Philipp Fussenegger hat einen Film im KitKat-Club gedreht, wo Kameras verboten sind. heute startet er im Kino. Ein Gespräch mit ihm und seiner Co-Autorin Susanne Heuer über Einverständnis, Berlin als freie Stadt – und darüber, was aus einer Szene wird, wenn sie in Mode kommt.
Wo sind wir hier?
PHILIPP FUSSENEGGER: Im Cybrothel, das ist das erste Puppenbordell der Welt. Ich habe das vor vier Jahren hier in Friedrichshain gegründet, als einen Ort, wo Menschen und Maschinen interagieren und die Sexualität der Zukunft erforscht wird.
Das Thema heben wir uns für ein andermal auf. Lassen Sie uns über Ihren Film sprechen, er hat den Titel „KitKatClub – Kinks of Berlin“. Wie definieren Sie den Begriff Kinks?
FUSSENEGGER: Kinks sind Menschen, die sich im sexuellen Kontext fernab der Norm bewegen. Und das KitKat ist ein Ort, an dem sich unterschiedliche Kinks treffen. Verschiedenste Lebenswelten und Philosophien kommen da zusammen. Wir wollten die Geschichten einiger Menschen erzählen, die so offen waren, uns in diese Welt mitzunehmen. Der Film soll die Zuschauer in deren Leben reinziehen, so emotional wie möglich. Es ist nichts gestellt, auch wenn es natürlich Absprachen gibt, wenn man in so einen Club geht.
Sie zeigen eine Welt, die eigentlich allen verschlossen ist, die nicht ins KitKat gehen. Warum machen Sie das?
FUSSENEGGER: Ich komme aus einer patriarchalen, christdemokratisch geprägten Welt in den Alpen. Aus Österreich, wo Sex meistens hinter verschlossenen Türen stattfindet, auch der meiner Eltern. Als ich zum ersten Mal in Berlin war, war ich fasziniert, dass es einen solchen Ort gibt, an dem andere Lebenskonzepte existieren: Hedonismus und freie Liebe. Das hat mich sehr inspiriert und auch meine persönliche Entwicklung beeinflusst, meine Sexualität. Es ist etwas Einzigartiges, das hier stattfindet, aber viele werden den Club nie betreten. Im Film kann man in diese Welt eintauchen. Und ich wollte sie auch ein bisschen normalisieren. Diese Lebenswelten existieren halt in Berlin. Der Film ist auch eine Zeitkapsel, für alle Ewigkeiten festgebrannt, in einer Zeit, in der man nicht weiß, was in Zukunft sein wird.
„Als gschamiger Bub aus Österreich“
In Ihrem Film tritt ein junger Amerikaner auf, der erzählt, dass er als prüder, monogamer Mann nach Berlin gekommen sei und sich unter anderem durch das KitKat total verändert habe. War das bei Ihnen so ähnlich?
FUSSENEGGER: Ich bin als gschamiger Bub aus Österreich hierhergekommen und habe mich nicht getraut, nackt herumzulaufen, geschweige denn in den KitKat-Pool zu springen. Bis Kirsten, die Chefin, gesagt hat: Lass uns mal reinspringen. Das haben wir gemacht, und es hat sich kein Mensch dafür interessiert. Da habe ich begriffen, dass diese Grenze nur in meinem Kopf existiert, so wie viele andere Grenzen auch. Das hat mir geholfen, mich zu verändern. Inzwischen treffe ich auch Arbeitskollegen im KitKat, das hätte ich mich früher nicht getraut. Und meine Mutter hätte ich nie im Leben dahin mitgenommen.
Philipp Fussenegger
Und jetzt doch?
FUSSENEGGER: Sie kommt zur Filmpremiere nach Berlin und dann nehme ich sie mit in den Club. Denn es ist mir schon wichtig, dass auch die andere Generation versteht, was ich mache. Und ich ermuntere jeden, das auch zu tun, den Eltern davon zu erzählen, auch wenn sie es am Anfang vielleicht nicht verstehen. Aber es ist cooler, wenn die das wissen. Die können sich da schon reinversetzen.
Inzwischen leben Sie in Berlin. Hat das KitKat etwas damit zu tun?
