KLIMA - Die Temperaturen steigen weiter. Alten Wein- und Obstsorten wird es im Süden Deutschlands bereits zu warm. Sie drohen zu verschwinden. Auch Tiere passen sich den veränderten Bedingungen an.

Opfer der Sonne

Jörg Michel
5 Min

BERLIN. Peter Triloff isst gerne Äpfel. Besonders mag er die klassischen Sorten Cox Orange und Boskoop. Doch wenn der Pflanzenschutzexperte der Marketinggemeinschaft Bodenseeobst dieser Tage durch die Plantagen streift, findet er kaum noch Bäume der beiden Sorten. "In den letzten zehn Jahren wurden die Äpfel wegen der Wärme im Frühjahr immer größer und weicher und damit unverkäuflich", erklärt Triloff. Viele Obstbauern am größten See Deutschlands sind deswegen auf neue Sorten umgestiegen. Statt Cox Orange oder Boskoop, die einst ein Drittel der Ernte ausmachten, werden die Sorten Gala, Fuji oder Braeburn angebaut. Die kommen aus Südtirol, vertragen die Trockenheit besser.Brandenburg wird zur SteppeDie Obstbauern sind Opfer des Klimawandels. Am Bodensee lagen die Frühsommertemperaturen in den letzten fünfzehn Jahren im Durchschnitt um drei Grad höher als normal. In den nächsten fünfzig Jahren wird mit einem weiteren Anstieg von vier bis sechs Grad gerechnet. Der Bodensee gilt unter Klimaforschern als die Region in Deutschland, die am meisten unter dem Klimawandel leiden wird. Aber auch der Rest der Republik ist betroffen. Das Umweltbundesamt und das Max-Planck-Institut für Meteorologie rechnen in ihrer neuesten Klima-Studie mit einem Anstieg der Jahrestemperaturen um 2,5 bis 3,5 Grad bis zum Jahr 2100. In den Alpen wird es mehr Regen statt Schnee geben. Im Südwesten und in Ostdeutschland ist dagegen mit einem Drittel weniger Niederschläge und Dürren zu rechnen. "Brandenburg könnte zur Steppe werden", heißt es im Landesumweltamt Potsdam.Für Holger Vogt, den Betriebsleiter eines großen agrarwirtschaftlichen Betriebes im Fläming, sind die Konsequenzen klar. "Künstlicher Regen ist die einzige Chance, den Landwirten in Brandenburg eine ökonomische Zukunft zu bieten", sagt er. Gute Erträge bei Gemüse, Kartoffeln oder Rüben werden auf Dauer nur so gesichert werden können. Statt auf Getreide werden viele Bauern stärker auf den Wärme liebenden Körnermais oder Energiepflanzen wie Raps setzen müssen.Auch die Winzer werden sich umstellen. "Der Zuckergehalt in der Moste steigt mit den Temperaturen, was für Weißweine eher ungünstig ist", sagt Johann Schnell, ein Öko-Winzer vom Rhein. Der traditionelle deutsche Riesling etwa leidet unter der vorgezogenen Reifephase, die wegen der Wärme mittlerweile schon im August und nicht wie ursprünglich im September und Oktober beginnt. Weil sich die Temperaturen an Rhein und Mosel immer stärker denen von Südfrankreich angleichen, haben dort Rhone- und Bordeaux-Sorten womöglich eine bessere Zukunft. Der Riesling dagegen wandert gen Norden.Forstwirte wie Georg Sperber aus dem fränkischen Steigerwald sehen die Folgen des Klimawandels ebenfalls. "Problematisch ist der Temperaturanstieg für die Fichte", sagt Sperber. Die wegen ihres schnellen Wachstums beliebte Baumart macht fast ein Drittel des deutschen Holzbestandes aus. Doch Wärme macht sie anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Die Schäden haben sich nicht zuletzt deswegen in den letzten Jahren verdoppelt. "Die Fichte ist in Zeiten des Klimawandels eine Baumart ohne Zukunft", sagt Sperber. Statt dessen werden sich südeuropäische Trockenwälder immer mehr ausbreiten.Auch die Tiere haben reagiert. Manche Zugvogelarten wie der Star oder der Kiebitz überwintern immer häufiger hierzulande. Südeuropäische Tiere wie der Seidenreiher oder Bienenfresser dehnen ihre Brutgebiete in Richtung Norden aus. Arktische Arten wie die Schneeammer, die bislang in Mitteleuropa überwinterte, werden seltener. Schädliche Pilze lieben dagegen die Wärme. Das bekommen auch die Obstbauern am Bodensee zu spüren: Der Befall mit Apfelmehltau oder dem Sonnenbrand hat deutlich zugenommen.------------------------------Extrem trockene Sommer, extrem häufige ÜberschwemmungenBefund: Seit der Industrialisierung steigt der CO2-Gehalt der Luft. Das Gas nimmt einen Teil der Infrarotstrahlung auf und bremst die Wärmeabgabe der Atmosphäre ins All. Bis heute ist der CO2-Anteil in der Luft von 0,028 Volumenprozent um ein Drittel auf 0,038 angewachsen. Das ist der höchste Wert seit 650 000 Jahren, wie Messungen im Eis der Antarktis belegen.Folgen: Die weltweite Durchschnittstemperatur stieg im 20. Jahrhundert um ungefähr 0,6 Grad Celsius. - die höchste der vergangenen 2000 Jahre.Wissenschaft: Klimaforscher sind sich einig, dass die Menschen durch Emission von Gasen wie Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Lachgas (N2O) den natürlichen Treibhauseffekt verstärken. Genaue Prognosen können Experten aber nicht abgeben.Szenario: Unklar ist wie sich der Ausstoß von CO2 entwickeln wird. Je nach Zunahme könnten die Temperaturen weltweit bis 2100 um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius steigen. Der Meeresspiegel würde um 10 bis 90 Zentimeter steigen.Deutschland: Das Max-Planck-Instituts für Meteorologie sagt für 2050 für Deutschland einen Anstieg von bis zu sechs Grad voraus, Überschwemmungen nehmen zu. In Berlin sollen die Niederschläge im Frühsommer um 20 Prozent steigen.Landwirtschaft: Die Bauern spüren die Folgen als erste. So droht der Riesling - eine der ältesten Rebsorten - oder die Apfelsorten Boskoop und Cox Orange wachsender Trockenheit zum Opfern zu fallen. Nadelbäume werden anfälliger für Borkenkäfer.------------------------------Grafik: Temperaturanstieg in Deutschland------------------------------Foto: Die Schneeammer sucht sich kältere Plätze zum Überwintern.------------------------------Foto: Was die Menschen freut, bedeutet für manche Obstsorten das Aus. Zu viel Sonne könnte zum Beispiel die Riesling-Traube bald vertreiben.

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