Glücksvögel

Kranichzug 2026: Nach der Vogelgrippe bedroht die Trockenheit den Bestand

Jedes Jahr rasten zehntausende Kraniche an der vorpommerschen Ostseeküste. 2026 könnten es weniger sein als sonst, denn trockene Brutgebiete bedrohen den Nachwuchs.

13 Min
Kraniche fliegen vor dem Kranorama bei Günz in MV in den Sonnenuntergang und in eine ungewisse Zukunft.

Kraniche fliegen vor dem Kranorama bei Günz in MV in den Sonnenuntergang und in eine ungewisse Zukunft.

© Lauryn Zoe Hinsch/Ostdeutsche Allgemeine

Es ist ein Montagnachmittag im Herbst 2026 außerhalb der Urlaubszeit. Trotzdem haben sich am Kranorama und im NABU-Erlebniszentrum mitten im Nirgendwo bei Günz in Mecklenburg-Vorpommern  zahlreiche Menschen eingefunden. Im Café unterhalten sich zwei Besucher auf Englisch mit Günter Nowald, dem Leiter des Zentrums und Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland. „Das sind zwei Journalisten vom Crane Trust (Kranich-Stiftung) aus den USA“, erklärt er der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Währenddessen trompeten draußen laut die Kraniche und schreien die Wildgänse.

Es ist Herbst und damit Hochsaison am wichtigsten Rastplatz für Kraniche an der vorpommerschen Ostseeküste auf ihrem Zug nach Süden entlang der westlichen Zugroute. Kurz vor Sonnenuntergang versammeln sich viele Besucher am Kranorama. Sie wollen die Kraniche, die dort rasten, in den heute spektakulären Sonnenuntergang fliegen sehen. Denn hier und auf anderen Flächen wird Futter für die zehntausenden Zugvögel gestreut, damit sie nicht den Landwirten das Saatgut oder die Maisernte wegpicken.

„Hier übernachten sie aber nicht, sondern fliegen zum Schlafen in die Sundische Wiese“, erklärt der Kranichexperte. Die Sundische Wiese gehört zum naturbelassenen östlichen Teil der Halbinsel Darß und bildet die Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Dort können die Vögel aber nicht beobachtet werden.

In diesem Jahr rasten die Kraniche mit deutlich weniger Jungen am Kranorama südlich der Halbinsel Darß.

In diesem Jahr rasten die Kraniche mit deutlich weniger Jungen am Kranorama südlich der Halbinsel Darß.

© Lauryn Zoe Hinsch für Ostdeutsche Allgemeine

30.000 Kraniche am Wochenende 9. bis 11. Oktober

An einem Wochenende in der Kranichhochsaison können hier in der Region bis zu 70.000 der Glücksvögel Rast machen. Am Wochenende des 10. und 11. Oktober wurden an den Schlafplätzen rund 30.000 rastende Kraniche gezählt, so Dr. Günter Nowald. Damit nimmt der Kranichzug 2026 deutlich Fahrt auf. Gezählt werden die Kraniche von den Mitarbeitern des Kranichzentrums und den vielen ehrenamtlichen Helfern.

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An mehreren Schlafplätzen zählen die Beobachter zeitgleich, wieviele Tiere am Abend einfliegen oder am Morgen wieder aufbrechen. Nur durch solche Synchronzählungen lässt sich verhindern, dass einzelne Schwärme mehrfach erfasst werden. Die Zählungen werden bundesweit koordiniert – sie sind ohne ehrenamtliche Unterstützung kaum zu bewältigen.

Täglich könnten die Vogelschützer die Zahlen nicht erheben, sagt Nowald. Dafür wären sehr viel mehr Helfer notwendig, und die ehrenamtlich Arbeitenden können werktags nicht zählen. Gezählt wird deshalb an den Wochenenden. Die aktuelle Zahl ist somit eine Momentaufnahme.

Mehr als 100.000 Kraniche ziehen durch Vorpommern

Der diesjährige Höhepunkt des Kranichzugs dürfte damit noch nicht erreicht sein. Normalerweise halten sich bis zu 70.000 Kraniche gleichzeitig an der vorpommerschen Küste auf. Einmal sorgte ein wetterbedingter Zugstau sogar dafür, dass etwa 90.000 Tiere in der Region rasteten.

