Sammy Speier steckt, wie er selbst sagt, "die Angst ständig in den Knochen." Vater und Mutter seien zwar noch in den dreißiger Jahren nach Palästina "zwangsemigriert". Aber Onkel und Tanten seien während des Holocausts verschollen. Von den Ermordeten gebe es keine Gräber. "Der Tod, diese Belastung, das ist das Thema bis zum heutigen Tag", sagt der 56-Jährige Jude. Der Psychoanalytiker gehört zu einer Gruppe von Kindern der Überlebenden des Holocausts. Seit 1991 trifft sich die "zweite Generation" auf Initiative der Jüdischen Volkshochschule am vergangenen Wochenende zum 16. Mal in der Begegnungsstätte Glienicke. Die etwa zwei Dutzend Teilnehmer wollen sich trotz individueller Unterschiede austauschen. "Über das Schweigen in den Familien über Verfolgung, sich nicht zu erkennen geben oder sich erklären zu müssen", sagt Ilany Kogan dazu. Die Pychoanalytikerin aus Israel, vor wenigen Tagen Gast der Jüdischen Gemeinde, nennt es Wahrnehmung der Gegenwart durch die Vergangenheit geprägt durch eine Vergangenheit, die nicht die eigene sei. Auch die Eltern Sammy Speiers haben geschwiegen. Einem Schulfreund erzählt Speier erst sehr viel später, dass er Jude ist: "Damit war das Gespräch beendet." Speier spricht von Zerrissenheit, vom Unbewussten "jenseits des Aussprechbaren." Die Begegnung zweimal jährlich mit denen, die das gleiche Schicksal haben, bedeutet Speier viel. "Man ist nicht allein. Es ist unglaublich wichtig, verstanden zu werden", sagt Speier. Da ist der verschollene Onkel, da sind die SS-Männer, die als Ex-Nazis den Jugendlichen später in Deutschland unterrichteten. Eine Auswanderung aus Deutschland ist für ihn nicht in Frage gekommen. "Wenn ich weggehe, hat Hitler endgültig gewonnen", sagt Speier .
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