Kiez-Serie Friedrichshain-Kreuzberg

Friedrichshain-Kreuzberg vor der Wahl: „Da pisst irgendwer hin, aber ich muss halt auch da durch“

Noch eine Woche bis zur Wahl, und Friedrichshain-Kreuzberg ringt um seine Toleranz. Berlins Epizentrum droht langsam überzukochen.

Matthias Zachel
8 Min
In Kreuzberg sind die Mietpreise immer wieder Thema, auch unter Nachbarn.

In Kreuzberg sind die Mietpreise immer wieder Thema, auch unter Nachbarn.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Ein kühler Montagmorgen am Kottbusser Tor, der Himmel ist verhangen und die Laune auf der Straße könnte besser sein. Die Touristen, die in Friedrichshain mit ihren Koffern aus den Ferienwohnungen stolpern, haben sich noch nicht hierher verirrt.

Ein paar Berliner beginnen am Späti den Tag oder rauschen über den Gehweg zur Arbeit. Auf den Bürgersteigen klebt die Berliner Schmutzpatina, und an den Rändern des Platzes stehen, sitzen und liegen Menschen, die im Freien schlafen müssen.

„Je älter ich werde, desto zermürbender finde ich es“, sagt Jack E., „die Obdachlosigkeit und die Drogenabhängigen. Wie sie sich Drogen spritzen, auf der Straße oder in den Hausfluren.“ Jack E. wird heute 44 und steht an einer Straßenecke einige Meter weiter, Richtung Schlesisches Tor. Er beschreibt etwas, das wohl jeder in diesem Bezirk kennt.

Hass und Liebe zum Bezirk

Mit seinem richtigen Namen möchte der Ire nicht in der Zeitung stehen, doch über das Thema spricht heute ohnehin jeder einzelne Passant, den wir fragen. Als Erstes kommt immer der Dreck zur Sprache. Die wohnungslosen Menschen auf der Straße, das Drogenbesteck im Spielplatzsand. Auch Anna S. und Denisa V. sind vom Dreck und Müll in ihrem Bezirk genervt. „Vor allem wenn man mit dem Hund unterwegs ist“, erzählen sie, sei das eine Herausforderung.

Das zweite, das man hört: Es sei der beste Teil der Stadt.

Das sagt uns auch Jack E. „Hier trifft man viele Charaktere“, meint er grinsend. Was geschieht in diesem Bezirk, der für Außenstehende das Klischee des Berliner Exzesses verkörpert, wo Ekstase und Elend Tür an Tür wohnen? Was treibt kurz vor der Wahl die Menschen um, die hier leben, im Bezirk der Superlative?

Ein Obdachloser schläft am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Ein Obdachloser schläft am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

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Jung, dicht gedrängt und ungebunden

Friedrichshain-Kreuzberg ist der am dichtesten besiedelte Bezirk mit der jüngsten Bevölkerung und der kleinsten Fläche. Hier wohnen auf gut 20 Quadratkilometern rund 267.000 Menschen, das sind mehr als 13.000 Menschen pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Lichtenberg sind es rund 6000, in Treptow-Köpenick weniger als 2000 Menschen pro Quadratkilometer.

Die Einwohner hier sind im Schnitt 39,5 Jahre alt. In keinem anderen Teil von Berlin leben verhältnismäßig so viele Singles. Und nur im Bezirk Mitte wohnen anteilsmäßig mehr Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft oder mit Migrationshintergrund. Kurz gesagt: Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Bezirk der Extreme.

Ajith D. und seine Partnerin Lisa D. lieben Kreuzberg wegen seiner Vielfalt und Internationalität.

Ajith D. und seine Partnerin Lisa D. lieben Kreuzberg wegen seiner Vielfalt und Internationalität.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Was hier aufeinandertrifft, wird an Lisa und Ajith D. (Nachname geändert) deutlich, die über ihre Gegend sagen: „In der Nachbarschaft brodelt es.“ Die Mietpreise seien immer wieder Thema, auch unter den Nachbarn. Die Obdachlosigkeit nehmen sie als wachsendes Problem wahr, die Drogenabhängigen als immer aggressiver.

