Am Sonnabend führte das WDR-Sinfonieorchester in der Philharmonie im Rahmen des Musikfestes Berlin eine Partitur zum ersten Mal auf, die 80 Jahre lang in einem Schrank gelegen hatte, im Schrank von Olivier Messiaen und seiner Frau Yvonne Loriod.
Während er als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gilt, hatte sie bislang einen Namen als Ausnahme-Pianistin – die Partitur indes hatte sie geschrieben, 1945, mit 21 Jahren als Studentin ihres späteren Mannes, und wer die katholisch-mystischen Ekstasen ihres Gatten schon für extrem hielt, wird hier noch einmal anders über Extreme und Ekstasen nachzudenken haben.
Das transformative Potenzial des Blicks
Yvonne Loriods „La Sainte Face“, das Heilige Antlitz, ist eine 100 Minuten währendes, mystisches Exerzitium. Das Werk versenkt sich in den Anblick des „Turiner Grabtuchs“, den angeblichen Abdruck des Gesichtes Christi, und meditiert in 14 Sätzen – wohl nicht zufällig die Zahl der katholischen Kreuzweg-Stationen – über dessen Wunden, dessen Ausdruck.
Kent Nagano dirigierte die Aufführung
© Christian Charisius/dpa
Der Vergleich mit Dieterich Buxtehudes sieben geistlichen Konzerten über den Leib des Gekreuzigten, die „Membra Jesu Nostri“, liegt nahe, aber dichtere Zusammenhänge ergeben sich mit den französischen Mystikerinnen jener Zeit, mit der 1907 gestorbenen stigmatisierten Nonne Marie-Marthe Chambon, mit Marthe Robin, die ab 1930, mit 28 Jahren zum ersten Mal die Wundmale des Gekreuzigten am eigenen Körper erlitt, und natürlich mit der unglaublichen, 1943 gestorbenen Simone Weil, die das „ungeahnte, transformative Potenzial“ des Blicks beschreibt, „der die Seele von allem eigenen Inhalt leert, um in sich das Wesen des anderen aufzunehmen“.
Musik von Mund, Nase, Augenlidern
Loriod stellt ein Trio aus meist vokalisierendem Sopran, Flöte und Harfe in den Mittelpunkt eines sehr besonderen Ensembles, das in wechselnden Formationen an den 14 Stationen beteiligt ist – fast unausgesetzt durchziehen die Linien der Stimmer und der Instrumente die Sätze, die von Mund, Nase, Augenlidern, Augenbrauen, Stirn, Haaren handeln.
Auf diese Weise singt Sarah Aristidou eine Partie, die vermutlich umfangreicher ist als jede Wagner-Rolle, und sie singt mit nahezu ermüdungsfreiem Sopran durch, ebenso präsent begleitet von Wendy Vo Wong Tri und Emily Hoile an Flöte und Harfe, und kann für die abschließende „Meditation über die Lilie“, in der sie endlich auch einen Text singen kann, noch expressiv steigern.
Das Gesicht des Friedens
Nach einigen sehr ähnlichen Sätzen beginnen sich die Kontraste zu vergrößern. Wenn „das Gesicht des Friedens, vom Wald der Haare umrahmt“ mit Glocken, Glöckchen und viel Schlagzeug beschrieben wird und danach und nach einer Stunde struppig-frei dissonanter Polyphonie die nahezu solistischen Ondes Martenot die Finsternis der Sterbestunde suggerieren, ist er am größten.
Überall ahnt man den Einfluss Messiaens, ob in der Verwendung der Ondes Martenot, ob in den poetischen Satzüberschriften, die sich auch in seinen Zyklen finden. Doch nicht nur hat Messiaen selbst zwar Zyklen über die Geburt und die Himmelfahrt Christi, über Pfingsten und das Abendmahl geschrieben, aber nie über die Passion; Loriods Musik klingt auch kaum je nach ihrem Lehrer, am ehesten noch in den ekstatisch bimmelnden Passagen mit ihren Anklängen an ein imaginäres Indien.
„La Sainte Face“ hören, heißt einer musikalischen Zungenrede zu lauschen, die mit Messiaens hochrationaler Technik nichts zu tun hat. Hatte Messiaen seinen Stil spätestens mit 20 Jahren gefunden, hat „La Sainte Face“ eigentlich noch keinen Stil, sondern sucht die inneren Bilder, nach Weil „das Wesen des anderen“, mit größter Unmittelbarkeit, also „von allem eigenen Inhalt entleert“, umzusetzen – und wenn sie dazu einmal eine extreme Besetzung wie sieben Flöten benötigt, die in sprudelnden Figuren „die glückliche und weiche Welt des Haarschopfs“ heraufbeschwören, während die Ondes Martenot mit rotzenden Tönen „Unrat herabprasseln“ lässt – wie herrlich radikal ist die Besetzungsidee, wie wunderbar naiv das musikalische Bild.
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Zuweilen wünschte man, die Komponistin hätte ihr Werk einmal hören und überarbeiten können, um etwa den Sopran ein wenig zu schonen mit Pausen und leiserer Begleitung – aber dann wäre es nicht mehr so glutheiß aus dem Ofen gekommen, wie es nun, 80 Jahre nach seiner Entstehung, vor unseren Ohren erklingt, so fremd, so wild, so einzigartig. „La Sainte Face“ ist in höchstem Maße sperrig, der aufregende Versuch eines jungen Menschen, alles zu geben und sich nicht zu bewahren.
Das ist, trotz zuweilen ergreifender Schönheit plötzlich ungetrübt modaler Tonalität, keinesfalls angenehm – und gar nicht so wenige Menschen verließen während der Aufführung den Saal, überfordert von einer meditativen Unbedingtheit, die das Gegenteil von Weillness ist. Kent Nagano, früher ein enger Freund Loriods und Messiaens, leitete diese besondere Uraufführung mit Ruhe und Umsicht.
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