Debatte

„Klappe halten, Jammer-Ossis“: Florian Schroeder polarisiert mit Video zu Ostdeutschland, AfD und Putin

Kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erklärt der Kabarettist Florian Schroeder seinen Zuschauern, warum Jammer-Ossis nerven. Das sorgt für heftige Debatten.

5 Min
Will’s mal wieder wissen: Comedian Florian Schroeder.

Will’s mal wieder wissen: Comedian Florian Schroeder.

© Arne Dedert/dpa

Mit seiner aktuellen Tour gastiert der Kabarettist Florian Schroeder demnächst auch in einigen ostdeutschen Städten. Im September tritt der 46-Jährige, der aus dem baden-württembergischen Lörrach stammt, zum Beispiel in Plauen, Erfurt, Leipzig und Gera auf. 

Es wäre interessant zu sehen, wie Schroeder mit seinem aktuellen Beitrag dort ankommen würde. Wenigstens ein Raunen dürfte wohl durch die Reihen des Publikums gehen.

Immerhin ist sein aktuelles Video mit dem Titel „Klappe halten, Jammer-Ossis“ überschrieben. Zwar ist ein Kussmund-Emoji dahinter, aber der Rant auf die Ostdeutschen kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hat es dennoch in sich. Viereinhalb Minuten hat der ganze Clip auf YouTube, bei Instagram und Facebook gibt es innerhalb kurzer Zeit Zehntausende Reaktionen.

„Ein paar Worte auf Augenhöhe, liebe Ossis“

Im Video sagt Schroeder zunächst, dass, wenn immer er in diesen Tagen Politikern vor den Landtagswahlen im Osten zuhöre, er den Eindruck habe, man müsse die Menschen im Osten loben, lieb haben und umarmen – „weil sie so toll sind und so böse diskriminiert werden“.

Das aber sei eine „widerliche Wessi-Herablassung“, damit müsse Schluss sein, sagt Schroeder und setzt zu seinem Rundumschlag an: „Ihr mögt doch nervige Leute da im Osten, die Tabus brechen. Also, darum jetzt ein paar Worte auf Augenhöhe, liebe Ossis.“

Demokratie bedeute nicht, dass der Staat, den man  zutiefst verachte, für einen alle Probleme löse, so der Kabarettist, dessen Programme eine Mischung aus politischer Satire, klassischem Kabarett und moderner Comedy sind. „Demokratie bedeutet nicht, dass die Politiker, denen man am liebsten aufs Maul hauen würde, doch bitte noch heute den roten Teppich auslegen, über den ihr dann schreiten könnt. Natürlich erst, nachdem euch diese Scheißpolitiker gesagt haben, in welche Richtung ihr marschieren müsst, weil ihr alleine ja nicht wissen könnt, wo vorne und wo hinten, wo oben und wo unten ist.“

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Das kenne man ja schon aus der guten alten Arbeiter-und-Bauernstaat-Zeit, witzelt Schroeder, der ein Paradox sieht: „Ihr werft dem Staat genau die Bevormundung vor, die ihr schon aus DDR-Zeiten kennt. Der Witz ist aber, ihr wollt genau diese Bevormundung. Ihr wollt gegängelt und getreten werden.“

Der Osten sei das lebende Stockholmsyndrom, so Schroeder: „Der Staat soll alles vorschreiben, aber nicht bevormunden. Er soll sagen, was zu denken ist, aber doch sollen alle alles sagen dürfen. Er soll  den ÖPNV bis in den letzten Winkel schicken, aber wenn er das tut, dann empört ihr euch über eine Zwangsbebussung.“

Klarer Verweis auf Ulrich Siegmund und Sachsen-Anhalt

An die Ossis gerichtet, geht die Polemik weiter: „Demokratie bedeutet, ihr könnt behaupten, die DDR sei ein tolles Land und kein Unrechtsstaat gewesen. (…) Demokratie bedeutet aber auch, ihr müsstet euch bitte einmal entscheiden, welche Diktatur ihr jetzt genau wollt. Sozialnationalismus gibt’s von der AfD jedenfalls nicht. Dafür müsst ihr schon Sahra Wagenknecht wählen.“

Damit kommt der Comedian auf die AfD zu sprechen, die in Umfragen derzeit bei etwas mehr als 40 Prozent (Sachsen-Anhalt) beziehungsweise 36 Prozent (Mecklenburg-Vorpommern) liegt.

Die AfD interessiere sich nicht für die Nation und auch nicht für die Ostdeutschen, meint Schroeder, sie mache stattdessen ein Steuerprogramm für die vielen Millionäre, Oligarchen und Unternehmer, die die AfD sponsern würden. „Im Osten profitieren nur Günther Jauch und die zwei anderen Millionäre von ihr, die Potsdam unter sich aufgeteilt haben.“

Die nächste Erklärung führt Schroeder zum russischen Präsidenten. Denn auch Putin zu beklatschen, sei Demokratie. Aber das hieße dann, konsequent zu sein: „Dann werft euch ihm doch einfach bedingungslos an den Hals. Das wäre endlich die richtige Wiedervereinigung, nämlich die mit Russland.“

Schroeder entwirft ein fiktives Szenario, in dem Putin 1989 Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte gewesen wäre. Dieser hätte dann, so Schroeder, „in der DDR die Panzer rollen lassen, um die Hegemonie des Imperiums zu sichern. Noch heute stünden mehr als 300.000 russische Soldaten unter Putins Befehl in den neuen Bundesländern, bei euch im Osten. Vielleicht kriegt ihr die ja bald. Die könnten euch dann auch dabei helfen, dass jede Frau die fünf Kinder bekommt, die nötig sind, damit ihr wieder auf den Bevölkerungsstand von 1990 in Sachsen-Anhalt kommt.“

Ein klarer Verweis auf Ulrich Siegmund, der bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidat der AfD antritt – unter anderem mit dem Ziel einer proaktiven Familienpolitik, um die einheimische Geburtenrate zu erhöhen.

Bei YouTube gibt es unter Schroeders Video viel Zustimmung: „Ich bin gebürtiger Ostdeutscher, lebe in Thüringen und stimme ihren Ausführungen voll und ganz zu. Mir geht das Gejammer und die Unzufriedenheit schon seit Jahren auf die Nerven. Hatte deswegen viele Diskussionen.“ Manch einer findet Schroeders Video treffend: „Ich als Ossi, aus dem momentanen Blauzibundesland Sachsen-Anhalt stammend, habe schmunzelnd und zustimmend genickt.“

Bei Facebook und auf X gibt es auch Widerspruch für den Comedian, dem hier seine eigenen Sprachbilder entgegengehalten werden: „Da hat sich beim Florian aber ne Menge Frust aufgestaut. Demokratie muss man auch mal aushalten können.“

Ein Nutzer aus Berlin schreibt: „Ich glaube, Sie sind ziemlich selbstverliebt und hören sich selber gerne sprechen. Ich als Wessi schäme mich für solche Leute wie Sie; unterstes Regal.“

Beiträge wie dieser seien Hass und Hetze und würden das Land nur noch weiter spalten, merken User an – und fragen, ob Schroeders Bashing auch für AfD-Wähler aus dem Westen gelte. Andere kommentieren:  „Ich vermeide dieses Ost-West-Gerede. Das sollte schon seit Jahren abgehakt sein. Als die Mauer fiel, war ich 16 und habe die DDR nur als Kind erlebt. (…) Ob Sie es glauben oder nicht, wir können eigenständig denken und handeln. Und ich muss es jetzt einfach mal direkt sagen: Ich finde diese Verallgemeinerungen einfach nur noch zum Kotzen.“

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