Eine echte Dame, zumal wenn von Adel, begibt sich in die Obhut ihrer Zofe, ihres Coiffeurs und wählt ein passendes Kleid, bevor sie sich zu einem Rendezvous chauffieren lässt. Zuvor wird das Fräulein mit der Frau Mama die taktische Marschroute für die Begegnung festlegen: Hat er Geld? Oder Einfluss, oder gar beides? Wenn man aber trotz mütterlicher Bemühungen keine Hofdame ist und auch keine werden will, wenn man die Verwandten zu Stirnrunzeln bringt, wenn man auf sein Herz hören will statt auf die Etikette - nur dann wird das Leben der Dame vielleicht 150 Jahre später verfilmt.Wenn man zudem eine Schwester hatte, die ein ebenso unverdorbenes Madl war, bevor sie den Kaiser von Österreich heiratete, steigen die Chancen. Wie bei Sophie von Bayern. Das Leben ihrer großen Schwester Elisabeth, Sisi, wurde in drei opulenten Kostümschinken dargestellt. Von 1955 bis 1957 brachte der Regisseur Franz Marischka mit "Sissi", "Sissi, die junge Kaiserin" und "Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin" drei Kassenschlager in die Kinos, die als Synthese zwischen Adelsschmonzette und Heimatfilm den Zeitgeist trafen.Im Korsett der ZeitIm Csardas- und Walzerrausch, im Angesicht süßer Mädel und schneidiger Herren sonnte sich das Publikum - eine verklärte Vergangenheit mit Kutschen und Krönungen gab dem Volk moralischen Halt, während es sich behutsam in die technische Moderne vortastete.Auch im Film-Titel bleibt Sophie im Schatten der zur Kaiserin aufgestiegenen Schwester, deren Andenken in Form von Denkmälern, Cafés, Torten, Cremes und Musicals oft so geschmacklos wie verfälschend gepflegt wird: "Sophie - Sissis kleine Schwester" (auch hier mit einem s zu viel für die Koseform von Elisabeth) heißt der 15 Millionen Mark teure Zweiteiler. RTL versucht sich damit im Genre des großen Kostümfilms - ein Herz, mehr als bloß ein Korsett, eine Krone und viele Tränen inklusive.Aus Sophie, das steht früh fest, wird keine Dame. Zieht es sie zu einem Mann, schwingt sie sich unfrisiert, nicht herausstaffiert und ohne Gespür fürs höfische Eheanbahnungs-Protokoll, auf ihr Pferd und reitet los. Zum Beispiel galoppiert sie von Possenhofen, wo sie als Feld-, Wald- und Wiesenhoheit aufwächst, als Herzogin in Bayern, eines Nachts (!) die 40 Kilometer (!!) nach München zu ihrem Kurzzeit-Verlobten, dem "Märchenkönig" Ludwig. Dort pocht sie nicht zaghaft an die Pforte, sondern brüllt den gesamten Hofstaat zusammen, auf dass alle hören, was Majestät für ein elender Feigling ist. Eine hoch sympathische Person also, deren Liebesirrungen und -wirrungen uns mit Walzergeigen präsentiert werden, ein wildes Kind, natürlich mit großem Herzen, das vorerst keinem Manne, sondern den Tieren und der Musik gehört.Vater Max, ein an der Zither dilettierender notorischer Fremdgeher, sieht s locker, doch die Frau Mama wird nervöser und spricht: "Ein Mann muss her!" Doch egal, wen sie für ihre Jüngste ausersehen hat, erntet sie doch immer nur ein "Aber den will ich nicht!", so beharrlich und störrisch, dass selbst der Papa mahnt: "Nur absagen kannst du auch nicht."Romy Schneider, entnervt vom geballten "Sissi"-Süßstoff, klagte später, diese Rolle klebe an ihr "wie Grießbrei". Der in der Rolle der Sophie komplett überzeugenden Valerie