Insgesamt ziehen im Verlauf eines Herbstes mehr als 100.000 Kraniche durch Vorpommern. Sie kommen nicht gleichzeitig, sondern in mehreren Wellen. Während die ersten Schwärme bereits weiterfliegen, erreichen neue Tiere die Küste.

„Man kann sich das vorstellen wie einen Stein, den man in einen See wirft“, sagt Nowald. Daraufhin entstehen mehrere Wellen. Ähnlich verlaufe der Vogelzug: Einige Wellen seien groß, danach folgten kleinere. Deshalb ist die Zahl der Tiere, die insgesamt durch die Region ziehen, wesentlich höher als die maximale Zahl an einem einzelnen Zähltag.

Die meisten Kraniche, die an der vorpommerschen Küste rasten, stammen aus Schweden. Hinzu kommen viele Tiere aus Norwegen, ein Teil der finnischen Population sowie kleinere Gruppen aus dem Baltikum und Polen. Wann sie Vorpommern erreichen, hängt stark vom Wetter ab.

Die Zugrouten der Kraniche.

Die Zugrouten der Kraniche.

„Westliche Winde können den Abflug aus Skandinavien verzögern. Die Kraniche warten dann, bis die Bedingungen für die Überquerung der Ostsee günstiger sind“, sagt Günter Nowald. Der Flug über das Meer ist riskant und kostet viel Kraft.

Von Vorpommern aus ziehen die Kraniche in Etappen weiter. Ihre Route führt über weitere deutsche Rastgebiete nach Frankreich und anschließend über die Pyrenäen nach Spanien. „Mittlerweile fliegen sie auch über die Schweiz, deshalb haben wir hier auch viele interessierte Schweizer zu Besuch.“ Bedeutende Stationen sind unter anderem der Lac du Der-Chantecoq und Arjuzanx in Frankreich sowie die Laguna de Gallocanta in Spanien. Viele Tiere verbringen den Winter schließlich in der spanischen Extremadura oder in Andalusien.

Ein Teil der Kraniche ist bereits weitergezogen. Die große Abreise aus Vorpommern beginnt meist Ende Oktober. Spätestens Mitte November sind die meisten Tiere fort. Anfang November bewegen sich die regionalen Rastzahlen gewöhnlich nur noch im vierstelligen Bereich.

Vogelgrippe tötete womöglich bis zu 80.000 Kraniche

Wieviele Tiere im Herbst 2026 tatsächlich aus Skandinavien und Nordosteuropa in Vorpommern ankommen werden, beobachtet Günter Nowald mit besonderer Spannung. Denn genau vor einem Jahr bot sich am Kranorama ein bedrückendes Bild. Wo Besucher normalerweise tausende Kraniche beim Fressen und beim Anflug auf ihre Schlafplätze beobachteten, wurden im Herbst 2025 immer wieder tote und schwer erkrankte Tiere entdeckt. Das H5N1-Virus hatte erstmals in der Geschichte überhaupt die Kraniche erfasst, und das mit voller Wucht.

„Befallene Kraniche verloren aufgrund der hohen Viruskonzentration im Gehirn die Kontrolle über ihre Bewegungen, taumelten, konnten nicht mehr koordiniert laufen, fliegen oder Nahrung aufnehmen. Das führte schließlich zum Tod.“ Verendete Tiere mussten eingesammelt werden, von Mitarbeitern und Helfern, die noch nie mit so einem Ausbruch zu tun hatten.

Günter Nowald, Leiter des Kranichzentrums in Günz und Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland am Kranorama.

Günter Nowald, Leiter des Kranichzentrums in Günz und Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland am Kranorama.

© Lauryn Zoe Hinsch für Ostdeutsche Allgemeine

Zunächst gingen die Fachleute davon aus, dass etwa 20.000 Kraniche in Deutschland und insgesamt rund 40.000 Tiere entlang der westeuropäischen Zugroute gestorben waren. Doch inzwischen gibt es neue Berechnungen. Gemeinsam mit Kollegen aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal und Marokko hat Nowald die Bestands- und Überwinterungsdaten des vergangenen Winters mit den Zahlen aus mehreren vorherigen Wintern verglichen.

