Nichts wird in diesem Land so respektvoll betrachtet, ja fast liebevoll verehrt wie das Amt des Bundespräsidenten. Partei- und Politikverdrossenheit in großen Teilen der Bevölkerung mögen immer neue Höchstwerte erreichen - das Ansehen des Bundespräsidenten bleibt davon unberührt. Das Auf und Ab der Konjunktur, der Arbeitslosigkeit, der Kriminalitätsrate und des Butterpreises - nichts davon beeinflusst die Zuneigung der Deutschen zu ihrem Staatsoberhaupt. Die Anhänglichkeit, die sie dem jeweiligen Amtsinhaber erweisen, ist derart, dass noch fast jeder Bundespräsident - die wenigen Ausnahmen fallen hier nicht ins Gewicht - dringend gebeten wurde, der ersten Amtszeit eine weitere folgen zu lassen.Die Popularität des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, war nach zwei Amtsperioden so gewaltig, dass eine Änderung des Grundgesetzes erwogen wurde, um ihm sogar eine dritte Wahl zu ermöglichen. Der Liberale war souverän genug, die verfassungsrechtliche Beschränkung auf zwei Amtszeiten zu respektieren, und lehnte ab. Auf zehn Jahre als Bundespräsident brachte es auch der kaum weniger populäre Richard von Weizsäcker; dem ebenfalls äußerst beliebten Roman Herzog blieb die zweite Amtszeit lediglich aus wahlarithmetischen Gründen versagt. Am Ende seiner fünf Jahre als Bundespräsident wünschten sich 70 Prozent der Deutschen - vergeblich - die Wiederwahl Johannes Raus. Und so ist es nicht sehr überraschend, dass nun der derzeitige Bundespräsident Horst Köhler von drei Vierteln der Deutschen auch als künftiges Staatsoberhaupt favorisiert wird.Die Gründe der Anhänglichkeit der Deutschen an ihre Staatsoberhäupter liegen auf der Hand. Zum einen ist sie in den Personen selbst begründet. Immerhin bei der Wahl der Bundespräsidenten haben die Parteien bisher fast stets ein sicheres Gespür bewiesen und Kandidaten zum höchsten Staatsamt verholfen, die nicht nur die Rede der Politikerkaste, sondern auch die Sprache und Gedanken der Bevölkerung verstanden. Mit Horst Köhler - von Christdemokraten und Liberalen als vermeintlicher Vorbote einer schwarz-gelben Koalition gewählt - gelangte sogar zum ersten Mal ein dezidierter Nicht-Politiker ins Amt, der sich schon deshalb nicht in den Niederungen des Politikergeredes verliert, weil er es nicht beherrscht.Doch ist die Popularität der Amtsinhaber zu einem guten Teil nur abgeleitet von der Popularität, die dem Amt in der Bevölkerung selbst entgegenschlägt. Sie wurde der Institution des Bundespräsidenten von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes 1949 gewissermaßen implantiert. Anders als der Reichspräsident der Weimarer Republik sollte der Bundespräsident kein vom Volk gewählter Ersatz-Monarch sein, sondern Vertrauensperson ohne besondere Vollmachten; anders als der Reichspräsident sollte der Bundespräsident nicht kraft seines Amtes den Gang der Exekutive bestimmen, sondern kraft seiner persönlichen Autorität das öffentliche Gespräch befruchten. Zugespitzt lässt sich sagen: Friedrich Ebert, der erste Reichspräsident, ist an der Weimarer Republik gescheitert, an seinem Nachfolger, Paul von Hindenburg, ist die Weimarer Republik gescheitert. Beide Varianten hat das Grundgesetz ausgeschlossen, indem es Kraftproben mit anderen Staatsgewalten ausgeschlossen hat, die der Bundespräsident gewinnen oder verlieren könnte. Mächtige Institutionen können Respekt einflößen und in hohem Ansehen stehen - aber unbedingtes Vertrauen darf nur erwarten, wer außerstande ist, es zu missbrauchen. Das ist der Ohnmächtige, das ist der Bundespräsident.Das scheint Horst Köhler nicht recht verstanden zu haben. Köhler hat angeregt, den Bundespräsidenten künftig direkt, also von den Bürgern wählen zu lassen. Der Bundespräsident wäre dann stärker legitimiert als der nur vom Parlament gewählte Kanzler, müsste also ein größeres Gewicht im politischen Entscheidungsprozess bekommen. Die überparteiliche Rolle, der er bisher spielt, würde er schlagartig verlieren, denn er wäre selbst Partei. Nicht nur der Charme des Amtes wäre damit unwiederbringlich dahin, auch mit der fast ungeteilten Sympathie, die die Amtsträger bisher genießen, wäre es vorbei. Denn jeder Wahl geht ein Wahlkampf voraus. Im Schloss Bellevue residierte künftig der erfolgreichste Wahlkämpfer. Das verlangt andere Qualitäten als die, die bisher von Bundespräsidenten erwartet wurden. Weder Heuss noch von Weizsäcker oder Herzog hätten sich durchgesetzt - und einer wie Köhler schon gar nicht.------------------------------Friedrich Ebert, der erste Reichspräsident, ist an der Weimarer Republik gescheitert, an seinem Nachfolger, Paul von Hindenburg, ist die Weimarer Republik gescheitert.
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