Unzählige Taxifahrten, immer dieselbe Herkunftsfrage. Erzählen möchte unsere Kolumnistin am liebsten von Litauen. Hier tut sie es.
Ich sitze mit leichtem Schwindel im Taxi auf dem Weg zum Geburtstagsdinner einer Freundin in Berlin-Mitte. Ich hasse es, Taxi zu fahren, und vermeide es die meiste Zeit, weil ich a) auf Rücksitzen von Autos fast immer reisekrank werde und b) versuche, die Wahrscheinlichkeit einer ganz bestimmten Situation zu reduzieren.
Heute geht es nicht anders, denn Autofahren wäre bei meinem späteren, sicherlich ausgiebigen Alkoholkonsum unweise und illegal. Und ich habe zu schicke Schuhe an, als dass ich riskieren würde, dass sich heute noch jemand in der U-Bahn auf ihnen übergibt.
Also sitze ich da, mit etwas Magensäure im Hals und leicht nervös, weil der Name des Taxifahrers, der mir beim Bestellen in der App sofort aufgefallen war, vermuten lässt, dass ich mich heute mal wieder dieser Konversation aussetzen müsste, die ich eigentlich so vehement vermeide.
„Ich weiß, dass es gleich kommt“
Der Taxifahrer schielt mich durch den Rückspiegel an und scannt, wie erwartet, erst einmal meine Nase, dann meine etwas nah zusammenstehenden Augen und schließlich den auffällig geringen Abstand zwischen meiner Nasenspitze und meiner Oberlippe. Auch mein Blick auf seine Nase, seinen säuberlich getrimmten Schnauzbart, wie er hörbar sanft seine Os ausspricht und wie er an jede Silbe ein E anhängt, sagt mir alles, was ich wissen muss.
Unsere Kolumnistin fährt ungern Taxi. Aus zwei Gründen – und nur einer ist die Reisekrankheit.
© Sabine Zoltnere für EST.
Ich weiß, dass es gleich kommt. „Sag mal, wo kommst du her?“
„Aus Hamburg!“, sage ich – mein kläglicher Versuch, der offensichtlichen Richtung des Gesprächs zu entfliehen.
„Ah, okay.“ Der Taxifahrer blinzelt irritiert. „Und deine Eltern?“
Ich kann jetzt nichts mehr machen, da muss ich jetzt durch.
„Meine Mutter kommt aus Litauen und mein Vater aus dem Iran“, nuschle ich ergeben.
„Iraaan! Ich komme auch aus dem Iran!“
Ich weiß, denke ich mir. Denn obwohl ich dir gleich beichten muss, dass ich nicht mit der iranischen Kultur aufgewachsen bin, ist mir – wie auch dir – das Gen in die Wiege gelegt worden, eine iranischstämmige Person aus fünf Kilometern Entfernung erkennen zu können.
Er fängt an, enthusiastisch auf Farsi zu sprechen – eine wunderschön klingende Sprache. Ich lasse ihn ein paar Sekunden weiterreden, denn er scheint Spaß zu haben, und lächle dann entschuldigend.
„Sorry, ich spreche kein Farsi. Aber ich spreche Litau-“
„Wieso sprichst du kein Farsi? Das ist soo schade!“, unterbricht er mich.
Dass ich eine andere Fremdsprache, Litauisch, spreche, ist für ihn offenbar kein ausreichendes Argument, seine Enttäuschung über meine fehlenden Farsi-Kenntnisse herunterzuschrauben.
„Na ja, aber ich spreche Litauisch, meine Mutter kommt aus Litauen!“, erwidere ich bittend.
„Du musst wirklich Farsi lernen, das musst du als Iranerin können!“
Genauso gut hätte ich ihm sagen können, dass ich Löffelsprache beherrsche.
„Mein Vater hat es mir nicht beigebracht, weil –“
„Dann soll er dir das doch beibringen, du musst doch deine Sprache sprechen können!“
Mein Moment ist gekommen, und ich sehne mich nach der gleich auf mich zukommenden plötzlichen Stille.
„Mein Vater ist tot.“
„Ein bisschen schlecht fühle ich mich, aber vielleicht ist das auch nur die Reisekrankheit.“
Der Taxifahrer, dessen Blick mich bis eben noch mit Enttäuschung durch den Rückspiegel durchbohrt hatte, scheint nun kurz entsetzt, dann beschämt. Er wendet den Blick von mir ab, nuschelt eine kleine Entschuldigung und umfährt in letzter Sekunde einen Kleintransporter, den er gerade fast gestreift hätte.