FUSSENEGGER: Ich muss gestehen, ja. Ich habe an der Filmakademie in Köln studiert und dann Gründe gesucht, hierherzuziehen. Ich musste erst einen First Step Award gewinnen und eine Produktionsfirma aufmachen, bis ich gesagt habe, okay, jetzt kannst du das machen. Das KitKat ist ein Wohnzimmer für mich geworden. Susanne und ich haben uns auch so kennengelernt.
SUSANNE HEUER: Ich war eigentlich schon auf dem Weg nach Hause, da hat Philipp mich an der Bar angequatscht und mir erzählt, dass er Filme macht. Ich dachte mir, ja klar. Dann habe ich ihm erzählt, was ich als Bühnenkünstlerin unter dem Namen Lilly Mortis mache. Während der Pandemie kam Philipp auf mich zu, weil er einen Film über das KitKat machen wollte. Er sagte, ich hätte ja gerade Zeit, weil ohnehin alles geschlossen sei. Und dann haben wir gemeinsam das Exposé geschrieben. Das war der Anfang.
Drehen, wo keine Kamera erlaubt ist
Wer das KitKat betritt, muss sein Handy abgeben. Wie haben Sie es geschafft, im Club filmen zu dürfen, teilweise sehr intime Szenen?
FUSSENEGGER: Ich habe zunächst eine persönliche Beziehung zu den Besitzern des Clubs aufgebaut, Vertrauen geschaffen. Mit unserer großen Kamera waren wir sehr auffällig. Dadurch konnte jeder wissen, wo wir sind, und sich bei uns melden, wenn er auf keinen Fall ins Bild wollte. Manchmal kam jemand, der sagte, hey, es kann sein, dass ihr mich gefilmt habt. Bitte schaut mal euer Material durch. Darauf haben wir sehr geachtet.
Meistens sind wir einer oder zwei Personen durch den Club gefolgt, und alle, die im Film vorkommen, haben eine Einwilligungserklärung unterschrieben. Aber es ist schon eine große Herausforderung, in einem Raum zu drehen, in dem eigentlich keine Kamera erlaubt ist. Das gilt nicht nur für den Club, sondern auch für die Orgien und Pre- oder After-Partys außerhalb des Clubs. Es gab auch viele Tage, an denen wir nicht drehen konnten, weil eine oder zwei Personen im Raum waren, für die das nicht okay war.
Unter Ihren Protagonisten sind ein Drag-Künstler, ein BDSM-Paar und ein DogPlay-Duo. Wie haben Sie diese ausgewählt?
FUSSENEGGER: Das hat sich entwickelt. Man fängt mit jemandem an und arbeitet sich vor. Und dann haben wir versucht, die Bausteine so aneinanderzulegen, dass ein möglichst diverses Bild entsteht. Die Welten müssen sich gegenseitig tragen, und es sollte nicht in eine Richtung kippen. Aber wir erheben keinen Anspruch auf Ganzheitlichkeit, das wäre illusorisch. Es ging auch darum, wer bereit war, mitzumachen, wer gut vor der Kamera ist, wer dabeibleibt, wessen Geschichte interessant ist.
Sie durften auch zu den Menschen nach Hause, was noch intimer ist.
FUSSENEGGER: Das ist eine der Bedingungen gewesen: Wenn wir mit dir drehen, dann wollen wir nicht nur die Maske sehen oder die Person, die du im KitKat bist. Ich möchte, dass man diesen Menschen richtig nah kommt und merkt, boah, die haben ja die gleichen Gedanken, Ängste und Nöte wie ich. Für das KitKat verwandeln sich viele, deshalb haben wir oft vor dem Spiegel gedreht. Am meisten hat mich überrascht, dass viele nicht bereit waren, ihre normale Welt zu zeigen. Sie wollten diese beiden Welten getrennt halten. Das KitKat steht ja auch dafür, dass man die normale Welt hinter sich lässt.
„Dieses Phänomen hat einen Namen: Solo-Wanker“
Mein Arbeitsweg führt mich jeden Tag am KitKat vorbei. Ich höre die Musik und sehe die Leute in ihren Outfits davorstehen. Es ist wirklich eine Parallelwelt.
FUSSENEGGER: Waren Sie schon mal drin?
