Kiez-Serie

Neukölln ist zerrissen: Zwischen Wut, Müll und stiller Wehmut

Brennpunkt-Klischee trifft auf beschauliche Siedlung: Neukölln ist mindestens zwei Bezirke in einem. Wir haben in beiden mit Menschen darüber gesprochen, was sie vor der Wahl bewegt.

Matthias Zachel
8 Min
Menschen in der Karl-Marx-Straße in Neukölln am 24. August 2026.

Menschen in der Karl-Marx-Straße in Neukölln am 24. August 2026.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Dicht gedrängte, kleine Geschäfte, dicht gedrängte Menschen. Kinderwagen zwischen Autolärm auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln an einem Montagnachmittag. Einwohner und einzelne Obdachlose stehen vor Spätis, Friseurläden, Imbissen und Juwelieren. An Hauswänden und Stromkästen sieht man Plakate und Graffitis.

„Es hat schon Charme“, sagt Denise S., „nur das Optische ist das Problem“, sagt sie mit Blick auf den Müll. „Shabby“ ist das Wort, das sie schließlich am liebevollsten und passendsten findet für ihren Bezirk. Für Neukölln, das mit vielen Vorurteilen kämpft, und womöglich noch mehr mit inneren Konflikten. Auf unserer Tour durch den Kiez spricht uns ein Tourist aus Bayern an und fragt: „Entschuldigen Sie, stimmt es, dass das hier der Brennpunkt von Berlin ist?“

Schlusslicht in Gesundheit und Sozialem

Das Bild von Neukölln, das so weit verbreitet ist, ist nicht aus der Luft gegriffen. Im Gesundheits- und Sozialstrukturatlas Berlin aus dem Jahr 2022 belegt Neukölln den letzten aller zwölf Plätze. Der Atlas erfasst Belastungen in Kategorien wie Erwerbsleben (Arbeitslosigkeit, Bezug von Unterstützung nach SGB II), soziale Lage (Armutsrisiko, Wohnlage, Berufsabschluss) und Gesundheit (Lebenserwartung, bestimmte Herz- und Lungenkrankheiten).

Wahlplakate in der Karl-Marx-Straße in Berlin Neukölln.

Wahlplakate in der Karl-Marx-Straße in Berlin Neukölln.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

„Bei über der Hälfte der verwendeten 20 Indikatoren zeigen sich für Neukölln im Vergleich der zwölf Bezirke die höchsten Belastungen“, so das Ergebnis. Statistisch gesehen lebt es sich nicht gut, gesund, wohlhabend hier.

Doch das Klischee geht von einem grundfalschen Sachverhalt aus: dass der Bezirk homogen sei, eine soziale Einheit. Dabei ist wohl kaum ein Bezirk im Inneren sozial und politisch so divers wie der 330.000-Menschen-Stadtteil im Südosten Berlins.

Im Norden Neuköllns, im namensgebenden Ortsteil, treffen wir Sarah S. Die 31-Jährige steigt von ihrem Fahrrad ab, um in die Neukölln-Arcaden zu gehen. Was sie nervt? Der Müll, der Verkehr natürlich, besonders an der Sonnenallee, der Karl-Marx-Straße und am Hermannplatz. „Viel Arbeit, wenig Geld“, fasst die junge Frau ihren Alltag zusammen. Sie ist Lehrerin an einer Waldorfschule, ihr Partner Musiker. Geld und die Bezahlbarkeit ihres Lebens sind Themen, die im Gespräch immer wieder aufkommen.

Sarah S. vor den Neukölln-Arkaden in der Karl-Marx-Straße.

Sarah S. vor den Neukölln-Arkaden in der Karl-Marx-Straße.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

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„Menschen, die arbeiten, sollten nicht so viel sparen müssen“

„Ich weiß, dass ich privilegiert bin“, sagt Sarah S., und zählt auf: Sie hat einen Arbeitsplatz, Eltern, die sie im Notfall unterstützen würden, sie spricht Deutsch. Doch sie findet trotz all dieser Vorteile ihre soziale Situation sehr belastend. „Ich denke, Menschen, die arbeiten, sollten nicht so viel sparen müssen“, fasst sie zusammen.