Gleichzeitig haben sie den Eindruck, hier werde „ein Narrativ wie ein Vorurteil über den Kiez gestülpt“: dass die große Vielfalt der Menschen für so massive Probleme sorge. Mit Blick auf die Internationalität sagen sie: „Wir lieben es hier deswegen.“ Was die Probleme des Bezirks angehe, so sehen sie nur die Grünen und die Linke als Parteien, die diese immerhin adressieren.

Eine links-grüne Hochburg

Bei so viel Dynamik auf der Straße ist immerhin die politische Ausrichtung des Bezirks schon lange stabil: Die Grünen stellen seit 2006 die Bezirksbürgermeisterin, davor war es die PDS. Bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus 2023 waren die Grünen in allen sechs Wahlkreisen stärkste Partei. Insgesamt wählen hier gewöhnlich zwischen 50 und 60 Prozent links-grün (noch ein Spitzenwert für Berlin); die AfD kam zuletzt auf nur 3,7 Prozent.

Natürlich ist der progressivste Bezirk einer, in dem junge Singles gerne wohnen. Man muss nicht in Berlin leben, um zu wissen: Kreuzberg ist Berlins Ekstase-Hotspot, der Schmelztiegel. Die BVG beschreibt ihre Linienbusse nicht ohne Grund als „fast so lang wie Kreuzberger Nächte“.

Politische Hausbemalung in Friedrichshain am 24. August 2026.

Politische Hausbemalung in Friedrichshain am 24. August 2026.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Doch der Konflikt schreibt sich von selbst: Der stabilste links-grüne Bezirk, der für seine Protestkultur und sein alternatives Image berühmt ist, wird genau dadurch ausgehöhlt. Der Ruf ist Touristen- und Gentrifizierungsmagnet. Kreative und Start-ups wollen Teil des Images sein, das sie dann mit Geld vertreiben. Laut dem IBB‑Wohnungsmarktbericht lag die mittlere Angebotsmiete (netto kalt) 2025 in Friedrichshain-Kreuzberg bei 19,40 Euro pro Quadratmeter.

Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld?

Alex K. ist, was seine Sorgen angeht, ein sehr typischer Kreuzberger. Obwohl er den „Jackpot“ hatte, vor zehn Jahren eine billige Wohnung zu ergattern, merkt er es an seinem sozialen Umfeld: „Selbst die, die Kohle haben, finden keine Wohnung mehr“– egal, ob zur Miete oder zum Kauf.

Gleichzeitig positioniert sich Alex K. klar gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes. Wohnungen dort wären ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie wären „wenn man ehrlich ist, eh nicht bezahlbar“. Wichtiger ist ihm, das Areal als freie Fläche zu behalten.

Erst gestern habe er dort mit Freunden Musik gemacht. Der 37-Jährige arbeitet an einer Schule als Musiklehrer, nachdem er lange selbstständig Gitarre unterrichtet hat. Entsprechend wichtig ist ihm auch die Bildungspolitik der Parteien. Alex K. lehnt die Sparmaßnahmen der CDU dahingehend klar ab.

Insgesamt mache ihm der Rechtsruck zu schaffen, erzählt er, auch wenn das in Kreuzberg weniger akut sei. Er ist nicht der Einzige, dem „Spaltung und Hetze“, wie Tim P. es später bezeichnet, über die Bezirksgrenzen hinaus zu schaffen macht.

Tim P. (Name geändert) begegnen wir am Kottbusser Tor. Er lebt „schon immer“ in Kreuzberg und zeigt sich besorgt über den wachsenden Zuspruch in Deutschland zur AfD. Auch Kreuzberg habe früher für Toleranz gestanden – das sehe er manchmal schwinden.

„Da pisst irgendwer hin, aber ich muss halt auch da durch“

Zwar empfinde er das Problem in seinem Kiez nicht als so drastisch wie in anderen Bezirken oder Städten. Doch beschreibt er, wie auch hier, am Kottbusser Tor, ein gewisser Zorn an die Stelle des Miteinanders trete.

Der Konsum von Crack und synthetischen Drogen habe eine neue Dimension erreicht. „Die Menschen, die kommen hierher und siechen dahin.“ Man merkt, wie ihn das sowohl wütend macht als auch anfasst. „Wenn man hier wohnt“, sagt er, „sieht man die Person, wie die über die Zeit dahinsiecht.“ So schildert Tim P., wie „auch aus Selbstschutz“ eine Abgrenzung stattfinde.

