Krankenversicherung

Krankenkassen-Fusion trifft Berlin: IKK Brandenburg und Berlin verschwindet zum 1. Oktober

Gesundheitsminister Linnemann will nur noch zehn bis 20 Kassen. Doch ausgerechnet seine eigene Expertenkommission rechnet ihm vor, dass das kaum etwas einspart.

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Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen reduzieren. Seine Pläne stoßen auf Widerstand.

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen reduzieren. Seine Pläne stoßen auf Widerstand.

© Michael Kappeler/dpa

Für rund 211.000 Versicherte ändert sich zum 1. Oktober der Name auf der Gesundheitskarte: Die IKK Brandenburg und Berlin mit Sitz in Potsdam schließt sich mit der IKK gesund plus aus Magdeburg zusammen. Das Bundesamt für soziale Sicherung muss noch zustimmen.

Die gemeinsame Kasse firmiert künftig unter dem Namen des Magdeburger Partners; der Zusatzbeitrag soll für die bisherigen IKK-Versicherten auf 3,39 Prozent sinken. Auch die mkk – meine Krankenkasse mit Sitz in Berlin verhandelt derzeit über einen Zusammenschluss. Partner soll die BKK Pfalz werden.

Die Hauptstadtregion verliert damit in kurzer Zeit eigenständige Kassen. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die seit Jahrzehnten läuft: Anfang 1990 gab es in Deutschland noch mehr als 1100 gesetzliche Krankenkassen, Anfang 2026 waren es 93. Werden alle angekündigten Fusionen umgesetzt, könnten es zum 1. Januar 2027 nur noch 88 sein, wie das Portal krankenkasseninfo.de berichtet.

Minister Linnemann will das Tempo erhöhen

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU), seit dem 29. Juli 2026 im Amt, reicht das nicht. Der CDU-Politiker fordert, die Zahl der Kassen bis 2032 auf zehn bis 20 zu senken. Durchsetzen will er das über eine gesetzliche Mindestgröße: Jede Kasse soll wenigstens eine Million Versicherte haben. Seine Begründung, die er zuletzt in der Bild am Sonntag bekräftigte: schlankere Verwaltung, weniger Vorstandsgehälter, geringere Komplexität.

Was das bedeuten würde, hat das Deutsche Ärzteblatt vorgerechnet. Bei einer Mindestgröße von einer Million Versicherten müssten 77 Krankenkassen schließen – darunter fast alle Betriebs- und Innungskrankenkassen sowie zwei AOK-Kassen. Betroffen wären vor allem kleine, regional verankerte Kassen.

Die eigene Kommission widerspricht dem Minister

Linnemanns Pläne stoßen auf Kritik. Ausgerechnet das Gremium, das die Bundesregierung selbst eingesetzt hat, widerspricht dem Minister vehement. Die Finanzkommission Gesundheit hat Vorschläge erarbeitet, mit denen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stabilisiert werden sollen. Nun empfiehlt sie ausdrücklich nicht, die Anzahl der Kassen zu verringern.

In ihrem ersten Bericht kamen die Experten zu dem Ergebnis, dass sich zwischen der Größe einer Kasse und ihren Verwaltungskosten je Versicherten kein systematischer Zusammenhang erkennen lässt. Die Verwaltungsausgaben machen demnach nur rund vier Prozent der Gesamtausgaben aus.

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Thomas Adolph, Geschäftsführer des unabhängigen Vergleichsportals gesetzlichekrankenkassen.de, wird noch deutlicher. Die Behauptung, weniger Kassen sparten Milliarden, sei „schlicht falsch – und sie wird auch durch ständige Wiederholung nicht richtiger“, sagte er dem Fachmagazin Monitor Versorgungsforschung. Seine Daten zeigten, dass viele kleine Kassen sogar günstigere Verwaltungskosten aufwiesen als wenige große.

Sorge um regionale Strukturen

Die meisten Kassen lehnen Zwangsfusionen ab. Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, argumentiert, Fusionen änderten nichts an der Zahl der Versicherten und deren Betreuungsaufwand. Der Verband der Ersatzkassen verweist darauf, dass rund 96 Prozent der Ausgaben ohnehin in die Versorgung fließen.

Am schärfsten formuliert es Anne-Kathrin Klemm, Vorstandsvorsitzende des BKK Dachverbandes. Die gesetzlich vorgeschriebene Verwaltungsarbeit lasse sich „nicht einfach wegfusionieren“, sagte sie dem Fachmagazin HCM – schließlich müssten weiterhin rund 74 Millionen Versicherte betreut werden. Verschwänden regionale Strukturen, fielen auch Ansprechpartner, gewachsene Netzwerke und passgenaue Versorgungslösungen weg: „Aus Vielfalt wird ein Einheitsangebot.“ Klemm warnt zusätzlich vor Fusionskosten, IT-Investitionen und Versorgungslücken in der Übergangszeit.

Nicht alle sehen es so. Ralf Hermes etwa, Vorstand der IKK Innovationskasse, hat sich in der Berliner Zeitung bereits im Dezember 2023 für eine Verschlankung der GKV ausgesprochen. Seiner Ansicht nach würde weniger als die Hälfte der Kassen ausreichen.

Was Versicherte jetzt wissen müssen

Markus Algermissen, Präsident des Bundesamts für Soziale Sicherung, befürwortet ebenfalls Fusionen, die organisch aus dem System herauswachsen. Und genau das geschieht gerade: Nach Recherchen des Deutschen Ärzteblatts treiben nicht politischer Druck, sondern nötige IT-Investitionen, alternde Belegschaften und der Kostendruck in der Versorgung die aktuellen Gespräche an.

Für Betroffene ändert sich zunächst wenig. Die Mitgliedschaft geht automatisch auf die neue Kasse über, gesetzliche Leistungen bleiben identisch. Verändern können sich mittelfristig Satzungsleistungen, Geschäftsstellen und der Zusatzbeitrag. Steigt dieser, greift ein Sonderkündigungsrecht.

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