Das Ergebnis ist alarmierend: „Nach einer noch nicht veröffentlichten Hochrechnung könnten 70.000 bis 80.000 Kraniche an den Folgen von H5N1 verendet sein. Die Ergebnisse sollen auf der 11. Europäischen Kranichtagung vom 20. bis 23. Oktober in Ungarn vorgestellt werden“, berichtet der Kranichexperte.

Diese Schätzung ist nach Ansicht Günter Nowalds realistisch. Erfasst wurden 2025 vor allem tote Tiere an bekannten Schlafplätzen. Kranke Kraniche sterben jedoch nicht nur dort. Viele dürften entlang der gesamten Zugroute abgestürzt oder in Wäldern, auf Feldern, in Feuchtgebieten und vereinzelt auch auf Privatgrundstücken verendet sein. Ein erheblicher Teil sei deshalb vermutlich nie entdeckt worden.

Mehr als 400.000 Kraniche werden dem westeuropäischen Zugweg zugerechnet. Sollten tatsächlich bis zu 80.000 Tiere verendet sein, hätte die Vogelgrippe die Population innerhalb einer Saison um annähernd ein Fünftel reduziert.

Bislang kein neues Massensterben im Herbst 2026

An den Rastplätzen in Vorpommern sind im Herbst 2026 bislang keine Anzeichen für einen erneuten großen Ausbruch zu beobachten. Es habe lediglich ein oder zwei Verdachtsfälle gegeben, berichtet der Wissenschaftler. Auffällige Ansammlungen toter oder schwer erkrankter Kraniche seien bisher glücklicherweise ausgeblieben.

Nowald hält es für möglich, dass ein Teil der überlebenden Kraniche Antikörper entwickelt hat. Erfahrungen aus dem Hula-Tal in Israel liefern dafür zumindest Hinweise. Dort starben bei einem großen Ausbruch der Vogelgrippe zunächst Tausende Kraniche. Als die Krankheit später erneut auftrat, waren die Verluste deutlich geringer. Eine mögliche Erklärung ist, dass viele der überlebenden Tiere zumindest zeitweise immun waren.

Trockene Brutgebiete werden zur tödlichen Falle

So dramatisch die Vogelgrippe war: Auf lange Sicht sieht Günter Nowald eine noch größere Gefahr für die Kraniche. Der Klimawandel verändere die Brutgebiete und lasse Feuchtflächen immer häufiger zu früh austrocknen. Vor allem niederschlagsarme Winter und Frühjahre wirken sich auf den Bruterfolg aus.

„Entscheidend ist dabei nicht erst die Trockenheit im Hochsommer. Wenn bereits im Winter wenig Wasser vorhanden ist und auch im März oder April kaum Regen fällt, sinken die Wasserstände in Sümpfen, Mooren und Waldbrüchen schnell. Sobald Bäume und andere Pflanzen Blätter tragen, entziehen sie den Flächen zusätzlich Wasser, das anschließend verdunstet“, sagt der Kranichmann.

Für brütende Kraniche hat das gravierende Folgen. Sie legen ihre Nester in flachen Gewässern oder nassen, schwer zugänglichen Bereichen an. Das Wasser wirkt wie eine natürliche Schutzmauer. „Das ist im Prinzip eine Wasserburg.“

Denn solange ein Nest von Wasser umgeben ist, gelangen Füchse, Waschbären, Wildschweine und andere Fressfeinde nur schwer dorthin. Trocknet das Gebiet aus, entstehen Zugänge. Das bisher geschützte Brutgebiet wird für Raubtiere plötzlich zu einem leicht erreichbaren Nahrungsrevier. Dann verschwinden sowohl Eier als auch bereits geschlüpfte Jungvögel.

Am Kranorama bei Günz-Altenpleen rasten nicht nur Kraniche, sondern auch Wildgänse und Enten.

Am Kranorama bei Günz-Altenpleen rasten nicht nur Kraniche, sondern auch Wildgänse und Enten.

© Lauryn Zoe Hinsch für Ostdeutsc

Regnet es erst im Sommer wieder, kommt das zu spät. Zu diesem Zeitpunkt sind zahlreiche Bruten bereits verloren. Nach mehreren trockenen Jahren war der Reproduktionserfolg nach Einschätzung der Kranichschützer zeitweise so gering, dass die Zahl der Jungvögel nicht ausreichen würde, um die Population dauerhaft stabil zu halten.