Koch, 26 und Absolventin der Ernst-Busch-Schauspielschule, droht dieses Schicksal wohl nicht. Zu augenzwinkernd nimmt das Drehbuch von Natalie Scharf die verstaubten Mythen (zumindest im ersten Teil) aufs Korn, zu lustvoll, aber durchaus dezent spielt Regisseur Matthias Tiefenbacher mit den Klischees des Herz-Schmerz-Heimatfilms.Sicher, auch hier sind die Kostüme prächtig, die Komparsen zahllos (darunter viele Pferde und Hunde), die Gefühle riesig wie die Verzweiflung, aber der Film trägt nie zu dick auf, verrät seine Geschichte nicht und auch nicht seine Figuren. Unter die unverzichtbaren Portionen an Hass, Rachegelüsten, Intrigen, Demütigungen und Sehnsucht mischt sich auch die Erkenntnis darüber, dass es die starren Verhältnisse sind, die alle zu Gefangenen der gültigen Erwartungen macht.Selbst für Klamauk ist Raum: so sieht der Verräter, der Sophies unstandesgemäße Affäre mit einem bürgerlichen Fotografen verrät, genauso aus, wie man den Schurken im Märchenfilm (etwa Hotzenplotz kleiner Bruder) besetzen würde, trägt Sophies Mutter Ludovika (Daniela Ziegler) Züge einer Hexe, während Papa Max (Miguel Herz-Kestranek) als Vorzeige-Bayer bei Carolin Reiber auftreten könnte. Das macht 90 Minuten lang Spaß, ist Reminiszenz und Persiflage, Intrigantenstadl, Historienpracht und Liebesmelodram, vereint.Doch das Vergnügen hat ein Ende. Denn nachdem unsere schöne Rebellin "zur Räson gebracht" wurde und sich in eine höllische Notehe mit einem französischen Finsterling gefügt hat, ist fast alle Luft heraus. Der Rest ist Leiden inner- und außerhalb des Ehebetts (ganz wie die Schicksalsjahre der großen Schwester), in der Nervenheilanstalt, im Kloster und am Schluss der Tod bei einer Brandkatastrophe 1897.Gefangen im NacherzählenEher mutlos und langatmig werden die Stationen von Sophies ganz persönlichem Kreuzweg abgehandelt - "Wen liebt sie und kriegt sie ihn dann auch?", die zentrale Fragestellung des ersten Teils, ist eben dramaturgisch ergiebiger als "Sie hat ihn nicht vergessen und er sie auch nicht", worum der zweite Teil matt kreist. Dass die Figur hier keine Tiefe gewinnt, kann man "Sophie"-Darstellerin Valerie Koch nicht vorwerfen, tapfer ackert sie sich durch die leblose Chronik. Da hätte man zu gern das Trotzköpfchen vom Beginn wiedergehabt, das so schelmisch, so unschuldig lächeln konnte, dass es schon wieder an Verruchtheit grenzte.Sophie - Sissis kleine Schwester So. 6. Mai, Mo., 7. Mai, jeweils 20.15 Uhr, RTLBayische Damen // Mit 15 Millionen Mark ist die Verfilmung des Lebens der jüngsten Schwester von Kaiserin Sisi, Sophie von Bayern, die bislang teuerste RTL-Eigenproduktion.Prinzessin Sophie war tatsächlich kurze Zeit mit ihrem Cousin Ludwig II. verlobt, um sich vor der Ehe mit dem König von Portugal zu schützen. Eigentlich liebte sie den Fotografen Edgar, den sie nie heiraten durfte.In den 50er-Jahren wurde in einer Trilogie das Leben der Kaiserin Sisi mit der damals 18-Jährigen Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm in den Hauptrollen verfilmt. Romy Schneider kam von dem Image ihr Leben lang nicht los.BAVARIA FILM Ausstaffiert für den nächsten Ehekandidaten: Prinzessin Sophie (gespielt von Valerie Koch).
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