Kränkelnder Angreifer

Daniela Vates
5 Min

PASSAU. Den bayerischen Defiliermarsch, natürlich, den hat es gegeben zum Einzug des Parteivorsitzenden. Es ist auch definitiv der politische Aschermittwoch der CSU, die Kultveranstaltung der Christsozialen, zumindest hat das groß an der Drei-Länder-Halle in Passau gestanden. Es gibt Bier, Brezen und eine Blaskapelle. Und auf einem Plakat in der Halle wird stolz daran erinnert, dass man sich hier am "größten Stammtisch der Welt" befinde. Abgesehen davon, dass Messehallen ein ziemlich ungemütliches Ambiente sind für Stammtische, haben sich in Bayern inzwischen entweder die Tischsitten geändert oder die Plakatschreiber hatten sich getäuscht.Schlechte und gute Reden hat es in den vergangenen Jahren gegeben in Passau, allen gemein war der Eifer der Redner, die Mühe, Effekte zu setzen, das Publikum herauszufordern zu Applaus, mit Sottisen, Grobheiten, mit Stammtisch-Sprüchen eben. Horst Seehofer, der als neuer Parteivorsitzender sein Debüt als Aschermittwochs-Redner gibt, ist eigentlich ein begnadeter Stimmungsmacher. Doch er hält nach einem kurzen furiosen Auftakt eine leise Rede, nachdenklich und melancholisch bisweilen, an anderen Stellen fahrig, manchmal schlichtweg langweilig-durchschnittliches Parteitags-Geleiere. Gespenstisch wirkt das zuweilen, ungewohnt meistens, an diesem Ort, von diesem Redner zumal. Nichts zum Schunkeln, Mitklatschen und Johlen jedenfalls.Koketterie und TritteDabei wählt Seehofer einen schnellen Einstieg: Er begrüßt die "größte schwarze Gemeinde" und sichert sich gleich den ersten großen Applaus, indem er die Entlassung der Berliner Supermarkt-Verkäuferin wegen eines angeblichen Bon-Betrugs in Höhe von 1,30 Euro als ungerecht kritisiert. Bis vor Kurzem habe wohl niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet er, der Horst Seehofer, einmal diese Aschermittwochs-Rede halten würde. Nun werde aber er es sein, der dem häufigen Parteichef-Wechsel bei der CSU ein Ende bereiten werde. Ein bisschen Koketterie ist da dabei, ein kleiner Tritt gegen seine Gegner. Dass die Bibel empfehle, seine Freunde so zu lieben wie seine Feinde, liege wohl daran, dass es sich um ein und dieselben Personen handele, sagt Seehofer.Es geht dann noch ein wenig gegen die anderen, mit noch stammtischtauglichen Kalauern. "Irren ist menschlich - immer irren ist sozialdemokratisch", ist Seehofer da eingefallen und dazu noch der Spruch, dass ihn die emotionale Grünen-Chefin Claudia Roth an den Schlager "Eine Träne auf Reisen" erinnere. Dann aber wird es bald ruhig. Seehofer fordert von der Bundesregierung Erleichterungen für die Bauern beim Agrardiesel, nimmt sich aber selbst das Drohpotenzial, indem er gleich eine bayerische Sonderregel verspricht. Er betont, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise Neues gewagt werden müsse, was das Neue dann aber ist, das vergisst Seehofer zu sagen. Stattdessen sagt er, die gute alte soziale Marktwirtschaft müsse wieder belebt werden. Er fordert dann noch Volksabstimmungen auf EU-Ebene und unterstreicht das neue Nein der CSU zur grünen Gentechnik. Er sagt, seine Vision sei eine frischere, modernere und auch weiblichere CSU. Im Saal sind vor allem Männer. Die neue Bundesagrarministerin Ilse Aigner kündigt Seehofer mit den Worten an, er habe sich an der Serie "Bauer sucht Frau" orientiert.Dann geht es zu Bürokratieabbau, Steuerreform, Bildungspolitik, Seehofer taumelt von einem Thema zum nächsten, immer langsamer, immer leiernder, lallend zuweilen, die Themen wiederholen sich. Bleich steht Seehofer oben am Pult und nimmt noch einen Schluck Bier. Es hätten nach diesem Auftritt Zweifel aufkommen können am Durchhaltevermögen Seehofers, an seiner Belastbarkeit mit zwei Spitzenämtern. Aber Seehofer reagiert noch auf der Bühne: Er habe einen Virus gehabt und noch bis Dienstag nicht sprechen können, verkündet er zum Ende seiner Rede. Aber er sei trotzdem gekommen, zwischendurch Schwächeanfälle überwunden: "Ich hab's durchgestanden", verkündet Seehofer stolz. Für Politiker gilt das als ein Ausweis der Stärke, nicht der UnvernunftBlitzeinschläge und TsunamisDie leisen Töne mögen also an der Grippe gelegen haben. Vielleicht hätte Seehofer ohne Grippe auch darauf verzichtet, immer wieder Passagen einzubauen, die arg nach Abschied klangen. Jünger wolle er die CSU machen. Inzwischen sind einige der Jungen in Spitzenpositionen aufgerückt, zuletzt wurde der 37-jährige Karl-Theodor zu Guttenberg Bundeswirtschaftsminister. Der wird deutlich mehr umjubelt als Seehofer. Der trägt dazu seines bei, indem er Guttenberg sozusagen zu seinem Kronprinzen ernennt und erzählt, dass die Kanzlerin den neuen Minister nahezu hymnisch preise. Merkel habe Guttenberg in den vergangenen drei Tagen mehr gelobt als sie ihn, Seehofer, in den letzten 30 Jahren gelobt habe, sagt Seehofer. Man kann sich nicht sicher sein, ob ein Lob der Kanzlerin in Seehofers Augen wirklich erstrebenswert ist.Die Abschiedspassagen klingen bei Seehofer dann so: Er habe manchmal das Gefühl, er habe sich mit seiner Jugendförderung "das eigene Grab geschaufelt". Und er frage sich manchmal, warum Franz Josef Strauß, der CSU-Übervater, das Ministerpräsidentenamt für das schönste der Welt gehalten habe. Er jedenfalls habe bislang nur "Blitzeinschläge und Tsunamis" zu überstehen gehabt. Bei anderen Politikern würde es nach Amtsmüdigkeit klingen. Aber Seehofer versichert, er werde seine beiden Posten weiter ausüben. Und dann erzählt er von seiner Kindheit in einem Arbeiterhaushalt, in dem es nicht klar war, ob das Geld am Wochenende zum Einkauf reichen würde. Er erzählt von der Skifreizeit seiner Klasse, die seine Eltern nicht bezahlen konnten. Es seien diese Erlebnisse, die ihn antrieben, Politik zu machen. Ruhig trägt Seehofer diese Geschichten vor. Und dann erinnert er sich wohl plötzlich wieder daran: "Gott mit Dir, Du Land der Bayern", bellt er unvermittelt ins Mikrofon. "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland." Das Publikum ruft nach Zugaben. Wenigstens das.------------------------------Foto: Ministerpräsident Horst Seehofer hält seine erste Aschermittwochs-Rede. Auf der Großleinwand hinter ihm sind seine Zuhörer zu sehen.

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