Nein, und das hat damit zu tun, was mir eine Freundin nach ihrem Besuch dort erzählt hat. Sie hat plötzlich gemerkt, dass da jemand hinter ihr steht, der sich bei ihrem Anblick selbst befriedigt. Da dachte ich, nee, da gehe ich nicht rein, wenn dieser Club offenbar Leuten das Gefühl gibt, dass sie dort einfach alles machen dürfen.
FUSSENEGGER: Dieses Phänomen hat einen Namen: Solo-Wanker. Das ist an sexpositiven Orten nicht gestattet, weil das übergriffig ist. Man muss schon fragen, ob man zuschauen und sich dabei anfassen darf.
Consent, also Einverständnis, ist ein Begriff, der in Ihrem Film mehrmals fällt.
FUSSENEGGER: Auch im Club gibt es einen Verhaltenskodex, nur halten sich manche nicht daran, wie im normalen Leben auch.
Tim alias Dragqueen Raven van Krueger bereitet sich auf eine Nacht im KitKat-Club vor.
© Philipp Fussenegger
Sie haben in Schwarz-Weiß gedreht, das ist mir besonders beim Anblick von Tim bewusst geworden, den Sie dabei filmen, wie er sich vor dem Spiegel in eine Dragqueen verwandelt, also ein besonders buntes Wesen. Warum haben Sie so entschieden?
FUSSENEGGER: Einerseits passen die unterschiedlichen Geschichten leichter zusammen, wenn man die Farbe wegnimmt. Eine gewisse Romantisierung ist auch dabei – es sehen halt in Schwarz-Weiß alle viel schöner aus. Außerdem hatten mein Kameramann und ich immer den Wunsch, mal etwas in Schwarz-Weiß zu machen. Das haben wir jetzt geschafft und ich konnte es von meiner Bucket-List streichen.
Sie sagten vorhin, dass das KitKat einzigartig sei. Wollten Sie behaupten, dass es so etwas auf der Welt nicht noch mal gibt?
FUSSENEGGER: Ich habe viele Städte besucht und auch speziell nach einem solchen Ort Ausschau gehalten. In dieser Form gibt es das anderswo nicht, denke ich. Es passiert schon, aber im Verborgenen. Man braucht einen Code oder eine private Einladung. Aber dass du irgendwo hingehen und dein Glück an der Tür versuchen kannst, das ist schon einzigartig. Berlin ist eine sehr freie Stadt.
Wenn das Sklavenhalsband Mode wird
Philipp Fussenegger und Susanne Heuer: „Jede Subkultur kommt irgendwann an diesen Punkt, an dem man damit Geld verdienen kann.“
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Warum ausgerechnet Berlin?
HEUER: In den 1920er-Jahren war Berlin auch schon queere Hauptstadt. Heute findet allerdings eine Kommodifizierung statt. Man macht Profit mit einer Szene, die eigentlich aus dem Untergrund kommt, und Kinky Fashion als Modeerscheinung entkoppelt sich vom eigentlichen Ethos und Lifestyle. Mittlerweile legen sich viele Menschen ein Sklavenhalsband als Fashion Item um den Hals, obwohl das eigentlich ein Statement in einem Rollenspiel ist. Es gibt noch mehr queere Codes, die diese Entwicklung genommen haben, zum Beispiel das Harness, das ursprünglich aus der schwulen Leder- und BDSM-Szene der Siebzigerjahre stammt. Das hatte eine Bedeutung in der sexuellen Praxis und ist nun zu einer Mode geworden.
FUSSENEGGER: Jede Subkultur kommt irgendwann an diesen Punkt, an dem man damit Geld verdienen kann, und dann läuft sie Gefahr, ihren Kern zu verlieren. Das KitKat hätte nicht so wahnsinnig viel Zulauf, wenn das eine reine Underground-Sache wäre. Vor zehn Jahren kamen vor allem Stammgäste. Jetzt ist es sehr durchmischt, viele tausend Menschen gehen jedes Wochenende dorthin. Und natürlich kommen da auch einige, die dort eigentlich nichts verloren haben.
Susanne Heuer
Wer hat denn da nichts verloren?