Rückgang könnte erst Jahre später sichtbar werden

Das Kranorama zählt jeden Tag die Kraniche, die dort rasten, und erfasst, wie viele Junge dabei sind. Am 9. Oktober waren 1004 mit 21 Jungen da, am 10. Oktober waren es 1500 mit 53 Jungvögeln und am 11. rasteten dort 1288 mit 27 jungen Kranichen. „Das sind deutlich weniger Junge als normal“, sagt eine der Rangerinnen. „Normalerweise machen die Jungen fünf bis zehn Prozent aus.“

Kraniche sind langlebige Vögel. Die ältesten bekannten Tiere wurden ungefähr 30 Jahre alt. Im Durchschnitt dürften viele Kraniche etwa zehn bis zwölf Jahre leben. Wenn über mehrere Jahre zu wenige Jungvögel aufwachsen, sinkt der Gesamtbestand deshalb nicht sofort sichtbar. Zunächst bleiben viele Altvögel in der Population. Erst wenn sie nach und nach sterben und nicht genügend junge Tiere nachrücken, wird der Rückgang deutlich.

Günter Nowald vergleicht diese Entwicklung mit einer auf den Kopf gestellten Alterspyramide: Es gibt viele ältere, aber zu wenige junge Tiere. Die Folgen schlechter Brutjahre könnten deshalb erst mit erheblicher Verzögerung in den Zählungen auftauchen.

Langfristige Klimamodelle zeichnen ein düsteres Bild. „Wissenschaftler sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der Kranich in rund 100 Jahren als Brutvogel aus Deutschland ausgestorben ist“, informiert er. Gleichzeitig könnten sich neue Brutgebiete weiter im Norden bilden, wenn dort Permafrostböden auftauen und neue Feuchtflächen entstehen.

Kraniche im Garten des NABU-Erlebniszentrums unweit des Kranoramas in Günz.

Kraniche im Garten des NABU-Erlebniszentrums unweit des Kranoramas in Günz.

© Lauryn Zoe Hinsch für Ostdeutsche Allgemeine

Wiedervernässung soll Kranich-Lebensräume sichern

Der Kranichschutz Deutschland versucht deshalb, möglichst viele Feuchtgebiete zu bewahren und Wasser länger in der Landschaft zu halten. Noch immer sind manche Moore, Sümpfe und Waldflächen an Entwässerungsgräben angeschlossen. Das Wasser fließt ab, obwohl es für den Lebensraum dringend gebraucht wird.

Gemeinsam mit Forstbetrieben und anderen Flächeneigentümern werden solche Gräben stellenweise verschlossen. In unmittelbarer Nähe des Kranichzentrums ist am Günzer See eine Anhebung des Wasserstands geplant beziehungsweise in Arbeit. Das dortige Niedermoor soll wieder nasser werden.

Davon profitieren nicht nur Kraniche und andere Tiere. In entwässerten Mooren wird Torf abgebaut, wobei große Mengen Kohlendioxid freigesetzt werden. Steigt der Wasserstand, wird dieser Prozess gebremst. Die Wiedervernässung schafft somit Lebensraum und schützt zugleich das Klima.

Neues Kranichzentrum zieht internationale Besucher an

Das Interesse an den „Vögeln des Glücks“ ist groß, das zeigt sich derzeit im internationalen Kranichzentrum Günz. Es wurde am 6. September 2025 eröffnet und löste das kleinere in Groß Mohrdorf ab.

„Allein von September bis November 2025 kamen rund 12.000 Menschen in das neue Zentrum. Die Zahl der Besucher am Kranorama wird jährlich auf etwa 15.000 Besucher geschätzt.“

Die Besucher reisen aus dem gesamten europäischen Umfeld des westeuropäischen Zugwegs an. Viele kommen aus Schweden und den Niederlanden. Auffällig groß ist nach Nowalds Beobachtung auch das Interesse aus der Schweiz. Seit etwa zehn Jahren ziehen häufiger Kraniche über die Schweiz oder entlang der dortigen Täler. Das habe die Begeisterung für die Tiere verstärkt. Auch aus Frankreich und Spanien besuchen Kranichfreunde das Zentrum. Hinzu kommen Gäste aus anderen Teilen der Welt.

