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Kokio in Prenzlauer Berg: Gibt es hier wirklich das beste Korean Fried Chicken Berlins?

Auf Social Media streiten sich die Geister ob des angesagtesten Hähnchens der Stadt. Ganz vorn im Rennen: das Kokio an der Danziger. Unsere Kritikerin war da – und ist nicht überzeugt.

7 Min
Herrlich als spätes Katerfrühstück: Boneless Fried Chicken im Kokio

Herrlich als spätes Katerfrühstück: Boneless Fried Chicken im Kokio

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

In den sozialen Medien, scheint mir, haben längst alle über das beste Korean Fried Chicken Berlins diskutiert: Gibt es das bei K-BOK, Guten Dag, Gangnam, Wondeo Chikin, Chibo, 44 CHKN oder Basak?

Ich kann sie mir nicht merken. Zufälligerweise jedoch liegt der Laden, auf den sich viele einigen können, bei mir um die Ecke. Kokio heißt er. Kokio nennt man das Kikeriki der Hähne auf Koreanisch, habe ich erfahren. Hier spezialisiert man sich auf „Chimaek“, das meint in Korea die Traumkombination aus Chikin (Huhn) und Maekju (Bier).

Regelmäßig stehen Trauben von Teenagern und jungen Leuten vor dem Kokio, dessen schwarz-weiß gestreifte Markise sein Wahrzeichen ist. Ich hatte mich aus Altersgründen bisher nicht eingereiht, obwohl eine solche Schlange auf mich reizvoll wirkt.

Trauben von Teenagern: Im Kokio sind alle Gäste unter 30

Doch eines Montagabends, als vieles zu hatte, ging ich einfach hin. Am Wochenende war ich – was inzwischen selten genug vorkommt – bis zum Morgengrauen ausgegangen und fühlte mich jung und alt zugleich. Ein gutes Post-Kater-Essen war gefragt. Energiereiches, Fettiges und Salziges hilft zwar nicht der Leber, aber der Psyche.

Mehr Restaurant als Snackbude ist das Kokio an der Danziger Straße.

Mehr Restaurant als Snackbude ist das Kokio an der Danziger Straße.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Dass mein Körper im Kokio das bekommen würde, was er verlangte, spürte ich instinktiv. Am Eingang wartete zwar keine Schlange, aber das obligatorische Schild: „Full house – please wait here to be seated“. Natürlich spricht man ausschließlich Englisch. Ich darf meinen Namen auf einem Blatt Papier am Stehpult-Empfang notieren. Es geht schneller als gedacht.

Drinnen sehe ich ausschließlich Menschen U30. Also Gäste, die Schnauzer und Haarschnitte tragen, die die Achtziger und Neunziger zitieren. Meist sitzen sie in kleineren Gruppen zusammen, gleich neben uns ein Tisch englischsprachiger Expats, die einen 25. Geburtstag feiern.

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Das Kokio ist optisch mehr Restaurant als Snackbude, doch die Karte bleibt strikt auf das Wesentliche konzentriert: verschiedene Varianten von frittierten Hühnchenteilen und ein paar Beilagen. Meine Tochter, die mich begleitet, bringt es auf den Punkt: „Mama, hier gibt es halt Essen für junge Leute, die denken, dass es gut ist, weil sie noch nicht wissen, was wirklich gutes Essen ist.“ Ja – stimmt das?

Als Vorspeise gibt es Gimmari, beliebte koreanische Streetfood-Snacks aus Glasnudeln, die in Seetang gewickelt, in Teig getaucht und goldbraun frittiert werden.

Als Vorspeise gibt es Gimmari, beliebte koreanische Streetfood-Snacks aus Glasnudeln, die in Seetang gewickelt, in Teig getaucht und goldbraun frittiert werden.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Tatsächlich frage ich mich schon länger, warum sich von der Vielfalt der koreanischen Küche fast ausschließlich diese Imbissgerichte so rasant ausgebreitet haben: Kimchi, Bibimbap und Chikin, wie man in Korea das Geflügel eingeenglischt nennt – man kommt in Berlin nicht mehr daran vorbei.

Dass frittiertes Huhn als koreanische Spezialität gilt, hat eine längere Geschichte. In den 1950er-Jahren brachten amerikanische GIs das Fried Chicken ins Land. Die koreanische Küche adaptierte den simplen Snack, verfeinerte ihn und passte ihn ans Landestypische an: Statt einer einheitlich hellbraunen Panade erfanden sie dafür eine erstaunliche Vielfalt an Marinaden. Die gängigste: eine Mischung aus Knoblauch, Ingwer, Honig, Sesamöl und Gochujang, der fermentierten koreanischen Chilipaste.

Unsere Kritikerin
Stephanie Steinkopf

Unsere Kritikerin

Groß geworden ist Tina Hüttl in Bayern und mit den perfekten Dampfnudeln ihrer Oma. Essen ist schon immer ihr Lebensthema gewesen, die Familie diskutierte beim Frühstück bereits das Mittagessen. Seit 2010 erkundet sie als Gastrokritikerin für ihre Kolumne in der Berliner Zeitung das kulinarische Berlin, seit 2018 ist sie Mitglied in der Jury „Berliner Meisterköche“. Neben ihrer Gastrokritik ist sie auch als Autorin, Radioreporterin, Podcasterin und Trainerin an Journalistenschulen aktiv.

Ein entscheidender Unterschied zur amerikanischen Variante liegt auch in der Zubereitung: In Korea wird das Hähnchen meist doppelt frittiert. Das sorgt für eine besonders knusprige Kruste, während das Fleisch saftig bleibt. Häufig wird es nach dem ersten Frittieren mariniert und nach dem zweiten Fettbad noch einmal mit einer der Marinaden glasiert.