„Nehmen wir zum Beispiel den Tunnel da vorne“, sagt er und zeigt auf das Ende des Platzes, wo ein Durchgang unter den Häusern zur Dresdener Straße führt. „Da pisst irgendwer hin, aber ich muss halt auch da durch. Es gibt halt einfach keine Lösung dafür. Natürlich bin ich dann abgefuckt.“ Da wäre dann die Wut, bei aller Kreuzberger Toleranz.

Straßenszene am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg am 24. August 2026

Straßenszene am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg am 24. August 2026

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Ja, es gibt wohl keine Akutlösung, weil man Menschen, die kaum Zugang zu Sanitäranlagen haben und in prekärsten, jämmerlichen Verhältnissen leben, schwerlich dafür belangen kann, irgendwo in eine Straßenecke zu urinieren. Doch gibt es wirklich keine Lösung für das seit Jahrzehnten bekannte, strukturelle Problem der Obdachlosigkeit, das im Alltag für immer mehr Gereiztheit sorgt?

Die Parteien wollen es angehen, auch der schwarz-rote Senat hat eigentlich das Ziel, Obdachlosigkeit in der Stadt bis 2030 zu beenden. Strategien, die vor allem von der Linken, den Grünen und der SPD genannt werden, sind Housing First, der Ausbau der Sozialarbeit und mehr Präventionsarbeit. Um Housing First umzusetzen, müsse aber in die Mietpreise eingegriffen werden, so die Linke.

In drei Jahren keine oder 100.000 Wohnungslose?

Der Senat plant derweil mit weiter steigendem Versorgungsbedarf wohnungsloser Menschen: Deren Anzahl wird in Berlin seit 2022 erhoben, seitdem wächst sie ununterbrochen: Im Jahr 2024 lebten rund 56.000 wohnungslose Menschen in der Stadt, davon waren rund 6000 ohne Unterkunft. Die restlichen rund 50.000 gelten größtenteils als „untergebracht wohnungslos“, schlafen also in Notübernachtungen oder etwa in Trägerwohnungen.

Im Jahr 2026 sind es schon 57.000 untergebrachte wohnungslose Menschen; die Zahl derjenigen ohne Unterkunft, die noch hinzukommen, wird erst Ende des Jahres veröffentlicht.

Aus einer Antwort der Senatsverwaltung für Soziales auf eine schriftliche Anfrage des Grünen-Abgeordneten Taylan Kurt aus dem Jahr 2025 geht hervor, dass bis zum Ende des Jahrzehnts mit einer sechsstelligen Zahl gerechnet wird: rund 115.000 wohnungslose Menschen.

Die Mietpreise zu reduzieren, ist eine der Herzensangelegenheiten der Linken – auch hier in Friedrichshain auf der Frankfurter Allee.

Die Mietpreise zu reduzieren, ist eine der Herzensangelegenheiten der Linken – auch hier in Friedrichshain auf der Frankfurter Allee.

© Emmanuele Contini/Imago

Und in der Mitte zwischen Vorhaben und Berechnungen: Menschen. Menschen, die auch heute in Schlafsäcken unter der U‑Bahn-Brücke liegen. Und solche, die wie jeden Morgen an ihnen vorbei zur Arbeit gehen oder deren Gesichter von Jahren des Bettelns kennen.

Warum der Bezirk nach wie vor die Kreativen anzieht

Eine brodelnde Nachbarschaft und Drogenprobleme – wer es sich leisten kann, liebt es hier trotzdem. Friedrichshain-Kreuzberg bleibt trotz allem, was dagegen sprechen könnte, ein Bezirk auch für junge Familien. So treffen wir im Simon-Dach-Kiez auf Pablo J. (Name geändert), der gerade mit seiner Frau und Tochter unterwegs zur Einschulung ist.

Der Journalist ist guter Laune, trotz des Stresses, mit der Familie nicht zu spät zu kommen. „Es ist der beste Teil der Stadt“, ruft er uns im Laufschritt zu. Bei all den Problemen, fällt einem da auf, vergisst man manchmal, warum der Bezirk nach wie vor die Kreativen, Jungen und Weltoffenen anzieht.

Entsprechend klingt es auf der Straße auch nicht danach, als würde hier irgendjemand planen, die grün-linke Hochburg zu stürmen. Mit ihr sind wohl die meisten zufrieden.

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