KANDAHAR. Kürzlich hing wieder einer dieser grünen Zettel im Dorf, dieses Mal klebte er an der Mauer der Haji Salam Moschee. "Wer mit den Ausländern arbeitet, wird sterben", lautete die Drohung. Der Ahmed Shah, 26, hatte zuvor einen ähnlichen Zettel an seinem Haus gefunden, in dem Ort Lowala, 25 Kilometer von der südafghanischen Stadt Kandahar entfernt. "Sie drohen mir, weil ich mit meinen Lastwagen für die Nato Nachschub transportiere", sagt Ahmed Shah. Sie, das sind die radikalislamischen Talibanmilizen.Dennoch - der junge Afghane ist gut auf die selbsternannten Gotteskrieger zu sprechen, und er erklärt warum: "Sie haben meinen Vater aus dem Gefängnis befreit", sagt Ahmed Shah, "er saß seit fünf Monaten hinter Gittern". Mit einem zufriedenen Lächeln fügt er hinzu: "Eine tolle Aktion." Sein Nachbar Niamad Ullah nickt begeistert. Die beiden Männer sprechen über eine der spektakulärsten Aktionen der Taliban. Mitte Juni stürmten ihre Milizen das Gefängnis in Kandahar, holten nach offiziellen Angaben 970 Gefangene - Insidern zufolge 1 800 - heraus und brachten sie mit Kleinbussen, Pickups und Motorrädern in Sicherheit. Um fünf Uhr morgens klingelte an jenem Tag das Mobiltelefon von Ahmed Shah. Ein Talibankämpfer meldete sich und dann war Ahmeds 65-jähriger Vater Agha Khan am Apparat. "Wir haben ihm geraten, nicht bei den Taliban zu bleiben und sich zu verstecken", erzählt Ahmed Shah. Denn Agha Khan wird Mord an einem Polizisten vorgeworfen.Unschuldig im Gefängnis"Agha Khan ist unschuldig", sagt dagegen Mohammed Ehsan, der Vizevorsitzende von Kandahars gewähltem Provinzrat. Er bestätigt die Aussagen der Familie. Unbekannte hatten demnach nachts versucht, in das Haus Agha Khans einzudringen. Sie schossen mit Kalaschnikows. Agha Khan verteidigte sich und die Seinen in der Dunkelheit mit einer Schrotflinte. Am Morgen nach dem versuchten Einbruch beschuldigte der lokale Polizeichef die Familie plötzlich, einen Polizisten erschossen zu haben und präsentierte die Leiche eines Kollegen. Der Mann war aber nicht mit einer Schrotflinte, sondern mit einer Kalaschnikow getötet worden, wie ein Mediziner später feststellte. Der lokale Polizeichef hatte sich zwar die Mühe gemacht, die Leiche in eine Polizeiuniform zu stecken, aber übersehen, dass die Jacke unversehrt war und kein Einschussloch aufwies."Trotzdem wurde Agha Khan zusammen mit fünf Söhnen festgenommen, darunter ein neunjähriger Junge", sagt Mohammed Ehsan, "die Söhne kamen nach einer Woche frei, aber Agha Khan landete im Zuchthaus." Unschuldig, wie der Provinzparlamentarier und die Verwandten beteuern. Kein Richter kümmerte sich um den Fall.Nun haben die Talibanmilizen das Problem der Familie gelöst. Agha Khan versteckt sich irgendwo in der Umgebung von Kandahar. Und Afghanistan ist um eine von unzähligen Anekdoten über Misswirtschaft, Korruption und Schlendrian reicher, die das Land langsam aber sicher in die Knie zwingen und die fundamentalistischen Gotteskrieger manchmal wie leuchtende Heilsbringer erscheinen lassen. "Ich will nicht, dass die Taliban zurückkehren", sagt Ahmed Shah, "sie waren zu streng. Aber so kann es doch nicht weitergehen."Die Angst geht um in Kandahar. Nicht nur wegen der Einschüchterungen der Taliban. Der "Khat", wie im Volksmund der Geheimdienst NDS genannt wird, bringt die Afghanen längst so zum Zittern wie unter der sowjetischen Besatzung. "Man wird unter dem Vorwurf verhaftet, man mache gemeinsame Sache mit den Taliban", beschreibt