Kölner Gastspiel beim Theatertreffen: Katie Mitchell hat Franz Xaver Kroetz' "Wunschkonzert" verfilmt

Von der Verfertigung der Fiktionen

Dirk Pilz
3 Min

Dieser Abend ist vieles zugleich. Er ist Theater über das Filmemachen und ein Film über die Theatermacherei; er ist aber auch eine ausgebuffte Bühnenstudie über das Verfertigen von Fiktionen, die sich wiederum leicht unter medienkritischen, ästhetik-, kommunikations- und wahrnehmungstheoretischen Aspekten befragen ließe. Nicht zuletzt ist er aber eine raffinierte Technik-, Tricks- und Tüfteleishow, die im Zuschauer Erinnerungen an die alten Kindheitsfreuden beim Modelleisenbahnbasteln weckt. Wenn Konzeptebenenvielheit ein Kriterium für Gelungenheit ist, ist diese Inszenierung ziemlich gelungen.Katie Mitchell, Associate Director des Londoner Royal National Theatre, hat Franz Xaver Kroetz' 1973 uraufgeführtes, aus einer einzigen Regieanweisung bestehendes Stück "Wunschkonzert" multimedial aufgebürstet. Entstanden ist eine Art Hybrid-Theater: Mitchells Inszenierung, herausgekommen am Schauspiel Köln und jetzt eingeladen zum Theatertreffen, nimmt den achtseitigen Text als Drehbuch: Wir sehen zu, wie ein Film entsteht. Es ist ein Film, der vom Alltagsdahingang des Fräulein Rasch handelt, welches von der Arbeit in ihre Kleinstwohnung kommt, zu Abend speist, im Fernsehen "Was bin ich?" schaut, im Radio "Wünsch dir was" hört, sich wäscht, kämmt und ins Bett geht, später wieder aufsteht und Tabletten schluckt. Es ist nicht eindeutig, ob sie stirbt. Eindeutiger ist, worauf Kroetz' seinerzeit zielte: auf die Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder zum objekthaften Funktionieren verurteilt.Kroetz demonstriert uns das entfremdete Subjektsein als Folge entfremdeter Verhältnisse. Mitchell zeigt uns auch Prozesse der Entfremdung, allerdings so vielebenenfach, dass Entfremdung hier zur Beziehung der Beziehungslosigkeit wird. Denn einerseits sehen wir, wie Fräulein Rasch (Julia Wieninger) in ihrer Wohnung hantiert - auf der Bühne steht ein detailversessen ausstaffierter 70er-Jahre-Wohncontainer. Anderseits wird ihr Einsamkeitswerkeln immer von Kameras zum Zwecke der Herstellung eines Autorenfilms eingefangen - über der Bühne hängt eine Leinwand. Und weil überdies jede der Rasch-Verrichtungen zum einen von Geräuschemachern rechts am Geräuschemachertisch untermalt, zum andern für Close-ups von einem zweiten und dritten Fräulein Rasch immer auch parallel mitgespielt werden und obendrein die Kamera- und Lichttechniker stets über die Bühne hasten, schauen wir sozusagen der Fiktionsfabrikation über die Schulter: Die emotionale Wirkung des live verfertigten Films wird effektvoll als durchtechnisierte Gefühlsproduktion sichtbar.Das ist, inklusive des im Glasstudio weggesperrten Streichquartetts und der eingesprochenen Anne-Sexton-Gedichte, konzeptionell sehr tricky. Allein, es stellt sich jenseits dieses Technikkosmos nichts her. Es ist, als ob diesem Abend die dramatische Substanz fehlen würde, weshalb er bemerkenswert leer wirkt, obwohl er von so viel Betriebsamkeit durchherrscht ist.------------------------------Mehr zum Theatertreffen unter www.theatertreffen-blog.de------------------------------Foto: Unten wird produziert, oben ist das Produkt zu sehen: "Wunschkonzert".

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