So könnte sie sich manchmal gefühlt haben, in den letzten Monaten: allein, wie ein Kind ohne Mutter. "Sometimes I feel like a motherless child" singt Angelika Weiz am Sonntagabend auf der Studio-Bühne des Maxim Gorki Theaters. Dies ist der Abend für eine andere, für Jenny Gröllmann. Für die Schauspielerin, die an diesem Theater 26 Jahre lang Mitglied des Ensembles war. Die Anfang August ihrem Krebsleiden erlag, und die am Ende ihres Lebens alles andere als den Frieden hatte, den ihr an diesem Abend der Richter, Buchautor und Theaterliebhaber Rüdiger Warnstädt wünscht: "Ewigen Frieden, in unseren Köpfen und in unseren Herzen."Es ist voll geworden im kleinen und heißen Raum der Studiobühne. Im Publikum sitzen Freunde, alte Bekannte, vielleicht auch solche, die ein letztes Mal Solidarität zeigen wollen. Die nochmal Position beziehen wollen in dem Streit, der in den letzten Monaten Jenny Gröllmanns Kräfte zehrte.Der Schauspieler Ulrich Mühe, mit dem Gröllmann bis 1990 verheiratet war, hatte ihr vor dem Start des Stasi-Filmes "Das Leben der Anderen" eine Tätigkeit als IM der Staatssicherheit unterstellt, sie hatte ihm das gerichtlich untersagen lassen. Ein PR-Coup? "Ein Menschenschicksal als Bestandteil einer Medienkampagne", schrieb der Journalist Peter Pragal in einem Text, der vorgelesen wird im Theater. Pragal prangert die Sensationsgier der Medien an und die ungeprüfte Übernahme vermeintlich sicherer Fakten aus Stasi-Akten an. Den Kampf gegen die Krankheit habe sie verloren, heißt es über Gröllmann, aber "den Kampf um ihre Ehre hat sie gewonnen".Vor diesem Hintergrund, diesem letzten Kampf Gröllmanns um den eigenen Namen, steht zwangsläufig das Programm: Lieder, Theatertexte, Performances, Ausschnitte aus ihren Filmen. Der Streit steht im Raum, wenn Gröllmann und Mühes Tochter Anna Maria Mühe aus dem kritischen Bericht einer DDR-Institution aus den Sechzigerjahren vorliest, ihre Mutter habe "wenig Ehrgeiz, sich gesellschaftliches Wissen anzueignen".Mühe ist mitgedacht, wenn Gröllmann in einem Filmausschnitt sagt: "Ich kann nicht leiden, wenn einer ruft: Heiraten oder ich schieße." Und selbstredend ist eine wunderbare Liebesszene zwischen Mühe und Gröllmann aus dem Hölderlin-Film "Hälfte des Lebens" in anderes Licht getaucht, wenn er fragt: "Du weinst?" Und sie antwortet: "Ich lache. Mein ganzer Leib lacht." Selbst ihrem Tod gibt Gröllmann an diesem Abend eigenhändig ein Bild. In einem der Filmausschnitte, sie ist schon älter und möglicherweise so krank wie ihre Rolle, entschläft sie in den Armen eines heimgekehrten Sohnes.Im allerletzten Ausschnitt ist eine überraschende Jenny Gröllmann zu sehen. Es ist ein privates Video, sie rezitiert das Gedicht "Irrtümer", in dem eine Maus einer Katze entwischt. Die Maus ist himmelblau, das irritiert die Katze so, dass sie ablässt. Ein albernes Gedicht darüber, wie absurd es zugeht im Leben. Gröllmann spricht es mit einem Lächeln in die Kamera, und ihre Lippen leuchten rot dabei.------------------------------"Jenny Gröllmann wünsche ich ewigen Frieden." R. Warnstädt, Theaterfreund------------------------------Foto: Bilder eines Lebens: Das Maxim Gorki Theater zeigte gestern Ausschnitte aus den Filmen der im August verstorbenen Schauspielerin Jenny Gröllmann.
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