ein Mitglied der lokalen Menschenrechtskommission in Kandahar die Methoden des NDS, "dann wird Geld verlangt. Wer nicht zahlen kann, geht fünfzehn Jahre ins Gefängnis oder wird zu den Amerikanern nach Baghram geschickt. Wer Geld hat, kann sich freikaufen."17 Distrikte zählt die Provinz Kandahar, in jedem sind zwischen 90 und 100 Polizisten angestellt - auf dem Papier. Tatsächlich arbeiten nur 15 bis 20 Beamte in den Regionen. Das Einkommen der "Papierpolizisten" streichen ranghohe Beamte vor Ort ein. Kein Wunder also, dass die Taliban im Süden Afghanistans seit Jahren stärker werden und die Bewohner von Kandahar längst wie auf einer Insel leben. Die Macht der Regierung reicht gerade mal bis zehn Kilometer außerhalb der Stadt im Osten und zehn im Westen."Die Taliban sind nicht sehr stark", sagt Agha Laly Dastgirie, Chef der Versöhnungskommission in Kandahar, die versuchen soll, kriegsmüde Kämpfer auf die Seite der Regierung zu locken. "Aber die Regierung ist sehr schwach". Der Ex-Mudschaheddin, der gegen die Sowjets kämpfte, hat viel Zeit. In diesen Wochen sieht kein Taliban Anlass, die Seite zu wechseln. Dastgirie will gerade zu einer Erklärung ansetzen, als sich mit einem Piepsen die Klimaanlage abschaltet.In Kandahar ist wieder einmal der Strom ausgefallen. Seit 2002 wurden Milliarden in das Land gepumpt, um Sicherheitskräfte aufzubauen und einen gigantischen Luftstützpunkt für US-Truppen und Nato-Streitkräfte nahe der Stadt zu errichten. Aber es gab nicht genug Geld, um die zehn Dieselgeneratoren, die Kandahar Strom liefern sollen, in Stand zu halten. Sechs der Maschinen stehen still, die vier übrigen schaffen es gerade, einige Stadtteile täglich für ein paar Stunden zu versorgen."Wir brauchen Zeit", sagt in seinem schwer bewachten Haus Ahmed Wali Karsai, der 47 Jahre alte jüngere Bruder des afghanischen Regierungschefs. Knapp sieben Jahre nach der Vertreibung der Talibanmilizen plädiert er für noch mehr Geduld. Im Erdgeschoss seines Hauses im Zentrum von Kandahar warten etwa 50 Besucher. Es sind schweigsame Männer mit langen grauen Bärten und zerfurchten Gesichtern. Die meisten sind vom Paschtunen-Stamm der Popalzai, zu denen auch die Karsais gehören. Sie kommen zum kleinen Bruder des Präsidenten, um ihre Sorgen und Nöte vorzutragen. Selbst ihnen geht langsam die Geduld aus.Im Bemühen um die Loyalität der Stammesgenossen verschlimmert Ahmed Wali Karsai den Krieg im Süden mit zweifelhaften Entscheidungen. So schaffte er es vor zwei Jahren, das Dorf Pashmol im Zheri-Distrikt westlich von Kandahar komplett in die Arme der Taliban zu treiben. Karsai hatte einen neuen, zu seinem eigenen Stamm zählenden Distrikt-Chef ernannt. Der Mann ließ als erstes einen 107 Jahre alten Bewässerungskanal in Pashmol zuschütten, weil die lokalen Popalzai klagten, sie bekämen nichts von dem Wasser, der Kanal versorge nur Pashmol.Nach der Zerstörung der Bewässerungsanlage beschwerten sich die Bewohner von Pashmol, alle Angehörige des Paschtunen- Stamms der Noorzai. Zwei Untersuchungskommissionen kamen zu dem Schluss, dass der Distrikt-Chef vom Stamm der Popalzai unrechtmäßig vorgegangen sei. Doch Ahmed Wali Karsai unterschlug die Untersuchungsberichte. "Er wollte nicht gegen seine Stammesgenossen vorgehen", sagt ein Parlamentarier aus Kandahar. Die Folge ist, dass die Taliban in Pashmol Fuß gefasst haben. Weder afghanische Streitkräfte noch die Nato-Truppen können sie dauerhaft vertreiben."Ach, das Taliban-Problem ist