerische Bedeutung für uns dahin. Ich bewundere Picasso, nicht seinen Kopisten, der buchstäblich abmalt, nicht neu schöpft, und dem Werk deshalb keine weitere Bedeutung hinzufügt.

Die Spannung zwischen Literatur und von Maschinen geschaffenen Texten bleibt auch auf der Leipziger Buchmesse ein vieldiskutiertes Thema.

Die Spannung zwischen Literatur und von Maschinen geschaffenen Texten bleibt auch auf der Leipziger Buchmesse ein vieldiskutiertes Thema.

© Hartmut Boesener/imago

KI-Texte sind unterhaltsam, mehr nicht

Zurück zum literarischen „Kräftemessen“ zwischen Mensch und Maschine: Wer sich darauf einlässt, begibt sich automatisch auf das Niveau der Berechenbarkeit, denn nichts anderes generiert die „generative KI“. Es entstehen Inhalte und Formen, die dem Leben an keiner Stelle abgerungen werden, egal ob die Algorithmen geschüttelt oder gerührt werden. Eine KI hat eben nur jeweils die Wahl zwischen Null und Eins, An und Aus, hell und dunkel, ohne Sinn, ohne Verstand, nur immer mehr davon.

Wir können uns den Text-Output von Maschinen ansehen, lesen, anhören, auch unseren Spaß daran haben. Aber wir sollten nicht so tun, als hätte er einen menschlichen Hintergrund. Das Ergebnis mag unterhaltend sein, aber für uns Menschen ist es auf die Dauer so belanglos wie eine Serie von Schachcomputern, die gegeneinander spielen, nachdem sie alle amtierenden menschlichen Schachcracks bereits hundertfach geschlagen haben.

Um die Zukunft der Schreiberzunft ist mir deshalb nicht bang. Sofern KI-generierte Literatur als solche gekennzeichnet ist – und eben nicht verborgen wird wie in dem skizzierten „literarischen KI-Experiment“ des VS –, haben Leser die Wahl zwischen Zahlen, die zu Wörtern umgerechnet wurden, und Worten, für die jemand im Leben gestanden haben muss, unter Umständen sogar damit bezahlt hat.

Herbert Beckmann, Jg. 1960, geb. in Ahaus (Westf.), lebt seit über 40 Jahren in Berlin. Er arbeitet als Psychologe und Autor, schreibt für Kinder und Erwachsene. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Hoher Himmel, nichts als Blau“ (Fischer Verlag 2025).

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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