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Zwei gegen das Vergessen: Die so wertvolle Gedenkarbeit von Alina und Klaus Leutner

Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich das Paar in Sachen Gedenkkultur. Vor allem aus dem Bedürfnis, während der NS-Zeit begangenes Unrecht wiedergutzumachen.

Simone Trieder
8 Min
Klaus und Alina Leutner.

Klaus und Alina Leutner.

© Simone Trieder

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Es fließt alles ineinander, die Gegenwart und die Vergangenheit, dabei hat er vor allem die Zukunft im Blick: Klaus Leutner ist 85 Jahre und immerzu auf Achse. Der ehemalige Eisenbahner ist gemeinsam mit seiner Frau Alina in Sachen Gedenkkultur unterwegs. Fragt man ihn, beispielsweise nach seinem Geburtsort Königsberg, dann holt er weit aus, die Geschichte fließt ein, wie das politische Geschehen in seine private Geschichte eingriff. Doch man muss keine Angst haben, dass Klaus Leutner den Faden verliert, er baut seine Erzählungen dramaturgisch geschickt auf, wer Geduld hat, wird mit einer Erkenntnis belohnt.

Dabei ist das Gebiet des „Laienhistorikers“, wie er sich selbst nennt, ein durchaus unheimliches: Es geht um Urnen, um Gräber, um Krematorien, um Konzentrationslager, um Hinrichtungsstätten, um Totenscheine, um Urnenbegleitscheine, Beisetzungspläne und -belege. Wie ein Kriminalist verfolgt er Spuren, die die Bürokratie des Nationalsozialismus hinterlassen hat.

Er setzt Puzzle zusammen, nicht immer sind alle Teile zu finden. Es geht um die Würde von Menschen, die von Nationalsozialisten ermordet wurden. Er konnte namenlosen Gräbern Menschen und Namen zuordnen, oft auch den Ort des Todes und damit den Angehörigen Gewissheit geben und die Möglichkeit, eine Blume abzulegen und der ihren zu gedenken.

Er mahnte, klingelte und – nervte auch, nach eigener Aussage, Senatsverwaltungen, Archivmitarbeiter, Stiftungsdirektoren. „Ohne solch engagierte Menschen wie Klaus Leutner stünden wir in der Gedenkkultur nicht da, wo wir sind“, sagt der Historiker Lars Skowronski über ihn. „Manches können wir in unserem Alltag als Historiker gar nicht leisten.“

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Klaus Leutner im Jahr 2020 im Städtischen Friedhof Altglienicke an der Schönefelder Chaussee

Klaus Leutner im Jahr 2020 im Städtischen Friedhof Altglienicke an der Schönefelder Chaussee

© Kitty Kleist-Heinrich/imago

Die Stadt seiner Kindheit liegt jetzt in Polen

Über den Historiker entstand auch der Kontakt zur Gedenkstätte Roter Ochse in Halle. 2006 war Leutner dort zu einer Tagung eingeladen, wo Forschungen zu von Nationalsozialisten verurteilten und hingerichteten Polinnen vorgestellt wurden. Über viele Jahre hatte er versucht, das Grab der in Plötzensee hingerichteten Bronisława Czubakowska zu finden. Aber bei Leutner ist immer auch der Weg das Ziel: Das Grab fand er nicht, wohl aber viele Details zum Leben der Zwangsarbeiterin.

Am Rande der Tagung in Halle ging es um eine zwangsverpflichtete, mutige Gefängniswärterin. Hedwig Grimpe hatte 1943 mehreren Polinnen im Untersuchungsgefängnis Moabit mit zusätzlichen Lebensmitteln beigestanden und den Kontakt zu ihrer 16-jährigen Tochter ermöglicht. Zwischen den halleschen Historikern und Klaus Leutner kam es zu einer Abmachung, bei der Leutner versprach, das Grab in Berlin zu finden.

Sein Spürsinn und die Kontakte zu verschiedenen Friedhofsverwaltungen brachten nach zeitaufwendiger Recherche das Ergebnis: Er bekam den Friedhofslageplan des Friedhofs Seestraße, einen Auszug aus dem Bestattungsbuch und Angaben zur Beisetzung der Urne von Hedwig Grimpe. Die Ruhefrist war bereits 2001 abgelaufen. Theoretisch wäre eine Neubelegung möglich gewesen. Mit dieser Auskunft hatte Leutner seinen Teil der Abmachung mit der Gedenkstätte Roter Ochse erfüllt. Doch er dachte weiter und als klar war, dass das Grab nicht neu belegt würde, engagierte er sich für ein Erinnerungszeichen.

Zu seinen weitreichenden Kontakten gehört auch der zum langjährigen (bis 2025) Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, der diesem Gedanken positiv gegenüberstand. Es dauerte aus verschiedenen Gründen lange, bis das Gedenkzeichen am 6. Dezember 2025 im Beisein Angehöriger der Polinnen, denen Hedwig und Helga Grimpe geholfen hatten, eingeweiht werden konnte. Dieses Beispiel zeigt schon, welche Rolle der Kontakt, die Verbindung zu Polen für den Berliner einnimmt: Sie ist seine Lebensader.

Die Stadt seiner Kindheit, Lötzen, liegt jetzt in Polen: Gizycko. Dort wurde er 2024 Pate des kleinen, schwer kranken Piotr; regelmäßige Spenden sollen etwas helfen. Vielleicht dachte er dabei auch an das im zweiten Kriegsjahr in Königsberg unehelich geborene Kind, das er selbst war.

