Krise bei Viva: Der Vorstand ist zerstritten, die Gesellschafter denken über einen Verkauf nach

Cooles Gaga-TV

Markus Bäcker
4 Min

Für die Mitarbeiter der Viva Media AG gehört der Blick in den Pressespiegel derzeit zum täglichen Ritual. Verkauft Universal seine 15,3 Prozent Anteile? Steht Hauptaktionär Time Warner vor dem Absprung? Wer wird demnächst in Köln-Mülheim das Sagen haben - der Münchner Filmhändler Herbert Kloiber, ProSiebenSat 1-Eigner Haim Saban, die RTL-Group, Disney oder gar der MTV-Besitzer Viacom? Und was wird eigentlich aus Dieter Gorny, dem einstigen Alleinherrscher im kleinen Viva-Reich? Fragen über Fragen. Doch die Antworten sind rar gesät. Neue, alte KonzepteAuch der Betriebsrat des Unternehmenszweigs Viva Fernsehen ist einigermaßen ratlos: "Wir erfahren alles nur aus der Zeitung", sagt ein Mitarbeiter. Was man im Haus so mitbekommt, bleibt widersprüchlich. So stellte Arthur Bastings, der von Time Warner zu Viva entsandte Controller, noch am vorvergangenen Freitag den Mitarbeitern ein Papier über die Neupositionierung des Senders vor: Cooler müsse Viva werden, Zuschauer jenseits der 20 ansprechen und sich entweder an MTV oder an RTL 2 orientieren, am besten jedoch eine Nische zwischen den beiden Konkurrenten finden. Aha, dachte das Auditorium: Wenn sich die amerikanischen Eigner Gedanken über die Zukunft des Senders machen, scheinen sie das Interesse an dem deutschen TV-Sender noch nicht verloren zu haben. Kurze Zeit später wurde bekannt, dass Time Warner ernsthaft über einen Verkauf seiner Anteile nachdenkt. Derzeit sind die Amerikaner noch mit 30,6 Prozent an der Viva Media und mit 49 Prozent an Viva Plus beteiligt. Während Viva Fernsehen nicht zuletzt wegen des eingebrochenen Werbemarktes und der Krise in der Musikindustrie weiterhin rote Zahlen schreibt, geht es dem Viva-Media-Zukauf Brainpool ausgezeichnet: Ohne das Produktionsunternehmen, das derzeit eine Late-Night-Show für Sat 1 mit Anke Engelke vorbereitet, sähe es zappendüster aus beim Fernsehsender. Time Warner hatte auf diese Erkenntnis mit der Entsendung von Arthur Bastings reagiert, der bestehende Senderstrukturen umkrempelte und zahlreiche altgediente Viva-Mitarbeiter vor die Tür setzte. Nun muss er selbst gehen: In Amerika, so ist zu hören, sei man nur bedingt mit ihm zufrieden. Auf seine Idee, Viva cooler und erwachsener zu machen, reagierten die letzten Aufrechten des Musiksenders einigermaßen konsterniert. Prinzipiell habe er ja Recht, findet der Betriebsrat. Doch ist es nicht merkwürdig, dass die Viva Media AG mit Viva Zwei schon einmal einen eigentlich recht coolen und erwachsenen Sender hatte - und ihn zugunsten des extrem uncoolen Billigkanals Viva Plus abwickelte?Die früheren Pläne, Animes, also moderne Zeichentrickserien, zu kaufen, wurden bis zum Viva-Zwei-Exitus immer wieder niedergeschmettert, kreative Macher an die Konkurrenz abgegeben. Das rächt sich jetzt. "Im Moment wird überall ein bisschen herumgedoktert, doch eine Vision fehlt völlig", beklagt ein Mitarbeiter. Die Stimmung sei schlecht - auch deshalb, weil zuletzt weitere Kollegen das Feld räumen mussten. "Mitarbeiter freisetzen", so nennt Finanzvorstand Christian Gysi diesen Vorgang. Eigentlich ein übler Euphemismus, doch kommt er der Wahrheit recht nahe: Die jungen Menschen, die selig lächelnd das Sendergebäude betreten, sind zumeist diejenigen, die nur noch schnell ihren Schreibtisch räumen wollen. Ob Dieter Gorny ähnlich vergnügt reagieren wird, sollten sich die Prophezeiungen um seine Person bestätigen? Als sich der Vorstandsvorsitzende im vergangenen Jahr angeblich freiwillig aus dem operativen Geschäft zurückzog, machte das Wort "Frühstücksdirektor" die Runde. "Der hat neuerdings sogar Zeit für uns", wunderte sich einer aus dem Betriebsrat. Kein gutes Zeichen. Dass sich Gorny mit seinen Vorstandskollegen nicht besonders gut versteht, gilt in der Branche als offenes Geheimnis. Bei der Mitarbeiterversammlung am vorvergangenen Freitag kam es vor versammelter Mannschaft beinahe zum offenen Streit darüber, ob man die seit Oktober 2003 auch bei Viva ermittelten GfK-Einschaltquoten nun als Fluch fürs Musikfernsehen (Gorny) oder als wundervolles Messinstrument (Vorstandsmitglied Jörg Grabosch) bewerten solle.Brainpools RestpostenAls Brainpool-Mann befürwortet Grabosch den Umbau Vivas zu einem jugendlichen Entertainment-Portal. Und gute Quoten in dieser Zielgruppe schaffen in erster Linie nun mal Animes, Gaga-Shows und Brainpool-Restposten. Gornys Herz hängt indes an der Musik. Doch schon vor Monaten wurden Wetten abgeschlossen, wann der einstige Viva-Machthaber aufgibt.Gerüchte hin, Vermutungen her: Fakt ist, dass Time Warner Schulden abbauen und ebenso wie Miteigner Universal Music seine Ergebnisse verbessern will. Der Börsenwert der Viva Media AG liegt bei knapp 200 Millionen Euro. Es bleibt also spannend in Köln-Mülheim.US-Firmen besitzen die meisten Aktien // Viva ging im Dezember 1993 auf Sendung. Im März 1995 kam Viva zwei (seit 2002 Viva plus) dazu. Zur Viva Media AG gehört seit 2001 auch die Produktionsfirma Brainpool. Der US-Konzern Time Warner hält 30,6 Prozent der Viva-Anteile, die Musikfirma Universal 15,3 Prozent. Beide denken über einen Verkauf nach.Seit März 2000 ist Viva an der Börse notiert. Vorstandschef wurde der bisherige Geschäftsführer Dieter Gorny. Im Herbst 2003 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück. Unter dem Druck der Werbekrise mussten binnen eines Jahres rund 200 der 800 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.Foto: Dieter Gorny hat Viva gegründet. Im Jahr 2000 brachte er den Musiksender an die Börse.

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