Als Chefökonom des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Berater des Außenministeriums in Fragen des globalen Klimawandels war Ottmar Edenhofer in Kopenhagen und hat dort das Schachern um einen Weltklimavertrag und dessen Scheitern verfolgt.Herr Edenhofer, wie enttäuscht sind Sie über den Ausgang der Weltklimakonferenz?Ich hatte ohnehin keine großen Erwartungen. Es ist am Ende aber ein noch größeres Desaster geworden als ich mir es vorstellen konnte. Die windelweiche Erklärung von Kopenhagen bringt uns kaum weiter. Die Konferenz war miserabel vorbereitet und schlecht moderiert.Haben die Dänen versagt?Sie haben strategische und taktische Fehler gemacht. Sie haben die Entwicklungsländer nicht gut behandelt und sie nicht fair einbezogen. Die Verhandlungsprozesse waren intransparent. Die Dänen haben schnell ihre Funktion als ehrliche Makler verloren. Man hatte den Eindruck, dass der Prozess auch den Staatschefs entglitten ist. Sie sind wieder abgeflogen, bevor der Deal unter Dach und Fach war. Erschwerend kam hinzu, dass einige die Konferenz nicht für Verhandlungen nutzen wollten, sondern vor allem für ihre Selbstdarstellung.Wen haben Sie als besonderen Bremser wahrgenommen?China hat eine schwierige Rolle gespielt. Aus meinen Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass sich in der chinesischen Regierung zwei Fraktionen bekämpfen. Ein Teil befürwortet den Klimaschutz, ein anderer Teil nicht. Das hat die Verhandlungen blockiert. Überhaupt sind in Kopenhagen massive geopolitische Konflikte offenbar geworden. Die kamen mit aller Wucht auf den Tisch. Wir bewegen uns auf ein neues Zeitalter zu, in dem die USA und China eine Hauptrolle spielen. Noch ist da aber kein Gleichgewicht. Das ist gefährlich.Warum hat Europa eine so geringe Rolle gespielt? Die EU hat doch etwas vorzuweisen beim Klimaschutz.Die EU war politisch schwach, auch wenn der deutsche Umweltminister eine hervorragende Rolle gespielt hat. Die Europäer waren während der Konferenz nicht in der Lage, ihre unbestrittene Vorreiterrolle in der Klimapolitik in eine Vermittlerrolle umzumünzen. Europa droht angesichts der neuen geopolitischen Situation in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Europa hat aber auch das Potenzial eine wichtige Rolle zu spielen - die Europäer müssen ihr Potenzial nutzen.Was schmerzt Sie inhaltlich am meisten?Es ist zwar gut, dass jetzt alle Staaten mehr oder weniger das Zwei-Grad-Ziel anerkennen ...Aber?... aber es gibt in der Vereinbarung keine einzige konkrete Zahl zur Minderung der Emissionen. Das ist blamabel. Nicht zuletzt die Kapitalmärkte und Investoren benötigen langfristige Zielvorgaben. Wie sollen sie sonst in eine nachhaltigere Infrastruktur investieren?Ist das Zwei-Grad-Ziel mit den mauen Beschlüssen erreichbar?So nicht. Selbst mit den freiwilligen Angeboten, die nicht einmal Teil der Vereinbarung sind, liegen wir eher bei drei Grad Celsius. Wir müssen also nachlegen. Auf den nächsten Konferenzen sind ehrgeizigere Schritte nötig.Gibt es auch positive Aspekte?Die Tür für ein ehrgeiziges Abkommen wurde zumindest geöffnet. Ein internationales Abkommen ist immer noch möglich. Es fehlt aber ein klarer Zeitplan, wie das erreicht werden soll.Wie kann der internationale Klimaschutzprozess gerettet werden?Es gibt keine Alternative zu Verhandlungen auf der Ebene der Vereinten Nationen. Allerdings brauchen wir Reformen. Die Gipfel müssen schlanker werden. Außerdem muss es ergänzende Prozesse geben, etwa auf transatlantischer Ebene oder im Rahmen der G20. Man darf nicht das ganze Gewicht der Verantwortung auf die Schultern der UN legen.Kann das Versäumte auf den Folgekonferenzen in Bonn und Mexiko-City nachgeholt werden?Prinzipiell ja. Dazu muss aber der Zuschnitt der Konferenzen geändert werden. Die Mischung aus Kirchentag-Happening und Verhandlungen ist nicht zielführend.Haben Sie Hoffnung für Mexiko?Die habe ich immer. Wir müssen jetzt aus der psychologischen Katerstimmung raus und nach vorne schauen. Trotz des Desasters in Kopenhagen: Noch ist die Welt nicht verloren.Das Gespräch führte Jörg Michel.------------------------------Foto: Ottmar Edenhofer ist Volkswirt und Vorsitzender im Weltklimarat IPCC.
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