Wer Freunde oder Verwandte außerhalb Kiews habe, solle erwägen, den Winter dort zu verbringen, sagte Klitschko am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Die russischen Angriffe würden immer heftiger: „Jeden Tag gibt es neue Berichte über zerstörte Gebäude, Verletzte und Tote.“ Sein Fazit: „Jetzt geht es ums Überleben.“
Eine vollständige Evakuierung lehnt der Bürgermeister ab, menschenleere Städte seien Putins Ziel. Die Stadt legt Vorräte an Treibstoff, Lebensmitteln und Trinkwasser an und bereitet zusätzliche Heizsysteme vor. Versagt die Luftverteidigung, könnten diese Maßnahmen zu wenig sein, räumt Klitschko ein. Kiew hat offiziell rund 2,6 Millionen Einwohner, tagsüber halten sich mit Pendlern etwa 3,5 Millionen Menschen in der Stadt auf.
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Ein Angriffsplan mit Stückliste
Energieminister Denys Schmyhal berichtete Ende September von zwei russischen Planungsdokumenten, die der ukrainische Geheimdienst abgefangen habe. Sie listen Kraftwerke, Umspannwerke, Fernwärme- und Wasserwerke, Abwassersysteme und die Stromleitungen nach Europa als Ziele auf. Für einzelne Anlagen ist vermerkt, wie viele Raketen und Drohnen ihre Zerstörung erfordert.
Die New York Times, der eine Kopie vorliegen soll, berichtet von einer Kampagne mit bis zu 1000 Raketen, Drohnen und Bomben. Auf der Liste stünden auch Schaltanlagen der drei noch betriebenen Atomkraftwerke, teilweise weniger als 1,6 Kilometer von den Reaktoren entfernt. Würden sie getroffen, müssten die Meiler möglicherweise vom Netz.
Die Echtheit der Dokumente lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Schmyhal habe sie europäischen Partnern in Paris vorgelegt. Die bisherigen Angriffe folgen zumindest Teilen des beschriebenen Musters. In europäischen Hauptstädten dürfte das Papier deshalb den Handlungsdruck erhöhen.
Intensivierte Angriffe setzen vier Großstädten zu
Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte der Financial Times, der Plan ziele auf Kiew, Charkiw, Odessa und Lwiw. Angriffe auf Energieversorgung, Infrastruktur und Verkehrswege sollen die Städte vom übrigen Land trennen. Ohne Strom stehen Wasserpumpen und Fernwärme still. In Kiew greift Russland bereits die Brücken über den Dnipro an, die die beiden Stadthälften verbinden.
Von 54,5 Gigawatt Erzeugungsleistung vor dem Krieg verfügt die Ukraine nach Regierungsangaben noch über rund zwölf, allein im vergangenen Winter zerstörte Russland neun. In der Nacht zum 30. September beschädigte der größte Energieangriff seit dem Frühjahr das Kraftwerk Trypillja und das Kiewer Heizkraftwerk KWK-5. Seit September schlagen Raketen und Drohnen zunehmend auch tagsüber ein.
Die Flugabwehr fing im Juli nach ukrainischen Angaben 29 von 195 ballistischen Raketen ab, in einer Nacht keine von 29. Es fehlen Patriot-Abfangraketen, ein erheblicher Teil der westlichen Bestände ging in den Nahen Osten. Langsamere Drohnen wehrt die Ukraine weiterhin vergleichsweise zuverlässig ab.
Wohin, wenn Lwiw im Westen des Landes ausfällt?
Dieser Winter dürfte viele Menschen in Bewegung setzen. Das Institut Gradus befragte im September 1000 ukrainische Stadtbewohner zwischen 18 und 60 Jahren. 40 Prozent würden bei deutlich schlechteren Lebensbedingungen einen Umzug erwägen. Fast jeder Zweite von ihnen nennt eine andere Region der Ukraine als Ziel, jeder Fünfte das Ausland.
Die Ausweichziele im Inland sind bereits jetzt am Limit. Die Ukraine zählt 3,9 Millionen Binnenvertriebene, Unterkünfte, Schulen und Sozialeinrichtungen im Westen des Landes sind seit Jahren überlastet. Trifft der russische Plan auch Lwiw, die größte Stadt im Westen, fällt das wichtigste Ziel der Binnenflucht weg.
Der nächste Ausweg führt dann in die EU. Bremsend wirken die Kosten einer Flucht, die viele Familien nach mehr als vier Kriegsjahren kaum noch tragen können, sowie eine Regel, die seit dem Sommer gilt: Wehrpflichtige ukrainische Männer erhalten in der EU nur noch Schutz, wenn sie eine legale Ausreisegenehmigung nachweisen können.
In Deutschland sinkt die Zuwanderung aus der Ukraine bislang. Laut Statistischem Bundesamt lag der Wanderungsüberschuss im Juli 2026 bei rund 4000 Menschen, zwei Jahre zuvor bei etwa 12.000. Monatlich kehren mehrere Tausend Ukrainer zurück. Für wochenlange Ausfälle von Strom und Heizung bei eiskalten Wintertemperaturen in mehreren Millionenstädten fehlt allerdings ein Vergleichswert.
Die Fluchtwelle als Argument
Selenskyj beschreibt eine Massenflucht als Teil des russischen Kalküls: Sie soll die Ukrainer zermürben, Europas Regierungen innenpolitisch schwächen und Kiew Anfang 2027 zur Annahme russischer Bedingungen drängen.
Belarus schleuste 2021 gezielt Migranten an die polnische Grenze. Die US-Politikwissenschaftlerin Kelly Greenhill hat untersucht, wie Staaten Migration als Waffe einsetzen. Die Wirkung von Migration auf die interne soziale Kohäsion wächst, je geringer die Aufnahmebereitschaft in den Zielländern ist.
Und diese Bereitschaft schwindet rapide. In Polen, wo knapp eine Million Ukrainer leben, sank die Zustimmung zur Unterstützung der Ukraine von 95 auf 48 Prozent, im Februar schaffte Warschau die Sonderregeln für ukrainische Flüchtlinge ab.
Parteien vom politischen Rand, die den bisherigen Ukraine-Kurs ablehnen, gewinnen in Europa eine Wahl nach der anderen. In Berlin streitet die Koalition seit dem Kabinettsbeschluss im November über den sogenannten Rechtskreiswechsel: Ukrainer, die nach dem 1. April 2025 eingereist sind, sollen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz statt Bürgergeld erhalten. Das Gesetz steckt im Verfahren fest. Der Bund rechnet mit Einsparungen, Länder und Kommunen rechnen mit Mehrkosten.
Die Lage erhöht zugleich den politischen Druck auf Europas Regierungen. Das abgefangene Papier, die sinkenden Abfangquoten und Klitschkos Warnung erreichen jene Hauptstädte, die über weitere Waffenlieferungen und Hilfen entscheiden.
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Dabei steht unausgesprochen eine Rechnung im Raum: Zusätzliche Luftabwehr und Hilfe für die ukrainische Infrastruktur könnten Europa am Ende weniger abverlangen als die Folgen einer größeren Fluchtbewegung. Denn diese könnte die amtsinhabenden politischen Mandatsträger bedrohen.
Die Aussicht darauf stärkt damit auch die Argumente jener, die auf mehr Unterstützung für Kiew drängen. Besonders sensibel ist das für Regierungen, die innenpolitisch bereits unter Druck in der Migrationsfrage stehen. Kanzler Friedrich Merz kündigte an, Europa stelle sich auf schwere hybride Angriffe Russlands ein.
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