Vor neun Jahren nahm Moritz Müller-Plötz* sein Medizinstudium auf. Damals dachte er, dass er einen Traumberuf erlernt. Das denkt der 29-Jährige heute nicht mehr. Er arbeitet für monatlich knapp 1 000 Euro brutto als Arzt im Praktikum in einem städtischen Krankenhaus, Abteilung Inneres. Dort ist es üblich, dass die Ärzte nach einer Tagesschicht und einer Nacht Bereitschaftsdienst im Anschluss noch eine Frühschicht dranhängen. Das bedeutet für Müller-Plötz 30,5 Stunden Dienst am Stück. Von 7.30 Uhr des Vortages bis 14 Uhr des folgenden Tages. "Aber meistens komme ich sowieso erst abends raus", sagt er. "Irgendwann bin ich dann so müde, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann."Nach einer Studie der Berliner Ärztekammer werden bei knapp 90 Prozent junger Krankenhausärzte die arbeits- und tarifrechtlichen Bestimmungen verletzt. Der Präsident der Ärztekammer, Günther Jonitz, sagt, dass ein Arzt nach 24 Stunden genauso reagiere, als ob er ein Promille Alkohol im Blut habe. "Ein Auto darf er dann nicht mehr fahren, einen Patienten operieren schon. Da sind Kunstfehler nicht auszuschließen." An dieser Praxis habe auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus dem vergangenen Jahr nichts geändert, nachdem Bereitschaftsdienste als reguläre Arbeitszeit und nicht als Ruhezeit zu bewerten sind. Seitdem ist es den Kliniken eigentlich verboten, die Ärzte länger als eine Schicht einzusetzen. Doch um das Gerichtsurteil umzusetzen, müssten sie neues Personal einstellen, und dafür haben sie kein Geld. "Die Verträge sind befristet, die Bezahlung ist schlecht. Und trotzdem wird vom Medizinernachwuchs höchste Einsatzbereitschaft verlangt", sagt Jonitz. Kein Wunder, dass ein Ärztemangel bevorstehe. "Sie wechseln entweder den Beruf oder gehen ins Ausland." Peter Karle ist bei der Vereinigten Krankenversicherung Referent für Ärzte und sagt, dass inzwischen fast jeder zweite Medizinstudent sein Praktisches Jahr - das noch vor der Zeit als Arzt im Praktikum kommt - im Ausland absolvieren will. Karle ist ihnen bei der Arbeitsplatzsuche behilflich. Besonders gefragt sei die Schweiz, gefolgt von den USA, Großbritannien, Südafrika sowie Skandinavien. In diesen Ländern finden die Ärzte bessere Arbeitsbedingungen vor. Sie verdienen bis zu 40 Prozent mehr und müssen kaum Überstunden machen. Und wenn, dann bekommen sie sie bezahlt.Müller-Plötz geht mit seiner Frau, die ebenfalls Ärztin ist, nach Schweden. Im Sommer siedelt das Paar in den Norden des Landes um - und lernt erst mal Schwedisch. Den Sprachkurs bezahlt das neue Krankenhaus. (tt.)* Name wurde von der Redaktion geändert
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