Die Jugendämter in Sachsen-Anhalt haben im Jahr 2025 insgesamt 7407 Verfahren zur Einschätzung einer möglichen Kindeswohlgefährdung geführt. Das waren 14,7 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Statistische Landesamt in Halle am Donnerstag mitteilte.
Die Zahl der Fälle, in denen die Jugendämter eine akute Gefährdung für Kinder oder Jugendliche feststellten, ging demnach dagegen leicht um 17 auf 981 zurück.
In 3325 Verfahren stellten die Ämter zwar keine Gefährdung fest, sahen aber weiteren Hilfebedarf in den betroffenen Familien. Zum Vergleich: 2024 hatten die Jugendämter im Land laut Landesamt 6460 solcher Gefährdungseinschätzungen abgeschlossen – auch damals war die Zahl gegenüber dem Vorjahr gestiegen, um knapp fünf Prozent.
Halle mit den meisten Verfahren
Regional konzentrieren sich die Verfahren weiter stark auf die Ballungsräume. Die kreisfreie Stadt Halle (Saale) verzeichnete nach Angaben des Statistischen Landesamts mit 1910 Verfahren landesweit die meisten Fälle. Bereits 2024 hatte Halle mit 1807 Verfahren an der Spitze gelegen, gefolgt von der Landeshauptstadt Magdeburg mit 1168 Fällen und dem Landkreis Mansfeld-Südharz mit 638 Fällen.
Zu den häufigsten Formen einer festgestellten Gefährdung zählten dem Landesamt zufolge in der Statistik für 2024 Vernachlässigung sowie körperliche und psychische Misshandlung. Am stärksten betroffen waren demnach Babys: Bei Kindern im ersten Lebensjahr registrierten die Ämter 125 akute Kindeswohlgefährdungen, in 97 Fällen ging es um Vernachlässigung.
Verfahren werden nach Angaben der Behörde am häufigsten durch Polizei und Justiz sowie durch anonyme Hinweise, Schulen und das Umfeld der Familien angestoßen.
Verbände warnen vor Kürzungen im Hilfesystem
Unabhängig von den neuen Zahlen warnen Sozialverbände seit Monaten vor einer Schwächung der Kinder- und Jugendhilfe. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege Sachsen-Anhalt erklärte bereits im Juni, drohende Kürzungen und strukturelle Einschnitte in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe träfen das Land besonders hart.
In einem Bundesland mit strukturell angespannten sozialen Lagen und vielerorts belasteten Kommunen seien diese Hilfen unverzichtbar, so der Verband. Kürzungen würden zu Leistungseinschränkungen führen und Prävention zurückdrängen.
Auch der Kinderschutzbund kritisiert die auf Bundesebene geplante Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe. In einer Stellungnahme vom April 2026 warnte der Bundesverband, der damals vorliegende Referentenentwurf ziele auf einen Systemumbau und schwäche individuelle Rechtsansprüche. Kosteneinsparungen würden nach Einschätzung des Verbands stärker gewichtet als der Kinderschutz.
Besonders kritisch bewertete der Kinderschutzbund, dass die sogenannten Hilfen zur Erziehung nach dem Referentenentwurf nur noch nachrangig gegenüber präventiven Angeboten sein sollten. Präventive Angebote wie Kindertagesbetreuung oder Jugendsozialarbeit könnten Interventionen in Familien mit massiver Gewalt oder Vernachlässigung nicht ersetzen, erklärte der Verband. Zudem bestehe die Gefahr, dass die Stimme betroffener Kinder in Hilfeplanverfahren weniger Gehör finde.
Bundesweit stellten die Jugendämter 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei rund 72.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung fest. Neuere bundesweite Zahlen liegen bislang nicht vor. Der Kinderschutzbund geht von einer hohen Dunkelziffer aus.
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