Kommt ein Fahrrad geflogen

Renate Rauch
4 Min

Wie kam das Fahrrad auf den Kopf des Polizisten? Die Frage interessiert alle, die Richterin, die Staatsanwältin, die Verteidigerin und den Angeklagten selbst, einen eher zierlichen jungen Mann von 1,70 Metern. Er sagt, er sei gestoßen worden und hingefallen mit seinem BMX-Rad, das er vor der Brust trug oder geschultert, weil die Menschenmassen so schoben und drängelten. Ich bin sicher, dass ich dabei keinen Polizisten getroffen habe, sagt er, wenn, dann einen Demonstranten. Aus dem Munde der Staatsanwältin hört es sich anders an, als wäre das Fahrrad in hohem Bogen geworfen worden. Nicht an, sondern auf den Kopf des Polizisten. Der um Kopfeslänge größer ist als der Angeklagte.Es war der 9. Juni 2007, in Berlin wurde zum letzten Mal gegen die Polizeigewalt beim G8-Gipfel von Heiligendamm demonstriert, am Hackeschen Markt ging es los. Am Rosenthaler Platz, an der Ecke mit der Apotheke, wollten Andre und sein Freund Fabian in Richtung Weinbergsweg ausscheren. Aber sie wurden nicht durchgelassen, überall standen Polizeiketten.Sie fanden sich eingekeilt zwischen Demonstranten und Polizisten. Ein Teil der Menge krabbelte am Boden, machte eine Performance, eine Art Entengang, wo jeder die Haxen des Vordermannes fasst. Andre nahm sein BMX hoch. Fabian arbeitete sich vor ihm durch die Menge. Auf einmal, sagt er, lag das Fahrrad auf der Fahrbahn und Andre ebenso, sechs Beamte drauf und drumherum, die ihn fixierten.Daran kann Andre sich nicht erinnern, alles bewegte sich, sagt er, ich wurde gestoßen und fiel um. Blackout. Er sei erst auf der Wache zu sich gekommen, selbst von der Blutprobe weiß er nichts, sie ergab rückgerechnet 1,83 Promille. Er hatte auch einen Joint geraucht, er sagt, er mache das nicht oft und es beruhige ihn.Andre glaubt, er habe eine Gehirnerschütterung gehabt, Unwohlsein, Wirrwarr im Kopf, er schloss sich zwei Tage in seinem Zimmer ein, aß nicht. Vier Tage nach der Demo machte er seine Gesellenprüfung als Maler und Lackierer. Ich bin gerade so durchgekommen, sagt er.Der vom Fahrrad getroffene Polizist hat den Abwurf nicht gesehen: Ich habe woanders hingeguckt, dann sah ich, wie das Fahrrad angeflogen kam.Was haben Sie empfunden, als Sie das Fahrrad auf den Kopf kriegten?, fragt die Richterin. Tja, was habe ich empfunden?, fragt der Polizist zurück und fasst sich an den Nacken. Der Helm hat den Stoß abgefangen, aber im Genick war es wie ein Schleudertrauma.Der zweite Polizist berichtet: Als ich sah, wie er das Fahrrad schmiss, ergriff ich mit beiden Händen seinen Kopf und brachte ihn zu Boden, ich fiel mit. Er schlug mit Fäusten in meinen Bauch. Ich brach seinen Widerstand durch Faustschläge in seine Rippen.Wie wurde er zu Boden gebracht?, fragt die Richterin. Ist er da aufgeknallt mit dem Kopf?Ja, so war es, bestätigt der Polizist.Wie der Angeklagte das Fahrrad gehalten hat, vor der Brust oder über dem Kopf, kann er nicht sagen. Dass er mit Absicht gehandelt hat, will er nicht behaupten. Sie können ja in die Köpfe nicht reingucken, sagt er. Wenn der Abstand fünf Meter beträgt und ein Fahrrad kommt geflogen, ist es eindeutig. Aber bei einem Meter . Gesichert ist allein die Erkenntnis, dass es nicht von alleine fliegt.Der Angeklagte sagt, es sei nicht seine Art, ein Fahrrad zu werfen. Das BMX wiegt dreizehn Kilo. Er liebt es, es ist sein Hobby, er fährt damit auch Halfpipe. Die Stimmung am Rosenthaler Platz war nicht aggressiv. Er sei seither mehrmals auf Demonstrationen gewesen, es liege nichts gegen ihn vor.Die Richterin glaubt den Polizeibeamten. Sie hält das Eingeständnis des zweiten, er selber habe Andre nach dem Fahrradwurf zu Boden gebracht, für ausschlaggebend. Folglich könne die Aussage des Angeklagten nicht stimmen, er sei geschubst worden und gestürzt. Sie verurteilt Andre W. wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Widerstand zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten mit Bewährung, die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre.Das Fahrrad, übrigens, ist spurlos verschwunden. Fabian sah, wie es in ein Polizeiauto geladen wurde. Die beiden Beamten behaupten, sie hätten das Tatwerkzeug gesucht, aber nicht gefunden. Etwas Schwund ist immer.

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