Die Ausstellung vermittelt Wissen über Biologie, Brut, Zugwege und Gefährdung der Kraniche. Für die Gäste ist die Region zugleich ein Ort, an dem sie wesentlich mehr Tiere beobachten können als in ihren Heimatländern. Besonders in den Morgen- und Abendstunden werden die großen Schwärme zum Naturerlebnis.

Die Ausstellung im neuen Kranichzenztrum in Günz, das im September 2025 öffnete und das kleinere Zentrum in Groß Mohrdorf ablöste.

Die Ausstellung im neuen Kranichzenztrum in Günz, das im September 2025 öffnete und das kleinere Zentrum in Groß Mohrdorf ablöste.

© Lauryn Zoe Hinsch für Ostdeutsche Allgemeine

Der Kranich ist für Vorpommern eine fünfte Jahreszeit

Vom Kranichzug profitiert nicht nur der Naturschutz. Die Vögel verlängern auch die touristische Saison. Wenn die klassischen Strandurlauber die Ostseeküste nach dem Sommer verlassen, reisen Naturbeobachter, Fotografen und Vogelfreunde an. „Der Kranich schafft für den Tourismus eine fünfte Jahreszeit“, sagt Günter Nowald. Die Tiere füllten im Herbst erneut Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen in der Region. Der Kranich sei damit im doppelten Sinne ein Zugvogel: Er ziehe selbst durch die Region und ziehe gleichzeitig Besucher an.

Zahlreiche Kranichfans beobachten die Glücksvögel am Kranorama. Das Interesse verlängert für die Hoteliers und Gastronomen der Region die Saison.

Zahlreiche Kranichfans beobachten die Glücksvögel am Kranorama. Das Interesse verlängert für die Hoteliers und Gastronomen der Region die Saison.

© Lauryn Zoe Hinsch für Ostdeutsche Allgemeine

In Schweden zeigt sich die emotionale Bindung der Menschen an die Glücksvögel besonders deutlich. Dort versammeln sich im Frühjahr zehntausende Menschen, um die zurückkehrenden Kraniche zu begrüßen. Nach dem langen Winter gelten sie als Boten des Lichts und des Frühlings, so der Kranichkenner.

Vom Maschinenbau zum Kranichschutz

Dass Nowald einmal sein Berufsleben den Kranichen widmen würde, war zunächst nicht abzusehen. Er stammt aus dem Ruhrgebiet und studierte zuerst Maschinenbau. Anschließend arbeitete er an der Konstruktion von Anlagen für Stahlwerke, die unter anderem nach Asien verkauft wurden.

Die damals vielfach noch geringen Umweltstandards brachten ihn zum Umdenken. Er begann ein weiteres Studium und wechselte schließlich zur Biologie. Während seines Studiums in Osnabrück beobachtete er Kraniche, die durch die Täler am Teutoburger Wald und am Wiehengebirge zogen. Ihre Rufe verband er mit dem beginnenden Winter und der Sehnsucht nach dem warmen Spanien.

1993 kam er für seine Diplomarbeit nach Vorpommern, zum deutschen „Kranichvater“ und Begründer von Kranichschutz Deutschland, Wolfgang Mewes, der 2022 starb. 1994 wurde Günter Nowald der erste Angestellte von Kranichschutz Deutschland, dessen Geschäfte er heute führt. Inzwischen leitet er auch das internationale Kranichzentrum.

Trotz jahrzehntelanger Erfahrung bleiben auch für ihn in diesem Herbst viele Fragen offen. Noch lässt sich nicht sicher beurteilen, wie stark die Population durch die Vogelgrippe im Vorjahr tatsächlich geschrumpft ist. Erst die Zählergebnisse entlang des gesamten Zugwegs und in den spanischen sowie französischen Überwinterungsgebieten werden ein klareres Bild ergeben.

Die zehntausenden Kraniche, die im Oktober in Vorpommern rasteten, sind deshalb zugleich ein beeindruckendes Naturschauspiel und Teil einer wichtigen Bestandsaufnahme. Jeder neu eintreffende Schwarm hilft den Forschern dabei, die Folgen der Vogelgrippe besser einzuschätzen.

Vorerst überwiegt die Erleichterung: Die Kraniche sind zurück – und ein erneuter großer H5N1-Ausbruch ist bisher nicht zu erkennen. Doch die Verluste des Jahres 2025 werden den Kranichschutz noch lange beschäftigen. Die Zukunft der Glücksvögel ist ungewiss.

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