FUSSENEGGER: Wer sich nicht an die Regeln hält, wer nicht weiß, was consent ist. Denn um Freiheit zu ermöglichen, braucht man Regeln. Man muss fragen, bevor man jemanden anfasst, man muss nett sein. Die Basics einfach. Die Tür ist nicht perfekt, da kommen schon immer ein paar Leute durch, die da eigentlich nicht hinsollen, und dann kommt’s halt zu Problemen. Aber es ist noch überschaubar. Die Probleme, die draußen stattfinden, gibt es drinnen auch. Machtmissbrauch, Konflikte. In der Kink-Szene ist das Wort consent so bekannt, dass man denkt, dass man da nicht mehr drüber reden muss: Nur ja ist ja, nein heißt nein, es muss über alles gesprochen werden.
Weil der Film ein Publikum erreicht, das mit dieser Szene gar nichts zu tun hat, war es mir sehr wichtig, dass klar gesagt wird, wie das funktioniert. Im Grunde kann man von den Kinks viel lernen, gerade weil sie so extreme Sachen machen. Deshalb ist es eigentlich gut, dass auch Touristen kommen, die eigentlich nur mal gucken wollen.
Was kann man denn lernen?
FUSSENEGGER: Dass man nichts voraussetzen darf, dass man etwas nicht wiederholen kann, nur weil man es einmal durfte. Oder dass consent auch wieder zurückgezogen werden darf. Bei Hottys Performance geht es eigentlich genau darum.
Sie ist nackt und wer fragt, den lässt sie möglicherweise auf ihrem Körper malen.
FUSSENEGGER: Das ist ein sehr einfaches Bild, aber so schön. Aber auch in der Kink-Szene funktionieren die Regeln nicht immer zu 100 Prozent.
Das KitKat ist eine andere Welt, aber Sie zeigen auch eine Szene, in der diese Welt auf die Alltagswelt trifft. Tim sitzt in voller Montur als Dragqueen in der Straßenbahn, auf dem Weg ins KitKat, und ein anderer Fahrgast, eine Frau, beschimpft ihn als pervers.
FUSSENEGGER: Ich dachte, boah, ist das ein Glücksgriff, dass wir so eine Szene kriegen. Aber das kommt ganz oft vor. Auch Übergriffe finden statt und es werden mehr. Man kann es statistisch belegen. Es gibt Orte, wo ich als queere Person nicht gerne hingehe, die Sonnenallee und Co.
Nicht mit dem moralischen Zeigefinger
Warum war es Ihnen wichtig, Drogenkonsum und Chemsex, also den Konsum von Drogen während des Geschlechtsverkehrs, zu thematisieren?
FUSSENEGGER: Ich wollte diesen Aspekt unbedingt zeigen, aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Es gibt so viele Leute, die Chemsex total geil finden, aber ich wollte es jedem Zuschauer selber überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Und mir war es auch wichtig, dass ich mit David jemanden zeige, der unter seinem Konsum leidet.
HEUER: Auch Drogen sind kein reines Thema der queeren Community mehr, sondern sie sind im Mainstream angekommen. Und man darf jetzt auch nicht so tun, als hätte diese Szene ein krasses Drogenproblem und früher hätte es das nicht gegeben. Damals waren halt alle auf Ecstasy und haben Alkohol dazu getrunken. Und wenn ich mit so einer Person Sex habe, ist das eigentlich auch Chemsex. Das hieß halt nur nicht so.
Eine Ihrer Protagonistinnen erklärt, dass sie komplett nüchtern bleiben möchte, damit sie ihren consent, also ihr Einverständnis, nicht unter Einfluss gibt. Sie sagt, auch wenn sie nur ein, zwei Gläser getrunken habe, könne sie nicht mehr wissen, ob das Ja wirklich ein Ja ist.
HEUER: Eigentlich ist das das Ziel: Dass ich mich öffnen und eine total lustvolle Sexualität, vielleicht sogar mit einer fremden Person, erleben kann, ohne dass ich vorher getrunken habe, damit ich mich traue. Sondern dass ich das auch nüchtern will, dass ich Bock drauf habe. Die Ausgehkultur ist häufig mit irgendeiner Substanz verbunden, die als Puffer wirkt. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung, Raves oder Partys, bei denen die Leute nüchtern sind. Das ist eine total coole Sache und es funktioniert auch. Ich habe das mal ausprobiert. Es ist anders, aber nicht unbedingt gehemmt.
„KitKatClub – Kinks of Berlin“, 96 Min. Drehbuch: Susanne Heuer und Philipp Fussenegger, Regie: Philipp Fussenegger. Filmstart: 10. September
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