In den 1970er-Jahren etablierte sich dann die legendäre Chimaek-Kombination aus Hähnchen und Bier. Den ultimativen Popularitätsschub bekam dieses kulinarische Duo während der Fußball-WM 2002 in Japan und Korea, als beim Public Viewing landesweit Hähnchen und Bier serviert wurden. Seitdem gilt Chimaek als sozialer Klassiker, der von Korea aus die Welt erobert hat.

Hähnchen und Bier – auch abseits von WM-Zeiten eine unschlagbare Kombi

Hähnchen und Bier – auch abseits von WM-Zeiten eine unschlagbare Kombi

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Natürlich bestelle auch ich ein Bier, ein besonderes, das es nur hier gibt: Yuzu-Radler. Das Heineken dafür kommt vom Fass, dann wird es mit Yuzu-Limonade gemischt. Großartig schmeckt das. Dazu teilen wir uns ein paar gebratene Dumplings: einmal BBQ-Beef, mit würzigem Hackfleisch gefüllt, einmal vegan mit Glasnudeln und Kartoffeln. Von der Form erinnern sie an japanische Gyoza. In beiden steckt reichlich Knoblauch und Ingwer, wie beim Koreaner zu erwarten. Nicht erwartet habe ich, dass sie offenbar selbstgemacht sind. Die Vorspeise überrascht schon mal positiv.

Es dominieren Kruste und Frittierfett

Dann der Hauptdarsteller: das frittierte Hähnchen. Wir bestellen die Boneless-for-two-Portion: zwölf Stück ausgelöste Hähnchenschenkel mit zwei Soßen. Eigentlich wollte ich die Version mit Knochen, doch die ist kurz nach 19.30 Uhr bereits ausverkauft.

Als Dips wählen wir Sweet Chili – mit koreanischer Chilipaste, mild-scharf und süßlich – sowie den Spicy Sour Dip. Beide Soßen sind allerdings deutlich süßer, als ich es erwartet hätte. Die angekündigte Säure oder Schärfe bleibt im dickflüssigen Sirup eher im Hintergrund.

Die Hühnchenteile sehen gut aus, schade jedoch: Ich habe sie mir viel knuspriger vorgestellt, obwohl wir die Soßen extra separat bestellt haben, damit die Kruste nicht durchweicht. Zwar ist das Fleisch saftig, aber geschmacklich bleibt das helle Fleisch sehr beliebig, während die Kruste und das Frittierfett dominieren.

Hier kommt man her, wenn man die Neunzigerjahre nicht selbst erlebt hat.

Hier kommt man her, wenn man die Neunzigerjahre nicht selbst erlebt hat.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Mich als Food-Snob stört auch der deutlich wahrnehmbare Geschmack des Frittieröls. Ebenso bei den Pommes, die zum Hühnchen serviert werden. Ihre Textur ist knusprig, nicht übermäßig fettig und kaum gewürzt – was bei guten Kartoffeln eigentlich ideal wäre. Am Ende bleibt jedoch der Eindruck des Öls hängen.

Zum Vergleich bestellen wir noch das Oven Roasted Half Chicken, das ohne Panade und dafür mit Coleslaw und einem Dip serviert wird: Seine mit einer Hausmischung gewürzte Haut ist knusprig, innen fließt noch etwas Saft. Doch unweigerlich vergleiche ich es geschmacklich mit dem BRLO‑Kikok-Huhn, das ich kürzlich an einem Sonntagnachmittag im KaDeWe gegessen habe. Kein Vergleich, wie gut dieses war.

Kikok ist bekannt dafür, seine Hühner langsamer wachsen zu lassen, mit gentechnikfreiem Futter und ohne Antibiotika aufzuziehen. Das halbe BRLO-Huhn war prall, saftig, aromatisch – die Würze überdeckte das natürliche Aroma des Fleisches nicht, das sich sanft vom Knochen löste. Jetzt im Kokio muss ich eher am Fleisch ziehen, damit es abgeht. Und meine Soy-Garlic-Sauce lasse ich fast unangetastet, weil auch hier wieder viel zu viel Zucker die Oberhand behält.

Das Dessert Duzzonku ist an den Dubaischokoladen-Trend angelehnt.

Das Dessert Duzzonku ist an den Dubaischokoladen-Trend angelehnt.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Wie fühle ich mich danach? Wie ein Opfer meiner eigenen Gelüste – und ein wenig zu alt fürs Kokio. Das sagt mir auch der Dubai-Chewy-Cookie, den wir abschließend bestellen und der laut Karte „derzeit zu den angesagtesten Dessert-Trends in Korea gehört“.

Es ist ein äußerlich mit Kakaopulver umhüllter Schoko-Marshmallow, der von der Konsistenz her wie einmal geschmolzen und wieder zusammengepresst scheint. Innen warten ein paar Kadayif-Teigfäden und etwas kaugummiartige Pistaziencreme.

Sechs Euro kostet dieses winzige Bällchen. Dafür esse ich lieber zwei Passionsfrucht-Schokoganache-Macarons bei Du Bonheur. Und fürs Hühnchen gehe ich demnächst wieder zu BRLO Chicken & Beer.


Kokio Hähnchenrestaurant. Danziger Str. 20, 10435 Berlin, Mo–Sa 16 bis 23.30 Uhr, So 16–23 Uhr, [email protected], www.kokioberlin.com

Vorspeisen & Beilagen: 3,80 bis 15,50 Euro, Chicken-Gerichte 13 bis 14,50 Euro, Set-Menüs von 27,50 bis 75 Euro, Dessert 6 bis 6,50 Euro

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