Der Abend begann mit einer Überraschung. Das erste Lied der Onkelz wurde nicht von den Onkelz gespielt. Sondern von Pro-Pain, einer New Yorker Hardcore-Combo. Der Titel: Terpentin. Mega-Applaus und Gejohle, als die Vorband den Kultsong der Onkelz mit starkem Ami-Akzent röhrte. Und die richtige Einstimmung für die rund 50.000 Fans, die am Freitagabend in die Red Bull Arena gekommen waren.
Die Onkelz selbst hatten die Erwartungen mit einem Versprechen ordentlich in die Höhe geschraubt: „2026 wird etwas, das wir selbst kaum in Worte fassen können. Zum ersten Mal in über vier Jahrzehnten Onkelz spielen wir eine 360-Grad-Center Stage – mitten im Stadion, mitten unter euch. Diese Bühne ist mehr als nur ein Aufbau: Nah an euch dran, groß gedacht, technisch und visuell auf einem Level, das viele Stadien so noch nicht gesehen haben. Wir schreiben damit zusammen ein neues Kapitel Onkelz-Geschichte.“ Ein Spoiler sei gestattet, meine Damen und Herren: Die Onkelz haben ihr Versprechen gehalten. Der Auftritt der vier Jungs aus Frankfurt war next level. Und zwar in jeder Hinsicht.
Mal lauter, mal leiser, aber immer mit Herzblut
Eine Mega-Lichtshow, eine Bühne inmitten der Fans und über mehrere riesige LED-Screens mediales Entertainment, das mit feinsinnigen und teils sehr humorvoll abgestimmten Bildern, Videos und Effekten direkt in die Herzen des Publikums traf. Aber der Reihe nach.
Die Böhsen Onkelz in Leipzig in der Red Bull Arena.
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Ich habe die Band in den letzten Jahrzehnten schon in allerlei Locations erleben dürfen, und natürlich haben Auftritte in Kellerclubs vor 2000 Fans auch einen ganz besonderen Charme. Aber die Musiker Stephan Weidner, Matthias Gonzo Röhr, Kevin Russell, Peter Pe Schorowsky sowie am Keyboard der nicht mehr ganz so neue Neuling Vincent Röhr (der Sohn von Gonzo) schaffen es im Gegensatz zu vielen anderen Bands, dass auch in riesigen Stadien - wie eben jetzt in der Red Bull Arena in Leipzig - eine ganz persönliche und nahbare Atmosphäre herrscht. Von Anfang an singt das ganze Stadion die Lieder teils komplett mit. Mal lauter, mal leiser, aber immer mit Herzblut. Und wieder zu hören: „Ost, Ost, Ostdeutschland!“
Und überhaupt, das Publikum - es gibt nicht viele Bands, bei denen 16-Jährige und 35-Jährige und 50-Jährige und 75-Jährige „ihre“ Onkelz miteinander abfeiern, als gäbe es kein Morgen mehr. Wenn man mit Besuchern vor Ort spricht, trifft man auf ganze Familien, die in drei Generationen im Stadion sind: Oma und Opa, Sohn oder Tochter und dazu noch die Enkel-Generation. Und auch unabhängig vom Familienstatus sind die Fans in Leipzig auch sozial bunt gemischt: Man spricht mit Gerüstbauern, Investment-Managern, Polizisten, Hooligans, Arbeitslosen, Millionären, Lehrern, Spediteuren, Köchen, Landwirten und Club-Besitzern. Das Schöne: An diesem Abend in der Red Bull Arena sind alle gleich.
Musikalisch liefern die Onkelz dann auch genau das ab, was ihre Fans erwarten - ein Best of aus 40 Jahren Bandgeschichte. Einige Songs bekommen von Frontmann Stephan Weidner eine kurze Ankündigung, etwa das Lied „Leere Worte“, in dem es um „Zerstörung, Drogen, Absturz“ geht oder der Brecher „Ohne Mich“. Diesen Song teasert Weidner an, indem er von Freiheit spricht. „Unsere Freiheit gibt es nicht links, nicht rechts, ja nichtmal in der Mitte“, sagt Weidner ebenso nachdrücklich wie nachdenklich - und erhält donnernden Applaus.
„Fickt euch ins Knie, euch soll der Teufel holen“
Den Song selbst singt dann auch das ganze Stadion mit Inbrust mit - zunächst die erste Strophe, in der es heißt „Antifa, ihr könnt mich mal, ich lache über euch und ihr merkt es nicht mal(...) Ihr seid blinder als blind, Pseudomoralisten. Dumm und ignorant, nicht besser als Faschisten“. Und auch die zweite Strophe donnert in einem Chor aus zehntausenden Kehlen durch die Nacht: „Und hier ein paaar Worte an die rechte Adresse, leckt uns am Arsch, sonst gibt’s auf die Fresse. Ich hasse euch und eure blinden Parolen. Fickt euch ins Knie, euch soll der Teufel holen.“
Als der Song „Danke für Nichts“ angestimmt wird - dasselbe Spiel. Gefühlt jeder im Stadion singt den Song mit, der eine schonunglose Abrechnung mit der deutschen Medienlandschaft ist. Bei einem vergangenen Konzert kündigte Weidner das Lied auch schon mal mit einem deftigen „Danke für Nichts, ihr Fucker!“ an. Die Leipziger Volkszeitung bat im Vorfeld des jetzigen Konzerts einen Extremismusforscher zum Interview über die Onkelz. Eine der Fragen lautete prompt: „Kann man die Böhsen Onkelz ohne schlechtes Gewissen hören?“. Entsprechend aktuell ist es, wenn die Onkelz singen: „Komm und sag mir, was ich meine, komm und sag mir, wer ich bin, analysier mich, finde nichts, und bleib ein dummes Kind - haha!)“.
Unser Reporter mit dem aus Berlin angereisten Onkelz-Fan Roy K.
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Auch der Sender MTV, der die Böhsen Onkelz in der Vergangenheit täuschte und - man kann es nicht anders sagen - schäbig hinters Licht führte, bekommt sein Fett weg, als der Song „Keine Amnestie für MTV“ durch die Megaboxen der Red Bull Arena schallt: Auf den riesigen Screens läuft ein MTV-Logo, dass am Ende des Songs von einem Logo der Böhsen Onkelz im wahrsten Sinne des Wortes und unter tosendem Applaus plattgemacht wird.
Gänsehaut und Drogenvergangenheit
So hat an diesem Abend jedes Lied eine eigene Geschichte, die für höchst emotionale Momente sorgte. Für gute Laune, für Zorn, für nachdenkliche Momente, als Kevin Russell über seine Drogenvergangenheit sang und am Schluss lautstark rief: „Scheiss auf Drogen!!“, für Gänsehautmomente mit Lichtermeer bei „Nichts ist für die Ewigkeit“ und auch für einige echte Tränen im Publikum, als „Der Platz neben mir“ ertönte.
Es gehört zudem zur guten Tradition, dass Brecher wie „Auf gute Freunde“ gegen Ende des Abends für ein fulminantes Show-Finale sorgen. Für eines dieser Lieder gab es dieses Mal einen ganz besonders passenden Anlass. Wie Stephan Weidner es ausdrückte: „Es gibt Lieder, die altern. Und es gibt Lieder, die warten einfach auf die nächste Weltmeisterschaft - Mexiko!!!“
Und wie fasst man das alles jetzt in einem Satz zusammen? Nun, vielleicht ja ganz einfach so: Wir ham' noch lange nicht genug.
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