Überschlägt sie ihren Mietpreis, ist sie selbst ein wenig schockiert: Sie bezahle heute etwa doppelt so viel für eine ähnlich große Wohnung wie noch vor acht Jahren. Besonders die innenstadtnahen Kieze im Norden liegen preislich nah an den teuren Bezirken Mitte oder Charlottenburg‑Wilmersdorf. Ein Durchschnittspreis für Gesamtneukölln ist aufgrund des deutlich günstigeren Südens praktisch ohne Aussage. Wird über hohe Mieten gesprochen, betrifft das in der Regel den Norden, auch wenn dort über Milieuschutzgebiete versucht wird, der Verdrängung Einhalt zu gebieten.

Das Mietenthema spiegelt sich auch in ihren politischen Interessen wider: Jedoch machen ihr die Linken zu wenig für das Klima, die Grünen wiederum zu wenig Soziales. Auf eine der Parteien werde ihre Stimme aber fallen. Und trotz der Widrigkeiten, fasst sie zusammen, sei Neukölln „immer noch zu cool, um woanders hinzugehen“. Wie in Kreuzberg gilt auch in Nord-Neukölln: Wer es sich noch leisten kann, bleibt hier.

Talip B. an der Boddinstraße.

Talip B. an der Boddinstraße.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

An der Boddinstraße treffen wir einen Mann, der über diejenigen nachdenkt, die diese Privilegien nicht haben. Talip B. (Name geändert) blickt auf die Entwicklung der Obdachlosigkeit und des Drogenkonsums mit gemischten Gefühlen. Die Dealer in der Hasenheide machen ihm Angst, gleichzeitig könne er auch verstehen, dass man sich in prekären Lagen irgendwie sein Geld verdiene.

Die Hasenheide ist ein seit Jahrzehnten kriminalitätsbelasteter Park in Neukölln. Anwohner und Bezirkspolitik streiten seit langem über den richtigen Umgang: Verdrängung durch mehr Polizeipräsenz auf der einen, Forderungen nach Drogenkonsumräumen und sozialarbeiterischer Betreuung auf der anderen Seite. Ein Konflikt, der exemplarisch zeigt, wie eng in Nord-Neukölln Fürsorge und Überforderung beieinanderliegen – und wie wenige Antworten dafür bislang gefunden werden konnten.

Arme Menschen und Obdachlose sind die ersten Themen, die Talip B. uns nennt, wenn er an Neukölln denkt. „Ich frage mich“, sagt er, „wie kann Deutschland sich nicht um sie kümmern?“

„Wir müssten das besser wissen in Deutschland“

Sein zwiespältiges Verhältnis zu Neukölln scheinen viele hier zu teilen. Rugayye T. wird vielleicht bald für ein Studium aus Neukölln wegziehen und ist traurig darüber: „Hier fühlt man sich wohl.“ Die 18-jährige Abiturientin schätzt die Vielfalt hier und merkt schon einen deutlichen Unterschied, wenn sie nur nach Pankow fahre. Entsprechend sei ihr als PoC-Frau auch in der Politik Repräsentation wichtig – nicht nur von einem Teil der Bevölkerung.

„Ich mag Berlin“, sagt auch Bettina Karsten, eine 59-jährige Professorin. „Ich will, dass diese Stadt so bunt bleibt, wie sie ist. Mit allen Kulturen.“ Deshalb sei sie entschieden gegen die AfD. Prinzipiell bereiteten ihr alle Extreme Sorgen. „Wir müssten das hier in Deutschland besser wissen“, meint sie. Karsten beklagt auch, dass sie generell die Aufrichtigkeit in der Politik vermisse. „Mir fehlen in der Politik Leute, denen das Wohl der anderen wichtiger ist als ihr Arbeitsplatz“, sagt sie.

Bettina Karsten und Sarah S., die beide zwischen grün und links schwanken, sind typisch für die drei Neuköllner Wahlkreise, die das „nördliche Gesicht“ des Bezirks bilden. Diese sind links-grün dominiert, wohingegen der Süden als sozial- und christdemokratisch gilt. Den Bezirksbürgermeister Martin Hikel stellt seit 2018 die SPD.

