„Es geht um Leben und Tod“, sagt Omer Shemer. Er steht auf dem Habima-Platz vor dem Nationaltheater in Tel Aviv, um ihn herum Fahnen und Flugblätter der Opposition. Shemer gehört zur Pink Front, einer Protestbewegung, die 2023 bei den Demonstrationen gegen den Umbau der Justiz entstand. Heute sei ein sehr wichtiger Tag, sagt er der Berliner Zeitung. Alle müssten wählen gehen. „Wir müssen den Wandel schaffen.“
Aktivist Omer Shemer ruft auf dem Habima-Platz in Tel Aviv zur Stimmabgabe auf. Die Pink Front entstand bei den Protesten gegen den Umbau der Justiz.
© Luise Evers/ Berliner Zeitung
Auf demselben Platz wirbt Lihi Lapid um Stimmen. Die Schriftstellerin ist mit dem Oppositionspolitiker Jair Lapid verheiratet, der diesmal auf einer gemeinsamen Liste mit dem früheren Regierungschef Naftali Bennett antritt. „Wir sind hier, um Israel in Ordnung zu bringen“, sagt sie der Berliner Zeitung. Es gehe darum, dass die Menschen wählen gingen und sich etwas verändere. Israel müsse „viel, viel besser“ werden.
Für die Opposition ist diese Wahl die Chance, Benjamin Netanjahu nach Jahren an der Macht abzulösen. Für Netanjahu geht es um sein politisches Überleben.
„Israel muss viel, viel besser werden“: Lihi Lapid ruft in Tel Aviv zur Stimmabgabe auf.
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Ende der Ära Netanjahu? Herausforderer Bennett und Lapid wollen eine Million Einwanderer nach Israel holen
Erste Wahl seit dem 7. Oktober
Rund 7,3 Millionen Menschen sind an diesem Dienstag aufgerufen, eine neue Knesset zu wählen. Auf dem Stimmzettel stehen 38 Listen. Es ist die erste Parlamentswahl seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und nach den Kriegen in Gaza, im Libanon und gegen den Iran. Zugleich ist es die erste Wahl seit 1988, die zum regulären Termin stattfindet. Alle Regierungen davor zerbrachen vorzeitig.
Im Mittelpunkt steht das Duell zwischen Benjamin Netanjahu und dem früheren Generalstabschef Gadi Eisenkot. Dessen Partei Jaschar lag in den Umfragen der vergangenen Wochen mehrfach vor dem Likud. Eine Mehrheit von 61 der 120 Sitze sagten die meisten Institute aber keinem der beiden Blöcke voraus.
Ende September haben Eisenkots Jaschar, das Bündnis von Bennett und Lapid, die Demokraten von Jair Golan und Jisrael Beitenu von Avigdor Lieberman vereinbart, ihr Vorgehen abzustimmen. In der letzten Umfrage des Portals Walla kamen diese Parteien zusammen auf 54 Sitze, Netanjahus Block auf 48. Auch die Opposition bräuchte demnach weitere Partner.
Der Kompromiss des Professors
Howard Cedar hat die Demokraten gewählt. Der Molekularbiologe lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem und lebt in Tel Aviv. Er sei „vollkommen gegen diese Regierung“, betont er. Die Demokraten seien für ihn ein Kompromiss. Eigentlich würde er eine Partei wählen, die noch weiter links stehe und sich dafür einsetze, alle arabischen Bürger Israels zu integrieren.
Die arabischen Listen könnten am Ende über die Mehrheit mitentscheiden. Rund 1,2 Millionen Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft sind wahlberechtigt.
„Er hat sich bewährt“
In der Nähe der Dizengoff-Straße klingt es anders. Isaac Levy hat für Netanjahu gestimmt. Er sei ein großer Anführer in der Wirtschaft und in der Sicherheit, sagt er der Berliner Zeitung. Netanjahu habe Israel an sieben Fronten gegen viele Feinde verteidigt, gegen den Iran, in Gaza, an der Grenze zum Libanon. „Deshalb wähle ich ihn. Er hat sich bewährt.“
Die Formel von den sieben Fronten stammt von Netanjahu selbst. Seine Kampagne setzt auf Sicherheit und auf die Nähe zu Washington. Über der Stadtautobahn hängt eine Plakatwand, die mehrere Stockwerke hoch ist. Darauf steht Netanjahu neben Donald Trump, über beiden fliegen Kampfjets. „Wir haben eine Chance zu gewinnen“, lautet der Slogan.
Netanjahu ist der am längsten amtierende Regierungschef in der Geschichte Israels. Gleichzeitig läuft der Korruptionsprozess gegen ihn weiter. Der Angriff der Hamas am 7. Oktober hat seinen Ruf als Garant für Israels Sicherheit schwer beschädigt.
Netanjahu-Wähler Isaac Levy in Tel Aviv: Der Premier habe Israel an sieben Fronten verteidigt.
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„Es gibt kein Europa mehr“
Vor einem Wahllokal steht Mosche Feiglin umgeben von Bodyguards. Der frühere Likud-Abgeordnete hat seine Partei Zehut wiederbelebt und steht auf Platz zwei einer gemeinsamen Liste mit dem Religiösen Zionismus von Finanzminister Bezalel Smotrich. Auf die Frage der Berliner Zeitung nach Europa antwortet er, der Kontinent sei „von den Muslimen besetzt“. Die Verbindung aus Progressivismus und radikalem Islam habe Europa zerstört.
Dann richtet er sich direkt an Deutschland. „80 Jahre später habe ich nie vergessen, was ihr den Juden angetan habt“, sagt Feiglin. „Und es tut mir nicht besonders leid, was ihr euch jetzt selbst antut.“
Warten auf 22 Uhr
Vor dem Schulgebäude, in dem gewählt wird, reihen sich die Wahlstände aneinander. In Israel dürfen Parteien bis kurz vor den Eingang um Stimmen werben. Ein Mann auf einem Elektro-Dreirad, behangen mit Fahnen der Demokraten, rollt mit Headset-Mikrofon an den Ständen vorbei. Am Stand von Eisenkots Partei Jaschar nebenan hängt ein Schild mit dem Satz „Diesmal Eisenkot!“. Am Mittag posieren Anhänger verschiedener Parteien für ein gemeinsames Foto, neben hellblauen Shirts der Demokraten auch Lieberman-Shirts, hinten hält jemand ein Likud-Shirt in die Höhe.
Bis zur letzten Minute wird vor den Wahllokalen in Tel Aviv geworben, hier von Anhängern verschiedener Parteien.
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Um 22 Uhr Ortszeit schließen die Wahllokale, in Deutschland ist es dann 21 Uhr. Kurz danach veröffentlichen die Sender ihre ersten Prognosen. Wer die nächste Regierung bilden kann, dürfte sich erst in den Koalitionsgesprächen danach zeigen.
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