Wenn es daheim nicht recht läuft, zählt es zu den kleinen Fluchten amerikanischer Präsidenten, sich aufs Parkett der internationalen Politik zu begeben. Wen im Weißen Haus innenpolitische Zwänge einschnüren, der wirft sich gern den Mantel des "mächtigsten Mannes der Welt" über, um auf der internationalen Bühne am großen Rad zu drehen und womöglich Erfolge zu feiern, die das politische Konto auch zu Hause auffüllen. Viele Präsidenten haben solche kleinen Fluchten ergriffen. Richard Nixon fuhr nach China, als in Washington nichts mehr ging. Jimmy Carter, daheim eine lahme Ente, stiftete Frieden zwischen Israelis und Ägyptern.Barack Obama muss nicht die Flucht ergreifen, so weit ist es noch lange nicht. Auch er aber dürfte kaum bedauern, in einer Woche der Gipfel und Konferenzen Washington für ein paar Tage zu verlassen. In den Niederungen der amerikanischen Innenpolitik muss er einen schweren Kampf um seine Gesundheitsreform ausfechten, dessen Ausgang ungewiss ist, bei dem gleichwohl viel auf dem Spiel steht. Scheitert die Jahrhundertreform, wäre Obama geschwächt. Da mag eine Woche globaler Gipfelei willkommen sein. Der Marathon beginnt in New York, wo Obama den UN am Dienstag seinen Antrittsbesuch abstattet. Er endet am Freitag mit dem Treffen der G20-Gruppe in der alten Stahlstadt Pittsburgh.Läuft alles nach Plan, wird Obama von seinem Ausflug in die Weltpolitik gestärkt zurückkehren. Vor allem ein Erfolg winkt ihm, der Obama in hellem Licht strahlen lassen dürfte. In New York wird er am Donnerstag als erster US-Präsident überhaupt eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates leiten. Das allein ist eine wichtige Geste: George W. Bush hatte noch verächtlich die Relevanz der Weltorganisation bezweifelt, als die 2003 grünes Licht für den Irakkrieg verweigerte. Obama setzt auf Multilateralismus und Diplomatie. Nun will er einen ersten Erfolg einfahren. Im Sicherheitsrat soll es zum historischen Schwur kommen: Die UN, darunter die fünf Veto- und Atommächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien, sollen per Resolution Obamas Vision von einer Welt ohne Atomwaffen zu der ihren machen.Um das Versprechen mit Inhalt zu füllen, will der US-Präsident schon am Mittwoch mit dem Russen Dmitri Medwedew über die fristgerechte Verlängerung der auslaufenden Start-Verträge zur Begrenzung strategischer Nuklearwaffen sprechen. Mit seinem Verzicht auf die Raketenabwehr in Polen und Tschechien hat Obama die Chancen dafür erhöht. Sollte er dann dem US-Senat demnächst noch die Ratifizierung des Atomteststopp-Vertrages abringen, der unter Bill Clinton durchgefallen war und den George W. Bush verworfen hatte, stünden die USA in der Welt womöglich schon bald als glaubwürdiger Abrüstungs-Vorreiter da. Auch ein Obama mag zwar Amerikas Atomarsenal nicht komplett verschrotten. Doch das Bild vom aggressiven US-Imperium hätte er gründlich geschleift - und den Iran im Atompoker in die Ecke des Bösewichts manövriert. Schon diese Woche in der UN-Generaldebatte soll die neue Rollenverteilung deutlich werden: Der US-Präsident als umjubelte Friedenstaube, der iranische Kollege Mahmud Ahmadinedschad als isolierter Atomfalke. Ob das Früchte trägt, wird sich zeigen, wenn die USA Anfang Oktober erstmals mit Vertretern aus Teheran verhandeln.Auch als Nahost-Vermittler kann Obama glänzen. Das Treffen mit Israels Premier Benjamin Netanjahu und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas soll es am Rande der UN-Vollversammlung jetzt doch geben. In New York und Pittsburgh aber dürfte man auch einen anderen, weit weniger schillernden Obama erleben. Der US-Präsident ist der unverzichtbare Mann der Weltpolitik: Nichts geht ohne ihn bei der Abrüstung, dem Klimaschutz, den Finanzmarktreformen, in Afghanistan oder Nahost, im Atomstreit mit Iran und Nordkorea. Doch auf vielen Feldern ist Obama auch ein Getriebener, der reagieren muss, statt selbst die Initiative zu ergreifen. Beispiel Klimaschutz: Weil es ein US-Klimagesetz in diesem Jahr kaum geben wird, muss Obama in den internationalen Verhandlungen lavieren. Der US-Kongress könnte jede Zusage einkassieren. In der Folge drohen die USA schon wieder wie in den Bush-Jahren zum größten Hindernis für den UN-Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen zu werden, wenn auch diesmal von der Regierung ungewollt. Beispiel Finanzmarktreform: Vor dem G20-Gipfel in Pittsburgh hört man zwar auch aus den USA entschlossene Rhetorik. Doch das Ursprungsland der Weltwirtschaftskrise arbeitet hinter den Kulissen gegen die Vorschläge aus Europa.Offen wird man diese Konflikte nicht austragen. Daran hat niemand Interesse. Wie daheim aber könnte Obama bald auch auf internationalem Parkett an seine Grenzen stoßen, vom Hindukusch bis Kopenhagen. Kleine Fluchten aus einer komplizierten Realität dauern auch bei US-Präsidenten nie lange.------------------------------Wie daheim könnte Obama bald auch auf internationalem Parkett an seine Grenzen stoßen, vom Hindukusch bis Kopenhagen.
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