Leutner wuchs bei einer Pflegefamilie in Gizycko auf: „Ich habe zwei Mütter“, sagt er. Den Namen Leutner erhielt er vom Stiefvater, als seine Mutter 1944 heiratete. „Ich hatte zuvor einen polnischen Nachnamen, meine Frau einen deutschen.“ Eine perfekte deutsch-polnische Verbindung, die die Geschichte zusammenführte. In einem Radiointerview sagte Alina Leutner zu ihrer gemeinsamen Arbeit: „Mein Mann tut es aus Verantwortungsgefühl und dem Bedürfnis, begangenes Unrecht wiedergutzumachen, während ich es aus einem tiefen moralischen und patriotischen Pflichtgefühl und aus tiefem Mitgefühl für die Familien der Opfer tue.“ Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich das Paar als Brückenbauer für Gedenkkultur. Die Projekte der beiden sind vielfältig, immer haben sie mit Polen zu tun, immer beziehen sie Schüler und Jugendliche aktiv ein.

Eine beispiellose Aktion

Spektakulär ist wohl die Gedenkanlage Altglienicke, deren unwürdiger Zustand Leutner 2005 in Unruhe versetzte. Dort sind 1370 Urnen, u.a. aus Konzentrationslagern, vor allem aus dem KZ Sachsenhausen, darunter 430 aus Polen, 150 Urnen aus der damaligen „Euthanasie“-Aktion und 80 von Toten aus der Hinrichtungsstätte Plötzensee, beigesetzt.

Über Jahre suchte Leutner das Gespräch mit den zuständigen Dienststellen des Senats und des Bezirks Treptow-Köpenick. Es ging ihm um eine „würdige Veränderung“ der Grabanlage. Den damaligen Zustand empfand er „anonym wie ein Kilometerstein aus früheren Zeiten“.

Während der Berliner Senat einen Wettbewerb für eine angemessene Erinnerung an diese Opfer auslobte, forschte Leutner über eineinhalb Jahrzehnte zur Identität der Toten. Eine wichtige Frage: Wie kommen die Urnen vom KZ auf den Friedhof? Leutner war der Erste, der diesen Weg belegen konnte. Davon legt er in einer Publikation Zeugnis ab und belegt jedes Detail mit Quellen: „Gedenk- und Lernort Altglienicke.“

Die Dokumentation zeigt, was für eine zeitraubende und seine Energie fordernde Arbeit es war, bei der ihm seine „polnische Hälfte“ Alina nicht nur mit ihren Sprachkenntnissen zur Seite stand. Die Wiener Landschaftsarchitekten Stuber & Gruber hatten den Gedanken der Ausschreibung, das ehrende Gedenken einerseits, ein Lernort unter Einbeziehung junger Menschen andererseits mit Leben erfüllt: Heute lebende Menschen schrieben die Namen und Lebensdaten der Opfer in einer beispiellosen Aktion. Am 27. Januar 2020 kamen 900 Menschen allen Alters ins Rathaus Köpenick, um die Namen der Toten, die Leutner zuordnen konnte, mit ihrer Hand niederzuschreiben. So sind sie auf der Gedenkwand aus grünem Glas zu sehen, eingeweiht wurde das Gedenkzeichen im September 2021. Schüler des Archenhold-Gymnasiums Treptow-Köpenick reinigen zweimal im Jahr die pflegeintensiven Glasscheiben der Gedenkwand.

Gedenkstein vor der ehemaligen KZ-Außenstelle Lichterfelde in der Wismarer Straße in Berlin

Gedenkstein vor der ehemaligen KZ-Außenstelle Lichterfelde in der Wismarer Straße in Berlin

© Schöning/imago

Eine Begegnung, die alles veränderte

Für sein Engagement zum KZ-Außenlager Lichterfelde – 2020 erschien ein Buch von Leutner dazu – und viele deutsch-polnische Projekte, vor allem mit Schülern, erhielt er 2017 den Verdienstorden der Republik Polen, 2022 das Bundesverdienstkreuz und eine Ehrung des Instituts für nationales Gedenken (IPN) in Warschau.

Der Eisenbahningenieur Leutner befasste sich auch mit den Zwangsarbeitertransporten der Reichsbahn. Ein entscheidendes Erlebnis hatte er als West-Berliner Lehrling. Die Reichsbahn, die der DDR unterstand, sandte ihn zur Einweihung der Gedenkstätte Buchenwald. Bei ihm, aufgewachsen mit dem Gedankengut der Mutter, waren Sätze hängengeblieben wie: Hitler hat die Arbeitslosen von der Straße geholt und Hitler hat die Autobahnen gebaut. Zur Einweihung des Buchenwalddenkmals am 14. September 1958 traf er auf einen deutsch sprechenden Polen. Dieser krempelte einen Ärmel hoch und zeigte seine tätowierte Nummer. „Da“, sagt Leutner, „konnte ich doch nicht sagen, der Führer hat gesagt …“

Es setzte bei ihm ein Umdenken ein. Was ist da im Nationalsozialismus passiert, erinnert er sich an seinen ersten Gedanken: „Das wollte ich wissen. Das war der große Gong, eine Weichenstellung.“ Und hätte er diesen Menschen damals nicht getroffen, dann, sagt er: „Würde ich vielleicht heute überzeugter Neonazi sein.“

Literatur – Klaus Leutner: Das namenlose Urnensammelgrab von damals ist heute „Lern- und Gedenkort Altglienicke“ im Bezirk Treptow-Köpenick von Berlin. Bürgerverein Altglienicke 2025; Klaus Leutner: Das KZ-Außenlager in Berlin-Lichterfelde. Erkundungen an einem vergessenen Ort. Metropol-Verlag Berlin 2020

Simone Trieder, geb. 1959, lebt in Halle. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher, auch Funkessays und Features. Jüngste Veröffentlichung: „Gastrow oder die Poesie der Technik“ 2024 – Roman im mdv Halle.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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