Krise? Welche Krise?

Wolfgang Fuhrmann
3 Min

Ich bin Herrn Mussbach wirklich sehr dankbar", sagte Daniel Barenboim gestern Abend bei der am schnellsten einberufenen Jahrespressekonferenz, die die Staatsoper Unter den Linden in den zweieinhalb Jahrhunderten ihres Bestehens erlebt hat. Keine 36 Stunden waren seit Staatsopernintendant Peter Mussbachs Rücktritt vergangen, schon wurde das Jahresprogramm vorgestellt, von dem eine Presseaussendung noch vor Kurzem behauptet hatte, es müsse zur Hälfte abgesagt werden, und nun sagte also Daniel Barenboim, zwischen Generalprobe und Konzert mit den Wiener Philharmonikern nach Berlin eingeflogen: "Ich bin Herrn Mussbach wirklich sehr dankbar. Er kam voller Ideen, voller Impulse." Wie Peter Mussbach sechs Jahre später gegangen ist, dazu sagte Barenboim auch etwas: "Menschlich bin ich sehr traurig, dass es so geendet hat." Nur einen Vorwurf habe er gegen Mussbach: dass dieser "Meinungsverschiedenheiten" an die Öffentlichkeit getragen habe. Das müsse nicht sein.Obwohl es ja eine Berufsgruppe gibt, die von so etwas lebt, die Journalisten, und diesen hatte Barenboim nun auch einiges zu sagen. Denn was geschrieben worden sei in den letzten Wochen, das sei so ziemlich alles falsch. Erst einmal: Eine Krise gebe es nicht. Die Staatsoper habe 90 Prozent Auslastung und seit Januar 122 Abende gegeben. Zweitens: Er, Barenboim, habe für sein Orchester, die Staatskapelle, keineswegs 1 800 000 Euro gefordert, sondern das Orchester erhält jetzt 250 000 Euro mehr, um Anfänger zum Endgehalt beschäftigen zu können, ferner 500 000 Euro für außertarifliche Dienste. Auch Mussbach habe bekommen, was er für die künstlerische Ausstattung wollte.Falsch sei also drittens auch die Darstellung des Konflikts, der zum Abgang Mussbachs und seines Verwaltungsdirektors Georg Vierthaler geführt hat. Der Konflikt habe sich zwischen Mussbach und Vierthaler am Wirtschaftsplan für 2008 entzündet. Er, Barenboim, habe es lediglich abgelehnt, dass der Generaldirektor der Opernstiftung, Stefan Rosinski, den Wirtschaftsplan gemeinsam mit dem Intendanten erstelle; hier habe er einen Interessenkonflikt gesehen. Nachdem Mussbach im Kulturausschuss mit Bezug auf Barenboim von "Mafia" gesprochen habe, hätte es keinen Dialog mehr gegeben. Was haben Sie getan, um Peter Mussbach am Haus zu halten, fragt jemand. "Nichts", sagt Daniel Barenboim.Übrigens plant die Staatsoper in der nächsten Saison folgende Premieren: Tschaikowskys "Eugen Onegin" (Regie: Achim Freyer), als Uraufführung Peter Ruzickas "Hölderlin. Eine Expedition", Charles Gounods "Faust" (Regie: Karsten Wiegand), Wagners "Lohengrin" (Regie: Stefan Herheim), Haydns "Orlando paladino" statt der ursprünglich geplanten "Armida", und Mozarts "Entführung aus dem Serail" (Regie: Michael Thalheimer). Für "Hölderlin" und "Orlando" wird noch nach Regisseuren gefahndet, da Peter Mussbach nicht mehr inszenieren wird wie geplant.Auf das Genöle eines Journalisten, warum es jetzt in Berlin drei neue "Eugen Onegin" gebe und zwei marode "Tosca"-Inszenierungen, antwortet Barenboim ("ich werde jetzt alles erzählen") mit einer Schnurre: wie er sich 1963 in Ost-Berlin in die "Tosca" verliebt habe, inszeniert von Götz Friedrich, beflügelt vom dort erworbenen russischen Champagner und einer jungen Dame, und dass er auch noch heute den zweiten Akt "Tosca" auswendig am Klavier könne, "wenn wir einmal die Zeit haben" . Und aller journalistische Unmut zerstäubt. Auch wenn sonst alles falsch ist, was wir schreiben, dieser Satz ist lautere Wahrheit: Gegen Daniel Barenboim kann man nicht gewinnen.

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