Ein bisschen schlecht fühle ich mich, aber vielleicht ist das auch nur die Reisekrankheit. Jetzt, wo den Rest der Fahrt eine unangenehme Stille garantiert ist, kann ich mich meinen Gedanken hingeben.
Pati Valpati erkennt Iraner auf fünf Kilometer Entfernung. Das beruht auf Gegenseitigkeit.
© Sabine Zoltnere für EST.
Ich habe dieses Gespräch schon fast exakt so hunderte Male geführt, auch außerhalb von Taxis. Nur erhöht sich die Wahrscheinlichkeit dieses Gesprächs während einer Taxifahrt in Berlin enorm – durch den Umstand, dass viele Iraner in den 90er-Jahren aufgrund politischer Verfolgung nach Deutschland geflohen sind und auf Jobs wie das Taxifahren ausweichen mussten, weil ihre Abschlüsse – egal ob in Medizin, Jura oder etwas völlig anderem – in Deutschland nicht anerkannt wurden.
Hinzu kommt, dass man während eines Arbeitsalltags auf den vollgestopften Straßen Berlins wohl auch nur eine begrenzte Anzahl interessanter Gespräche führt. Und ich finde ja auch: Der Versuch, durch potenziell gemeinsame Wurzeln zwischenmenschliche Verbindung zu schaffen, ist nicht nur naheliegend, sondern auch legitim. Auch ich mache das gerne. Oder zumindest versuche ich es, denn die Kultur und Sprache, mit denen ich Leuten gerne die Ohren vollquatsche, umfassen leider nur circa drei Millionen Teilnehmer.
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Ich bin jedenfalls in der Vergangenheit alle Optionen durchgegangen, wie ich das abrupte und für das Gegenüber meist unangenehme Ende dieser Konversation umschiffen könnte.
Nicht, weil der Tod meines Vaters für mich ein zu sensibles Thema ist oder weil ich mich dafür schäme, kein Farsi sprechen zu können (die Schuld sehe ich nicht bei mir), sondern weil auch ich eigentlich sehr gerne mit Fremden plaudere und gerne mal abgleiche, was wir unwahrscheinlicherweise so gemeinsam haben könnten.
Aber alle Alternativen scheitern daran, dass bisher niemand – wirklich niemand – während eines solchen Dialogs einmal die Abzweigung genommen hat, vielleicht doch zuzuhören oder nachzuhaken, wenn ich versuche, meine litauischen Wurzeln ins Gespräch einzubringen. Ich rede sehr gerne über Litauen! Ich kann zu diesem Teil meiner DNA sogar viel mehr sagen als zu der anderen Hälfte (ich sehe die Schuld immer noch nicht bei mir).
Dadurch, dass Litauisch meine erste Sprache war und meine Mutter sichergestellt hat, mich durch meine Kindheit hindurch und auch bis heute noch pausenlos mit litauischen Traditionen und Kultur zu beschallen, ist meine litauische Hälfte mehr als DNA – sie ist Identität. Aber kann ich es Leuten wirklich zum Vorwurf machen, dass sie nichts mit dem Land Litauen anfangen können, geschweige denn mit der Kultur? Gut, meiner Grundschullehrerin, die im Stuhlkreis nach den Sommerferien entsetzt fragte, wo Litauen denn bitte liegen solle, weil sie noch nie von diesem Land gehört habe, vielleicht schon.
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Günstiger Wodka, gutes Bier, viele Autodiebe, schöne Frauen und große Männer
Im Gegensatz zu ihr können die meisten Menschen Litauen zumindest in der Nähe von Polen verorten. Vor nicht allzu langer Zeit lernte ich bei einem Mittagessen die Mutter eines Freundes kennen, der ich auf Nachfrage von meinen litauischen Wurzeln erzählte und die darauf erwiderte, alles, was sie mit Litauen assoziiere, sei, dass der französische Rocksänger Bertrand Cantat 2003 seine damalige Freundin in einem Hotelzimmer in der Landeshauptstadt Vilnius umgebracht habe. Sie ließ sich den Rest des Mittagessens nicht davon abhalten, detailliert über den Mord zu plaudern, und zeigte keinerlei Interesse daran, irgendetwas darüber hinaus über Litauen zu erfahren.
Ansonsten sind die einzigen Fakten, die im Allgemeinwissen von Europäern außerhalb Osteuropas über Litauen verankert sind, dass es dort günstigen Wodka, gutes Bier, viele Autodiebe, schöne Frauen und große Männer gibt, dass alles sehr günstig ist und dass dort Russisch gesprochen wird. Letzteres stimmt nicht einmal. Der Rest schon.