Auffällig ist die Entwicklung der Abgeordnetenhausstimmen seit 2021. Während Grüne und Linke sich kaum nennenswert verändert haben, vollzog sich in der politischen Mitte ein klarer Wechsel. Die SPD fiel bei der Wiederholungswahl von 27,2 Prozent auf 21,3 Prozent, die CDU verzeichnete einen Zuwachs von 16,2 Prozent auf 28,1 Prozent. Auch Franziska Giffey, die schon lange mit dem Bezirk verbunden ist, verlor 2023 im Wahlkreis Neukölln 6 ihr Direktmandat an Olaf Schenk (CDU).

Denise S. führt ihren Vater aus Honduras durch Berlin. „Shabby“ ist ihre Bezeichnung für Neukölln, doch sie lebt gerne dort.

Denise S. führt ihren Vater aus Honduras durch Berlin. „Shabby“ ist ihre Bezeichnung für Neukölln, doch sie lebt gerne dort.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Fährt man in Richtung Süden, verändert sich vieles: Die Straßen werden breiter, die Gebäude stehen weniger dicht, das Treiben auf dem Bürgersteig ist nicht mehr geschäftig. Der Lautstärkepegel sinkt merklich. In der Hufeisensiedlung in Neukölln-Britz scheint eine andere Welt zu existieren.

Im großen Areal zwischen Genossenschaftswohnungen liegt eine stille Grünfläche. Konrad W. geht hier mit seinem Hund spazieren, seit 1985 wohnt er in der Siedlung. Seine Stimme habe er gerade schon abgegeben. „Ich bin ein alter Sozialdemokrat“, sagt er über sich selbst. Der Rentner hat im öffentlichen Dienst gearbeitet.

Die Gegend habe sich „extrem verändert“, berichtet er. Die soziale Atmosphäre im Kiez und die politische Stimmung seien angespannt. Im Café beispielsweise merke er, dass die Leute sich nicht mehr trauten, ihre Meinung zur Politik zu sagen. Es scheint, als ob eine Gegend, die immer der Mitte gehört hat, unter der Oberfläche brodelt.

Ehrlichkeit in der Politik

Besonders beschäftigt den 75-Jährigen die Stimmungsmache der AfD. „Diese Partei muss doch mehr hinterfragt werden“, sagt er. Er sieht in ihrer Politik hauptsächlich Phrasen und wünscht sich, dass Politik den Bürgern wieder mehr erklärt werde. Nicht nur dem Fraktionsvorsitzenden im Fernsehen zuhören, sondern wirkliche Bürgernähe im lokalen Wahlkampf, das sei seine Vorstellung.

Konrad W. wohnt seit mehreren Jahrzehnten in Britz.

Konrad W. wohnt seit mehreren Jahrzehnten in Britz.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Entsprechend wünscht er sich mehr Ehrlichkeit in der Politik. Dass Politiker nicht immer alles auf den Koalitionspartner schieben. „Das treibt mich um“, sagt Konrad W. in einem ernsten Tonfall. „Das Aufeinander-Einprügeln stärkt die Ränder.“

Hier im Süden trifft man deutlich weniger Menschen an, die sprechen wollen, als im dichten Norden. Die Wege sind länger, die Geschäfte weniger. Vielleicht spürt man sogar ein wenig die Distanz, die Konrad W. beschreibt. Es ist ein Teil des Südens, der sich in Richtung Gropiusstadt und Rudow noch weiter erstreckt.

Ein Wahltag in Neukölln, mindestens zwei Gesichter – und hinter beiden scheint es zu brodeln. Im Norden der Müll auf den Gehwegen, die hohen Mieten, die offene Drogenszene. Im Süden die Wehmut, das Gefühl, dass Gespräche verstummt sind. Und in beiden Gesichtern doch auch die Zähigkeit, die Zuneigung zum Bezirk. Dass man trotzdem bleibt, weil man seit Jahrzehnten mit der Siedlung verbunden ist, oder hier einfach auch die Lebensqualität genießt. Das Angebot, den Flair. Denise S. nannte es „den Charme“.

Am 20. September werden die Neuköllner wählen, wem sie den Charme ihres berüchtigten Bezirks anvertrauen.

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