doch vieler größer", winkt der jüngere Karsai ab, als er auf die Episode angesprochen wird, "es gibt regionale Spieler, die etwas gegen die Anwesenheit der Soldaten aus dem Westen hier in Afghanistan haben." Er meint damit vor allem den Nachbarn Pakistan, auf dessen Territorium sich die Taliban entlang der Grenze eine Ruhezone ertrotzt haben, in der sie sich halbwegs sicher fühlen können.Da afghanische Politiker grundsätzlich keine Verantwortung für eigenen Schlendrian und Misswirtschaft übernehmen, will auch Ahmed Wali Karsai nichts davon wissen, dass seine Entscheidungen zugunsten der Popalzai zum Erstarken der Taliban geführt haben. Der ISI, der pakistanische Geheimdienst, soll hinter allen Aktivitäten der Gotteskrieger stehen. Das jedenfalls versucht jeder, von Präsident Hamid Karsai bis zu den Provinzpolitikern in Kandahar, der Welt weiszumachen.Viele Afghanen wissen es besser. "Wir sind glücklich", sagt ein Mann aus Kajiki in der Helmand-Provinz, wo die Taliban herrschen. Vor über einem Jahr gab es dort heftige Kämpfe, weil Nato-Verbände versuchten, die Straße zu einem Staudamm freizukämpfen. Ein Großteil der Bevölkerung floh. Dann stoppte die Nato einfach den Versuch, die Straße zu erobern. Westliche Truppen beherrschen nun die Ufer des Stausees, der Nachschub kommt per Flugzeug. Und nur zehn Kilometer von den britischen Stellungen entfernt regieren die Taliban.Sie kontrollieren, wer Handys besitzt und regulieren den Einsatz der Satellitentelefone der Opiumhändler. "Wir dürfen zu Hause sogar leise Musik spielen", sagt der Mann aus Kajiki. Das ist ein Zugeständnis der Taliban, die wohl gelernt haben, dass ihr rigider Dogmatismus viele Sympathien gekostet hat. Musikläden sind in Kajiki aber nicht erlaubt. Und die Taliban kontrollieren, ob die Männer die Bärte wachsen lassen. "Bei Streitigkeiten werden die Mullahs konsultiert, und die meisten Entscheidungen auf Basis der Scharia werden akzeptiert", erzählt der Mann.Für viele Afghanen - wie etwa Agha Khan, der monatelang unschuldig im Gefängnis saß und von den Taliban befreit wurde - klingt das nach geregelten und und korruptionsfreien Verhältnissen.------------------------------Isaf gibt Posten aufEinen Außenposten der Amerikaner im Nordosten Afghanistans hat die Internationale Schutztruppe Isaf nach einem schweren Angriff der Taliban aufgelöst. Die US-Soldaten verließen am Dienstagabend den kurz zuvor errichteten Posten nahe der pakistanischen Grenze, wie ein Nato-Sprecher gestern mitteilte.200 schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer hatten dort am Sonntag neun US-Soldaten getötet. Aufständische besetzten nach dem Abzug die Ortschaft Wanat in der Provinz Nuristan. Im Grenzgebiet zu Pakistan wurden in der Nacht zu Mittwoch bei schweren Gefechten nach Regierungsangaben mehr als 150 Taliban getötet.Präsident Hamid Karsai entließ gestern Generalstaatsanwalt Abdul Dschabar Sabet, der gegen ihn bei den Präsidentschaftswahlen 2009 antreten will. Ein Minister müsse unparteiisch sein, erklärte Karsai. Sabet warf Karsai vor, ihn nicht in seinem Kampf gegen korrupte Gouverneure unterstützt zu haben.------------------------------Karte: Afghanistan------------------------------Foto: Stand mit Musikkassetten in Kandahar. Die Taliban verbieten so etwas.Foto: Afghanische Soldaten suchen an einem Checkpoint nach denen, die im Juni von den Taliban aus dem Gefängnis in Kandahar befreit wurden.
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