Wenn jemand einmal die Gesprächsabzweigung in Richtung Litauen nehmen würde, würde ich dem gerne hinzufügen, dass Litauer erstaunlich großen Wert auf märchenhaftes Lebensmittel-Produktdesign legen und dass überraschend viele außergewöhnliche Chipssorten in Litauen produziert werden – nicht zuletzt Chips der Marke CHAZZ mit „Pussy-“ und „Dick-Flavour“.
Manchmal ist litauisches Fluchen der eleganteste Abschied.
© Sabīne Zoltnere für EST.
Ich würde erzählen, dass man hölzerne Kochlöffel, für die man im Berliner Skandi-Laden locker mal 25 Euro hinblättern müsste, in Litauen nicht nur für einen deutlich erschwinglicheren Preis nachgeschmissen bekommt, sondern dass man diese und weiteres Kunsthandwerk in endlosen, verschnörkelten Ausführungen findet. Ich würde stolz vom litauischen Nationalsport Basketball berichten und davon, wie viele internationale Spitzensportler das Land des hochprozentigen Honigweins und der kalten Rote-Bete-Suppe schon hervorgebracht hat.
Ich würde betonen, dass man in litauischen Basketballstadien nicht wie andernorts Bockwurst und Nachos snackt, sondern in den Genuss kommt, frittierte Schwarzbrotsticks mit Knoblauch und Käse-Mayonnaise-Soße zu verdrücken, während man seine liebste lokale Basketballmannschaft mit Knoblauchatem und Krümeln auf dem gelb-grün-roten Trikot anfeuert (meine Oma war großer Žalgiris-Kaunas-Fan). Ich würde herumwitzeln, dass litauische Frauen entweder aussehen, als wären sie frisch vom Laufsteg gepflückt, oder als seien sie aus einer Pilzfabrik entlaufene Wichtel – und nichts dazwischen.
Ich würde vom Bobturgis („Weiber-Markt“) am Frauenstrand in Palanga an der Küste Litauens schwärmen – einem sehr inoffiziellen Unterwäschebasar, der jedes Jahr während der Sommersaison von alten, nackten Omas organisiert wird und auf dem ich damals (auch nackt) meinen ersten Push-up-BH und den dazu passenden ersten Tanga gekauft habe.
Ich würde damit angeben, dass Litauisch als die dem Sanskrit am nächsten liegende lebende Sprache gilt und dass man mit dem Füllwort „Nū“, das je nach Betonung und Kontext seine Bedeutung verändert, eine ganze Konversation führen kann (mögliche Bedeutungen: „Ja“, „Hallo“, „Ich höre zu“, „Trotzdem“, „Erst recht“, Betonung der Schwere des nachfolgenden Wortes, Zustimmung, Ablehnung, Einsicht einer Schuldzuweisung, Beenden eines Gesprächs).
Dessertkäse mit Gelatinefenstern – nur eine der vielen Qualitäten Litauens
Ich würde anmerken, dass Litauen nicht nur das Zuhause einer großen Auswahl extrem guter Suppen ist, sondern auch Ursprungsort einer beachtlichen Anzahl unkonventioneller Käsesorten: Der litauische Käsehorizont erstreckt sich von traditionellem Apfelkäse über dreieckigen Quarkkäse in allen Kräuter- und Gewürzvariationen und getrockneten Käse mit Kümmel und 38 Gramm Protein pro hundert Gramm bis hin zu süßem Dessertkäse mit kleinen Gelatinefenstern – eine genießerische Unendlichkeit.
Ich würde etwas über litauischen 2000er-Bimbo-Pop lästern, für den ich mich früher irgendwie geschämt habe, von dem ich inzwischen aber glaube, dass er nur einen Börsencrash davon entfernt ist, wieder in zu sein.
Ich würde hinzufügen, dass meine Mutter bestimmt mit mir meckern würde, weil ich alle wirklich kulturell und historisch relevanten Dinge weggelassen hätte, und dass ich doch bitte immer miterzählen solle, dass –
„Ist die Ecke hier gut?“, reißt mich der Taxifahrer aus meinen Gedanken.
Wir sind an meinem Ziel angekommen: einem französischen Bistro mit leckerer Zwiebelsuppe und koksenthusiastischen Kellnern in Berlin-Mitte.
„Äh, ja, ist super. Ich zahl dann per App, ja?“, antworte ich ihm etwas zerstreut.
„Alles klar“, entgegnet er mir. „Khodahafez!“
Ich lächle – vor allem, weil meine Gedanken noch um den litauischen Käse kreisen.
„Jūs vairuojate visiškai šūdinai!“, verabschiede ich mich, wohlwissend, dass gerade nur circa drei Millionen Menschen auf der Welt meine litauische Frechheit verraten könnten.
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