Deindustrialisierung

Chemie-Experte fordert Enteignung von Dow-Werk, um Ost-Standort zu retten

Werke wie jenes der Leuna Polyamid GmbH oder der Cracker von Dow Chemical sind strukturrelevant. Sie zu retten, würde eine Enteignung rechtfertigen, sagt der ehemalige IWH-Chef Professor Ulrich Blum.

5 Min
Bis Ende 2027 will sich Dow Chemical aus Böhlen zurückziehen. Eine Betriebsschließung, die einen Dominoeffekt nach sich ziehen könnte.

Bis Ende 2027 will sich Dow Chemical aus Böhlen zurückziehen. Eine Betriebsschließung, die einen Dominoeffekt nach sich ziehen könnte.

© Jan Woitas/dpa

Die Zukunft des ostdeutschen Chemiedreiecks ist ungewiss. Die Leuna Polyamid GmbH wird zum Monatsende ihre Produktion einstellen. Danach soll das Werk, das erst zu Beginn dieses Jahres mit 80 Millionen Euro Steuergeld gerettet wurde, abgebaut werden. Nur noch bis Ende 2027 will der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical seine Anlagen in Schkopau und den Cracker in Böhlen weiterbetreiben. Dann soll auch hier Schluss sein.

Beide letztgenannten Standorte sind die Herzkammern des Chemiedreiecks in Ostdeutschland. Ihre Abschaltung hätte gravierende Folgen und müsse unbedingt verhindert werden, erklärt Prof. Ulrich Blum, der langjährige Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Seine Idee für den Cracker: Eine Enteignung und die Übernahme des Betriebs in staatliche Treuhänderschaft, die sich dann um einen Verkauf bemüht.

Sozialpflichtigkeit des Eigentums gehe auch Unternehmen an. Es basiert auf Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes, wonach Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. „Wenn aber ein Unternehmen eine gesamte, hochvernetzte Industriestruktur zerstört, dann muss man darüber nachdenken, ob das mit diesem Grundsatz vereinbar ist“, so die Argumentation von Professor Blum. Eine Enteignung eines so strukturrelevanten Betriebes wäre rechtlich möglich. Allerdings müsste Dow Chemical entsprechend entschädigt werden und das könnte mit den Erlösen aus einem späteren Verkauf geschehen.

Die Vorteile lägen klar auf der Hand: Der Cracker könnte weiter in Betrieb bleiben. Er gilt als das Herzstück des mitteldeutschen Stoffverbundes. Hauptrohstoff des Steamcrackers ist das Rohbenzin (Naphtha), das zum  Teil aus der benachbarten TotalEnergies Raffinerie in Leuna stammt. Es wird unter extremem Energieaufwand mit Wasserdampf auf über 800 Grad Celsius erhitzt und dabei gespalten. Bei diesem sogenannten Cracken zerbrechen die langen Kohlenwasserstoffketten in kurzkettige, hochreaktive Moleküle. Es entstehen Ethylen als weltweit wichtigster Basisbaustein für die Kunststoffproduktion, Propylen als Basis für Acrylharze, Verpackungen und Autoteile sowie Aromaten und Pyrolysebenzin, die  zu Lösungsmitteln, Spezialchemikalien, Lacken und Synthesekautschuk weiterverarbeitet werden.

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Transportiert werden die Gase über ein gigantisches 1300 Kilometer langes, teils unterirdisches Pipeline-Netzwerk. Eine Leitung führt direkt in das Werk nach Schkopau. Dort wird Ethylen zu Polyethylen weiterverarbeitet, das für Verpackungen und Kabelisolierungen benötigt wird. Ebenfalls in Schkopau ist der Kunststoffhersteller Trinseo ansässig, der Propylen und die Aromaten aus Böhlen zur Produktion von synthetischem Kautschuk verwendet, den die Reifenindustrie braucht.

Leuna liefert nicht nur das Rohbenzin. Die Raffinerie erhält im Gegenzug fertiges Ethylen zurück, um Spezialchemikalien und Kunststoffe zu synthetisieren. In unmittelbarer Nachbarschaft des Crackers werden verschiedene Hygieneartikel wie Windeln hergestellt, aber auch Bauschaum oder Klebstoffe.

Ein Anbieter bricht weg, für alle wird es teurer

Das Pipelinenetz reicht auch über die Region hinaus bis zum Dow-Werk in Stade. Hier floss bislang Ethylen in großen Mengen von Sachsen nach Niedersachsen. Die Richtung soll sich jetzt umkehren. Das betrifft 500.000 Tonnen pro Jahr. Damit wäre zumindest die Ethylenversorgung im Chemiedreieck sichergestellt. Es gibt aber auch eine Anbindung zum Seehafen-Terminal in Rostock, um Überschüsse auszugleichen oder Rohstoffe zu importieren.

Stellt der Cracker seine Produktion ein, hätte das nicht nur gravierende Folgen für die Zulieferbetriebe, die sich neue Kunden suchen müssten, und für die Abnehmer, die aufwendig neue Rohstofflieferanten finden müssten. Ein Problem dabei sind auch die Pipelines. Sie finanzieren sich durch Durchleitungsgebühren. Fällt mit dem Cracker in Böhlen der mit Abstand größte Einspeiser weg, bricht die transportierte Stoffmenge massiv ein. Die Fixkosten für die Wartung, den Betrieb und die Sicherheit des riesigen Pipelinenetzes bleiben gleich. Sie verteilten sich dann auf die verbleibenden Nutzer, Netzentgelte würden massiv steigen und am Ende stünde die Wirtschaftlichkeit des gesamten Netzbetriebs infrage.

Es gäbe also gute Gründe, den Cracker zu sichern, so Ulrich Blum. Er kritisiert vor allem die Motivation von Dow Chemical. Das Unternehmen steht wirtschaftlich massiv unter Druck. Das Geschäftsjahr 2025 beendete der Konzern mit einem  Nettoverlust von 2,44 Milliarden US-Dollar bei gut 34 Milliarden US-Dollar Umsatz. Ein Überangebot drückt auf die Preise. Gleichzeitig belasten Restrukturierungskosten und gestiegene Ausgaben für die Energie die Bilanzen. Das endgültige Aus des Crackers bedeute eine Bereinigung des Marktes, um die Preise zu stabilisieren. Man wolle die Produktionskapazitäten nicht der Konkurrenz überlassen, so der Verdacht.

Den hatte in der Vergangenheit auch schon der Betriebsrat mehrfach geäußert. Es habe mindestens einen ernsthaften Investor gegeben, der die Anlagen in Böhlen und Schkopau weiterbetreiben wollte. Die Gespräche wurden jedoch von der US-Konzernzentrale in Midland (Michigan) blockiert.

Mittlerweile beschäftigt das Thema auch die Bundesregierung. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei Befragungen im Bundestag kritisiert, dass eine Nachnutzung des Betriebsgeländes durch Dow systematisch verhindert werde. Das wolle die Bundesregierung nicht akzeptieren und suche das direkte Gespräch mit der US-Konzernspitze.

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